Ausgabe 
12.12.1846
 
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Intelligenz-Glatt

ſür die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

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Amtlicher Theil. Der Großherzoglich Heſſiſche

Kreisrath des Kreiſes Hungen

an ſaͤmmtliche Großh. Bürgermeiſter dieſes Kreiſes.

Betreffend: Die von den Großh. Bürgermeiſtern am Ende jeden Jahres einzuſendenden Tabellen, und Rachweiſungen.

Sie werden, die in meiner Verfugung vom 20. Decem⸗ ber 1844 Nr. 102 des Intelligenzblattes vorgeſchriebenen Tabellen bis zum 25. d. M., bei Vermeidung der Zuſendung eines Wartboten, an mich einſenden.

Dieſelben ſind auf gedrucktes Formularpapier zu ſchrei ben, welches Ihnen mit dem nächſten Boten zugeſandt werden wird.

Hungen am 7. December 1846.

Follenius.

Ueber Volkserziehung und Peſtalozziverein. (Schluß.)

Doch nicht blos fuͤr die Einzelnen, ich kann nicht ſagen fur die Wenigen, welche wegen der leiblichen Noth in Gefahr ſind, geiſtig zu verkümmern, nein für die große Maſſe ſcheint mir ein Peſtalozziverein, wie ich ihn mir denke, eine noth⸗ wendige, wenigſtens äußerſt nützliche Stiftung zu ſein. Be trachte ich die Erziehung wie ſolche in 1000 und 1000 Fa⸗ milien gewöhnlich iſt, gehe ich namentlich in den Häuſeru unſerer Landleute umher, um zu ſehen, wie dorten die Kinder behandelt werden, ſo fiude ich faſt allenthalben zu rügen und zu tadeln. Häufig möchte ich mit blutendem Herzen die Frage aufwerfen: Was kann aus ſolcher Behandlung Gutes entſtehen? Wenn Mann und und Weib faſt täglich mit einander hadern und ſtreiten, wenn ſie im Beiſein ihrer Kinder ſich chrenruͤhrige Vorwürfe machen, ſich einander mit Schimpfwörter belegen, kann wohl ein ſolches Trauer⸗ ſpiel auf die kindlichen Herzen wohlthätig wirken? Wenn Fluchen und Läſtern und ſchandbare Reden das gewöhnliche Tagesgeſpräch bilden, wie ſollte aus dem giftigen Samen eine heilſame Frucht ſich entwickeln? Sehen wir weiter, wie man den Kindern begegnet. Auf der einen Seite wird, beſonders in den erſten Jahren, durch ſchwache Nachgie⸗ bigkeit der Eigenſinn geweckt und befördert. Wenn die

Säuglinge weinen, iſt das Mutterherz zu weich, denſelben entgegen zu treten, um ihre Thränen zu trocknen wird meiſt ihr Begehren erfüllt. Auch ſpäter haben die Aeltern nicht immer Feſtigkeit und Beharrlichkeit genug, auf dem Ge⸗ horſam zu beſtehen, wenn ſie den Kindern Etwas befohlen haben. Sie drücken aus Schwachheit die Augen zu und ſchweigen ſtille, wenn die kleinen Herrchen ſich nicht zur Folgſamkeit bequemen wollen, oder ſie drohen und ſchelten, ohne ihre ernſte Sprache zu verwirklichen. Solche Lehren ſind nicht verloren. Wir bemerken daher bisweilen Kna⸗ ben und Mädchen von wenigen Jahren deren Eigenſinn uns in Erſtaunen ſetzt; wir ſehen unerfahrene Jünglinge, welche keinen Rath, vielweniger eine Warnung und Zu⸗ rechtweiſung annehmen wollen; wir hören die Klagen der Aeltern, daß ſie mit ihren wohlgemeinten Lehren tauben Ohren predigen. Auf der andern Seite tritt uns jene ge⸗ fühlloſe Strenge entgegen, welche die kindlichen Tage ver⸗ kümmert und die jugendliche Heiterkeit verſcheucht. Der Stock iſt beinahe das einzige Erziehungsmittel welches faſt in den meiſten Familien, auf dem Lande, bekannt iſt. Er wird täglich gebraucht; nicht blos wenn die Kinder wirk liche Unarten ſich erlauben, ſondern auch bei kindlichen Unvorſichtigkeiten, beſonders wenn dieſe den Aeltern Scha⸗ den verurſachen, wird er geſchwuugen, das Gefühl fuͤr Ehre und Menſchenwürde wird durch dieſe Zuchtruthe unter⸗ drückt. Und wie Vieles wird dabei überſehen, was am wenigſten überſehen werden ſollte. Haben die Kinder z. B. eine Taſſe u. ſ. w. in der Eile zerbrochen, ſo werden ſie mit Strenge beſtraft; ſiud ſie im Streit mit Nachbarskin⸗ dern geweſen und haben ſie hierbei allerlei Unarten ſich er⸗ laubt, ſo werden ſie entſchuldigt, vielleicht gegen die erhobenen Beſchwerden in Schutz genommen. Die freilich nicht leichte Kunſt, Liebe mit Ernſt auf eine zweckmäßige Weiſe zu vereinen, das Tadelnswerthe und Strafbare von dem zu unterſcheiden, was Nachſicht und Entſchuldigung verdient, iſt eine ſeltene Sache. Denken wir nun weiter an die rohen Schimpfwörter: du Galgenſtrick, Canaille u. J. w. welche man taglich, ja ſtündlich hören kann, denken wir, von wie vielen Aeltern der Schulbeſuch als eine drückende Bürde angeſehen wird, denken wir, wie die meiſten ſehn⸗ ſuchtsvoll die Befreiung von dieſem läͤſtigen Zwange er⸗ warten, denken wir, wie manche die Kinder noch beſtärken in ihren Klagen über den Lehrer, wie ſie denſelben in ihren Reden die gebührende Achtung entziehen, ſo haben wir ein freilich noch nicht vollſtändiges, aber immer ſchon betrü