Ausgabe 
17.1.1846
 
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Jahr 1819 aber hatte es an ſich, daß es wohl ausſah, als ſollte es keinen Winter geben; denn im November war's noch wärmer und ſchöner, als anno 1817 im Auguſt. Aus dieſem November erinnere ich mich einer Begebenheit, die ich Euch, liebe Leſer, erzählen will und ich hoffe, Ihr wißt mir's Dank, denn ſie zeigt, wie Gottes Gnade die Seinen wun⸗ derbarlich führt und tiefes Leid in ſelige Freude verwandelt. Es war am 11. November 1819. Die Sonne ſchien noch recht lieblich auf einen Felſen, um den herum alte Eichen ſtanden. Der Felſen war ganz mit Epheu umrankt, der ſeine ſchoͤnen ſchwarzen Beeren in Büſcheln trug. An den Felſen ging der Weg vorüber, der nach dem netten Forſthauſe führte, wo damals der Forſtmeiſter Werner wohnte. Oben auf der platten Höhe des Felſens ſaßen zwei Knaben, kräftig blühende Buben, der Eine von neun, der Andere von etwa eilf Jahren. rf ul ane an einem enkranze und plauderten dabei mit einander. *Es iſt doch recht dumm, ſagte der Eine, daß des Vaters Geburtstag nicht in den Mai fällt. Da fänden wir überall die herrlichſten Blumen und wir könnten Mal⸗ chens Garten auch recht ausplündern. 1 Ja freilich, ſagte Ernſt, der Aeltere, dann gäb's einen Kranz, daß es eine Art hatte, und der gefiele dem Vater auch beſſer. 1 8 l. ich doch nicht ſagen, bemerkte Fritz, der 5. 0 f Jüngere von Beiden, der iſt ihm doch auch lieb. Was mich ärgert, iſt, daß wir nicht mehr haben; aber die Mutter ſagte, kaufen dürften wir nichts aus unſerer Sparbuüchſe, weil alle Kinder etwas Selbſtgemachtes dem Vater ſchenkten.

Aber die Mutter hat doch den neuen Hirſchfänger mit dem vergoldeten Griffe nicht ſelber gemacht, ſagte Ernſt.

Das iſt auch die Mutter! verſetzte Fritz mit Nach⸗ druck; die hat keine Zeit etwas zu machen, denn ſeit 4 Wochen kocht ſie ja immer und die Mädchen ſitzen droben heimlich bei einander und tutſcheln. Was ſie nur machen?

He! weißt Du das nicht? lachte Ernſt. Ich weiß Alles. Hab's ihnen abgeluxt, aber nichts geſagt, denn das darf man nicht, ſonſt verdirbt man ihnen die Freude.

O, ſag mir's! bat Fritz.

Willſt du auch ſtill ſchweigen? fragte Ernſt.

Ach, gewiß! gelobte Fritz. 8

Gieb denn Acht, hob Ernſt mit wichtiger Miene an. Du weißt, wie der Vater voriges Jahr ſo traurig war, als ihm der ſchöne Holzkopf zerbrach, auf dem die Hirſch⸗ jagd geſchnitzt war. Ich glaube er ſtammte vom Großvater. Da hat ihm der Arnold einen aus Ahornmaſſer geſchnitzt, gerade wie der war, aber viel ſchöner und auch größer. Hei, den ſollteſt Du ſehen! Die Hirſche leben. Die Aeſte der Tannen hört man ordentlich krachen, die ſie im Durch⸗ jagen zerbrechen. Und Hunde ſind dabei, man meint auch, man müſſe ſie bellen hören, Hühnerhunde, Bracken, Däch ſel und dahinter ſteht der alte Förſter, die Büchſe am Backen. Pfuff! da geht's los!

Fritz hatte ſehr andächtig zugehört. Seine Augen glänzten vor Luſt..

Ei, das muß ja eine helle Pracht ſeyn! rief er voll Verwunderung aus. Was wird da der Vater ſagen? Ich wollt', ich könnt' auch ſo ſchnitzen wie der gute Arnold! Was haben denn die Mädchen?

Rath' mal! Unſer Malchen hat dem Vater zu dem neuen Hirſchfänger ein Bandelier in Gold geſtickt, das ſollteſt Du ſehen. Himmel! das blinkt!

Und Roſa? fragte Fritz weiter.

Ja, die hat erſt etwas Schönes gemacht, eine gruͤne Pferdedecke mit den prächtigſten Eichelgewinden gerade als lebten ſie. Und in den Ecken iſt des Vaters Namens⸗ zug in Gold geſtickt.

Da kommen wir ſchön an mit unſerm armen Ge⸗ ſchenke, ſeufzte Fritz. 0 0

Sey nur ruhig, ſagte Ernſt tröſtend. Die Mutter muß es doch beſſer wiſſen. Sie hat's uns angegeben. Ich hab' noch was vergeſſen, fuhr Ernſt fort. Der Arnold hat den ſchönen Kopf auch mit Silber beſchlagen laſſen, und auf dem Deckel ruht ein Hirſch. S'iſt Dir eine wahre Pracht. Ich glaub' das Malchen hat's beſorgt, denn der Arnold küßte ſie aus Dankbarkeit.

Ja ſchön! rief Fritz, das thut er alle Tage, wenn ſie allein ſind, und die beſorgt doch nicht alle Tage ſo einen Beſchlag an einen Pfeifenkopf.

Während die Knaben ſich ſo angelegentlich unterhiel ten, hatte ihre Arbeit geruht. Der Abend nahte und es wurde kühler im Schatten der Bäume. Sie hatten auch

nicht bemerkt, daß Jemand von der Landſtraße in den Weg

zum Forſthauſe eingebogen und hinter ſie hingetreten war.

Ein junger Mann war die Straße hergekommen. Seine Kleidung war dürftig und abgetragen. An zwei Salbenden trug er ein Bündel auf dem Rücken, woran er nicht ſchwer zu tragen hatte. Eine grüne Mütze deckte den Kopf, um den ein ungemein ſtarkes braunes Haar lang herab hing. Ein ſehr verwildeter Bart bedeckte das halbe Geſicht. Ueber die rechte Wange zog ſich eine ziemlich breite Narbe. Auf ſeinen Dornenſtock geſtützt ſtand er da und hörte mit ſichtbarer Bewegung dem kindlichen Geplauder der beiden Knaben zu. 5

Eine Bewegung verrieth jetzt ſeine Anweſenheit. Als ihn die beiden Knaben anſichtig wurden, ſprangen ſie er⸗ ſchrocken auf.

Der Fremde beruhigte ſie bald. Er erzählte, daß er

zu Herrn Arnold, dem Actuare des Forſtmeiſters wolle, dem

er Nachrichten aus der Heimath bringe.

Ei, ſo komm, rief Fritz, ich will Dich zu ihm fuͤhren.

Dann wird ja Euer Kranz nicht fertig, warf der Fremde ein. Er bat ſie fortzufahren und bot ihnen ſeine Hülfe an, da er keine Eile habe..

Die Knaben nahmen das gerne an, und durch ſeine gewandte Hand wurde das Werk kindlicher Liebe nicht nur gefördert, ſondern es gewann zu der Buben Freude bedeu⸗ tend an Dauerhaftigkeit und Schönheit.

Ihr ſeyd wohl beide des Oberförſters Werners Söhne? fragte der Fremde, als die Arbeit zu dritt begonnen hatte.

Ei, fiel ihm Ernſt in die Rede, der Vater iſt ja vor einem Jahre Forſtmeiſter geworden.

Das wußte ich nicht, ſagte der Fremde.

Warſt Du denn ſchon in unſerm Hauſe? fragte Fritz.

Früher wohl, ſagte der Fremde. Du heißt ja Fritz?

Richtig entgegnete der Genannte; aber ich kenne Dich nicht mehr.

Kann ſeyn, war die Antwort des Fremden. Wieviel Kinder waren Euerer doch damals? Ihr zwei, die beiden Mädchen und ein größerer Bruder. Nicht wahr? Aber ich meine, Eine von den Mädchen hätte Roſa geheißen?

Richtig, unſere ſtille, liebe, traurige Roſa! fiel Fritz ein und der Bruder Karl.

Wo iſt denn der?

Ach, ſagte Ernſt traurig, der iſt wohl todt. Er iſt im Kriege in Rußland geweſen. Darum weint auch die gute Roſa ſo ſehr, denn die hatte ihn ſo lieb. Du ſollteſt einmal ſehen, wenn ſein Name genannt wird, wie da auch gleich die Mutter weint. Der Vater fährt dann immer mit der Hand über die Augen und geht hinaus.

Der Fremde mußte heftig huſten, zog ein Taſchentuch heraus, um ſich die Augen zu trocknen, denn von dem ſtar⸗ ken Huſten waren ſie ihm übergegangen.