Ausgabe 
22.7.1846
 
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Intelligenz-Olatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

Erinnerungen an das Feldbergsfeſt, am 12. Juli 1846. (Aus der Mappe des hinkenden Boten.)

Die Didaskalia meldete, daß am 11. Juli Feuerzeichen auf dem Feldberg gegeben werden ſollten, um zu dem Tags darauf Statt findenden Volksfeſte einzuladen.

Für einen hinkenden Boten iſt eine Feldbergsreiſe eine ſchwere Aufgabe, doch wurde ſie gelöſt. Zum Aublick der aufgehenden Sonne war das Wetter nicht günſtig; doch fand ich am 12. Juli, Morgens gegen 6 Uhr, auf der ſehens werthen Ruine in Reiffenberg eine Anzahl Turner, welche als MorgenliedDem Turner ward ein hohes Ziel/ an⸗ ſtimmten. Der Himmel klärte ſich auf, und in einer großen Geſellſchaft gelangte ich nach einer den Verfall erwartenden Kapelle oberhalb Reiffenberg. Dieſen Punkt ſollte man nicht unbeſucht laſſen, die Winde wehen hier kräftiger, und die Luft, welche man einathmet, iſt reiner, ja bei Nacht ſollen Mond und Sterne hier heller leuchten, als im Thal. Mehrere Piſtolenſchüſſe knallten, und die Berge gaben viel ſtimmig den Gruß zurück. Wenn ein hinkender Bote eine Kapelle auf hohem Bergesgipfel erklettert, und durch den Anblick einer herrlichen Gebirgsgegend erquickt wird, fühlt er ſich erbaut und erhoben, entſagt allen Grillen und jeder feindſeligen Geſinnung, empfindet Ruhe und Frieden. Das iſt der Ablaß, den das Wallfahren gibt, und wenn auch mit den mittelalterlichen Erſcheinungen in unſern, Entſchie denheit fordernden, Tagen nicht geliebäugelt werden darf, es ſei denn, daß man ſie zurückwünſche, ſo muß doch der Wunſch ausgeſprochen werden, daß dieſes Kapellchen freund lich hergeſtellt werden möge.

Auf den Arm eines rüſtigen Fußgängers geſtützt und von dem Stecken eines ſeiner Begleiter gezogen, ſchleppte ich mich auf den Gipfel des Feldberges, und war über den Anblick der Umgebungen entzückt. Doch verſicherte man mir, bei hellerem Himmel ſei die Ausſicht wahrhaft großar tig, und man ſehe die Städte Homburg, Offenbach, Hanau, Mainz und Oppenheim, auch erſcheine in Nebelferne Aſchaf fenburg, wie Dieß der gemüthliche L. Hub beſungen hat. Es war 8 Uhr Morgens. Schenktiſche waren aufgeſchlagen, Orgelmännchen, Guitarrenſpieler, Polichinellenkaſten, Ga lanterieladen, Seiltänzer wie auf einem Jahrmarkt, Volk zu Roß und Wagen, eine Maſſe, die zu Fuß gekommen war, im Ganzen bis auf 10000 Mann. Dabei ſchoß es, trommelte es, geigte es, trompetete es. Auf dem Brunhil⸗

denſtein ſah man ſich nach der Landſchaft um; auf dem Fel- ſen lagen die Leute, ſchliefen, aßen, tranken, ſprachen. Hier und da klagte man über die Kälte, und man drängte ſich um die kleinen Feuerſtellen, über welchen der Kaffee gebraut ward. Forſtbeamte gingen auf und ab, um jede Verletzung der Forſtgeſetze zu verhüten.

Tief unter mir ertönte das Glöckchen einer Kirche, nur einem geübten Ohre vernehmbar, und ich gedachte daran, daß heute ein Sonntag ſei, und Tauſende meiner Brüder ſich eben erbauen. Aber, um mich des Berges reine Luft, ich ſelbſt auf dieſen Höhepunkten, ſo ſehr erhaben über die Welt in ihrem Alltagstreiben, und ſoviel näher den Wol⸗ ken: iſt das nicht auch Erbauung!

Man ſinge nur das herrliche Lied von Freſenius: Hier auf dieſen frohen Hohen ꝛc. Es ergreift ſchon in der Singſtube, wie vielmehr auf dem Gipfel des Feldbergs! Es wird ſo viel heute über das Gefängnißweſen geſchrieben. Wie wäre es, wenn man eine Anzahl Sträflinge ſorgfältig verpackt, auf den Feldberg ſchickte, damit ſie ſchmecken und ſehen ſollen, wie freundlich der Herr iſt; vielleicht doch unter ſolchen Betrachtungen ward ich geſtört durch den Ruf:Nur eingeſetzt, meine Herren! Wer nichts wagt, ge⸗ winnt Nichts, und mit ſechs Kreuzern kann man das Geld guldenweiſe gewinnen! Setzen Sie bei, meine Herren! Ich ſchaute mich um und ſah einen Tiſch, auf dem eine Roulette ſtand, ſah Jung und Alt hineilen und wegſchleichen, eine Spielhölle da, wo ich einen Tempel des Herrn, nicht von Menſchenhänden gemacht, vermuthete. Nein, nicht Eine Spielhölle, wenigſtens ein Dutzend war zu ſehen, und die Leute können keine ſchlechten Geſchaͤfte gemacht haben. Da erklingt Blechmuſik, und ertönt der Ruf: Gut Heil! Gut Heil! Die Homburger, die Homburger! Ich ſeufzete tief. Ach, hier auf dieſen frohen Höhen entweiht man den Tag des Herrn, und ruft den Spielpächtern von Homburg Gut Heil zu! Iſt es nicht genug, daß ſie dort unten von erbeutetem Spielgeld einen Palaſt bauen? Doch hier oben iſt ein Homburger Grenzſtein, und warum ſoll man bei dem Schall der Blechmuſik nicht rufen dürfen: Hier Hom⸗ burg und Spielhölle! Die Muſik und das Gebrauſe der Menſchen kam näher, ich wollte mich entfernen; da hob ich meine Augen auf, wie wurde ich enttäuſcht! Das Gut Heil iſt der Turnergruß, es galt den Turnern, die mit der in Turngewand gekleideten Militärmuſik heraufgezogen kamen. Die Fortſetzung meiner Betrachtungen über das Roulette⸗ ſpiel auf dem Feldberg überließ ich dem loͤblichen Feldbergs⸗