Ausgabe 
19.8.1846
 
Einzelbild herunterladen

u 260.

u. ſ. w. haben, mit Ihnen eine kleine tour de danse ein Tänzchen zu machen! Und nun eilen ſie in die zier⸗ liche Liliputtscolonne denn in Liliputt, einem Zauber⸗ lande, da ſind die ausgewachſenen Menſchen noch viel klei⸗ ner, als unſere Tänzer, und gleichen wir Erwachſene mit unseren Storchsbeinen, wenn wir deren haben, wie z. B. ich nicht, großen, großen Rieſen. Die Reihe iſt aufge⸗ ſtellt und auch ziemlich groß. Leider ſind nur einige Däm⸗ chen ſitzen geblieben und reiten den Schimmel, wie man das ſo nennt! Was mögen dieſe armen, unglücklichen Seel⸗ chen denken und fühlen? Da mag es kochen und ſieden, da mag ein herrliches Teufelsbreichen von Neid und Aer⸗ ger und Haß gar gekocht werden! Man hat einmal herumgetanzt. Und nun muß doch auch(etwas) geſprochen wer⸗ den: Wie iſt es ſo heiß, wie iſt es ſo ſtaubig, wie iſt es ſo ſchön! Wie gefällt es Ihnen? Schwitzen ſie auch ſo, wie ich? Und ſollte das Wiegen der Dämchen in den Aerm⸗ chen der Herrchen nicht ein kleines, ganz kleines freilich noch unbewußtes Reizchen ausüben auf die Sinnennerve? Sollte ſich daraus nicht ein zärtliches Verhältniß entſpin⸗ nen oder ein wenig Eiferſucht oder ein kleines Duellchen? O, wie würde ich mich freuen, wenn ſich zwei Burſche den andern Tag balgten? Da dürfte ich doch ſagen! Sehet, das Tanzen iſt eine ſchöne Sache, denn es führt zum Tur⸗ nen. Es ſind ſchon mehrere Tänze gemacht; es iſt heiß! Da müſſen die Kleinen trinken und doch wahr⸗ lich nur Wein. Denn das wäre doch zu hart, wenn die Eltern Wein tränken und die Kinder Waſſer. Darum Wein und wenn es ihnen wiederum heiß geworden iſt, abermals Wein mit etwas Zuckerwaſſer und nochmals Wein. Und ſo geht es denn bis in die Mitternacht hinein:

Und hurtig in dem Kreiſe gings,

Sie tanzten rechts, ſie tanzten links,

Und alle Röcke flogen.

Sie wurden roth, ſie wurden warm,

Und ruhten athmend Arm in Arm!

Und nun ſchnell abgekühlt, das heißt, von außen die Poren geſchloſſen, damit das Feuer inwendig bleibt und nicht herauskann. Und nun nach Haus in das verwaiſte Bettchen. Wie mag das erſtaunen, daß es heute ſo ſpät die Ehre hat, daß es heute nicht hört das Abendgebet des kleinen Nachtſchwärmers, dem ſchon längſt die Augen zuge⸗ fallen ſind. Guten Morgen, ihr Kinder! Es läutet ſchon das erſte Zeichen in die Schule. Ach, ein bischen Kopfweh, ein bischen Fieber, ein kleines Katzenjämmerchen! Mutter wenn du klagſt an dem Krankenbett deiner 14jäh⸗ rigen Tochter, die da leidet an Bruſt und Lunge; Vater, der du alsdann anklagen willſt den unerforſchlichen Gott, der dir ſo Hartes gethan hat erinnert Euch, ob ihr viel leicht einmal mit Eurem Töchterchen vor vielen Jahren auf einem ſolchen Kinderbällchen wart, fraget Euch nun, an welchem Gelde das Gift klebt, an dem, das in den Beu⸗ tel des Tanzmeiſters ſchluͤpft, oder an dem, das da zur Apotheke wandert. Da muß denn das Kind aus der Schule bleiben. Wozu aber auch noch in die Schule ſchik⸗ ken, wenn der Tanzmeiſter ſo geſchickt zu erziehen weiß. Habt ihr denn nicht geſehen die vollendetſten Muſter des Anſtandes, ſo zu ſagen, wie man ſich im Kleinen belügt, wie man im Kleinen Leidenſchaftches ſpielt. Manche ſind wirklich in die Schule gekommen. Allein was intereſ ſirt dieſe heute der Himmel, da ihnen der von geſtern Abend noch ſo glänzend vor der Seele ſchwebt was die Roſen und Blumen der Naturgeſchichte, da ſie ſchon eine andere Blumenſprache begonnen haben. Und ſo ackert und pflügt denn der arme Lehrer auf trocknem harten Boden und muß die Schläfer hinausſchicken, daß ſie ſich, wie trockne Bäumchen, mit Waſſer begießen und wieder ein wenig be⸗

leben! Tanzmeiſter, du biſt ein Gluͤckskind, ein Ju⸗

genderoberer; wenn du rufſt, laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, dann kommen ſie gewiß. Und es muß ja auch ſo ſein. Denn warum hat man denn heutzutage Peſtalozzi- und Turnvereine? Warlich, um die Pfuſcherarbeit auf dem Gebiete der Erziehung des Kör⸗ pers und Geiſtes wieder auszubeſſern! Wenn uns der Tanzmeiſter keine ſiechen, abgehärmten, an Geiſt und Herz abgenutzten und verwahrloſten Buben lieferte, was ſollten denn da dieſe Vereine wirken? Ja wahrlich, Kinderbälle ſind zeitgemäß, die Vorarbeiten der Peſtalozzi⸗ und Turnvereine. Denn wer wäre noch ſo dumm und einfältig, zu glauben, daß der Peſtalozziverein nur armen, elternloſen Waiſen angehöre? Ach, ſie ſind wohl verwahrloſt, weil ſie nicht kennen die ſchönen Kinderbälle, weil ſie nicht eſſen und trinken Kuchen und Wein, weil ihr geſunder Körper geſtählt iſt durch die Blößen ihrer Kleider. Der Peſtalozzi⸗ verein will auch die ſogenannten Vornehmen und Gebildeten in ſich hereinziehen und ihnen ſagen: ſeht, ihr lieben Eltern, ihr ſeid bedeutend auf dem Holzwege! Wie Peſtalozzi einſt die ſchmutzigen Geſichter der Kleinen wuſch, das Ungeziefer vom Kopfe kämmte und die Grindköpfe fegte, ſo lernet von ihm, wie ihr abwaſchet den Schmutz der Eitelkeit und des altklugen Weſens, wie ihr die Waldböcke der obengenannten kleinen Leidenſchaften entfernt, die ſich in das Herz eurer Kinder eingefreſſen haben, wie ihr ſäubert den Unrath der Heuchelei und Verſtellung ſchickt ſie auf den Turnplatz! Dort iſt heitere, fröhliche Zerſtreuung nach den ernſten Stun⸗ den der Schule, dort iſt friſche, geſunde Luft nach dem Stubendunſte, dort iſt Bewegung genug, welche den Körper ſtärker und gewandter macht, als alle Verrenkungen und Verdrehungen des Tanzmeiſters. Dort iſt ein geſunder Schweiß, nicht erzeugt von dem Taumel des Tanzes und dem Gluͤhen des Weines. Nach einem Reigen auf dem Turnplatze da ſchmeckt das trockne Stück Brod beſſer, als der ſüße Kuchen am Schenktiſche, ſchmeckt das friſche Waſ⸗ ſer ſüßer, denn der köſtliche Wein und iſt der Schlaf feſt und erquickend, die Ruhe ſtärkend und erholend, das Auf⸗ wachen ein Auferſtehen zu neuem Leben, zu neuer Luſt, zu neuer Freude! Und wie iſt es mit den Mädchen? Sie ſind ja ausgeſchloſſen von allen dieſen Vergnügen! Freilich, wir haben noch keine Turnplätze für ſie. Nun, ſo lange es noch Eltern giebt, welche dieſes für Narrheiten und Poſſen erklären, ſo lange ihnen dies noch Aergerniß iſt, turne das Mädchen in der Art, daß es die Mutter in den Garten be⸗ gleite, und Bohnen breche und Unkraut gäte und Kartoffeln aushacke, herrliche Uebungen, wie an Reck und Barren. Und von Zeit zu Zeit mit dem Lehrer einen Spaziergang hinaus in die einladende Natur das iſt ebenſoviel, das iſt noch mehr als der Turnlauf! Lebe wohl, lieber Leſer!

Man nig faltiges.

Gar emſig hat man in verſchiednen Zeiträumen ſich bemüht, die Menſchen zu Maſchinen zu machen. Niemals iſt es aber ganz gelungen. Und mehr als je hat jetzt auch der Niedere es fühlen gelernt, daß er nicht ein todtes Ge⸗ häuſe nur iſt, ſondern im Inneren ein freies ewiges Uhr⸗

werk trägt. *

* 8*

Wie viele Geſetze ſind in die Welt gegangen ſeit den Geſetzen, die vom Berge Sinai herabkamen. Man könnte mit allen den Geſetzrollen, Geſetztafeln, Geſetzbüchern einen Berg aufſchichten, der höher ragen durfte als der Berg

7.