Ausgabe 
12.8.1846
 
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Ich muß euch ein wenig erzählen, wie vorzeiten un⸗ ſere Voreltern haben pflegen den Sabbath zu heiligen. Wann ihr Kinder guter Art ſeid, werdet ihr Luſt haben, ihnen nachzufolgen. Wann vorzeiten der Sonntag kam und(Samſtags abends) zur Vesper geläutet wurde, ſo wurden alle Kramerladen, alle Werkſtätten zugeſchloſſen. Die Eltern ſagten zu ihren Kindern: Lieben Kinder, räumet auf, nicht allein im Hauſe, ſondern auch im Herzen! Der Sonntag bricht an. Gott helfe, daß wir ihn mit heiligen Werken Zungen und Gedanken begehen. Darauf fingen ſie an zu beten, zu leſen und zu ſingen und wann ſie ſich zu Bette legten, ſagten ſie: Hilf, lieber Gott, daß wir wohl ruhen, und morgen luſtig ſein, dein Wort zu hören! Wann die Morgenröthe anbrach, hörte man in allen Häuſern die Jungen und Alten mit lauter Stimme beten und allerhand geiſtliche Lieder ſingen. Wann die Mütter ihre Kinder flechteten und ſchmückten, mußte das Kind ein geiſtlich Lied ſingen, oder die Mutter ſagte den Kindern etwas vor aus Gottes Wort. Wann die Mütter ihren Töchtern den Kranz aufſetzten*) ſagten ſie: Jeſus Chriſtus ſetze dir auch im Himmel die Krone des ewigen Lebens auf! Es machten's damals die Chriſten nicht, wie die gemeinen Leut' heu⸗ tiges Tages, welche des Sonntags erſt nach dem Branntwein ſchicken, ehe ſie in die Kirche gehen und eher ihren Leib mit Speiſe und Trank erquicken, als ihre Seele mit Gottes Wort, welche oftmals eine trunkene Seele zum Hauſe Gottes bringen, und wann ſie ſollten mit dem Zöllner im Tempel ſeufzen und ſagen: Gott ſei mir Sünder gnädig, ſo laſſen ſie einen Rülps fahren von Brannt⸗ wein oder Wermuthwein. Wann oftmals ein Prediger durch ſolch' Leut in einer volkreichen Gemein ſich zur Kan⸗ zel drängen muß, ſo ſtinken ſolche Leut von Branntwein, daß ein ehrlicher Mann oftmals meint, er muͤſſe in Ohnmacht fallen. Wann vor Alters unſere Vorfahren in die Kirche kamen, ſo hatten ſie nicht einen ſolchen Alarm, wie die alten Weiber in dieſer Kirch', welche, wann ſie in die Kirch kommen, zanken ſie ſich bald um die Stühl', bald um etwas anders, und iſt ein ſolch' Geſchwärm, als wann man in die Judenſchul' zu Frankfurt am Mayn käme. Sondern wann unſere Vorfahren in die Kirche kamen, fielen ſie auf ihre Knie, beteten mit Thränen, fiengen drauf an die Kirchenlieder mit Andacht zu ſingen, und wann der Predi⸗ ger auf die Kanzel trat, ſo hörten ſie zu, wie Falken, und giengen nicht aus der Kirch' wieder heraus, bis daß der Segen geſprochen war, und dieſes prieſterlichen oder viel⸗ mehr göttlichen Segens troſteten ſie ſich di ganze Woche über. ꝛc. ꝛc. W.

*) Ein ſolcher Kranz, Schappel genannt, war die alte Kopftracht der Mädchen. Siehe Intelligenzblatt 1845 Nr. 9.

7 Ueber die Brodtheurung und deren Abhülfe. Zum allgemeinen Beſten.(Eingeſendet.) 0

Die Staatsregierung hat durch Ablöſung der Zehn⸗ ten den Grundeigenthümern eine ſehr große Wohlthat ver⸗

ſchafft, wofür gewiß jeder dankbar iſt. Durch dieſe Zehn⸗

tenablöſung iſt aber wieder ein Uebel entſtanden, das beſon⸗ ders den Armen und den Mittelſtand betrifft, nemlich die Aufhebung der Fruchtſpeicher. Dieſes hat die Folge, daß die Früchte in die Hände der Fruchtſpeculanten gegeben ſind, welche uns ſo weit treiben, daß bei der vor⸗ handenen guten Ernte, die Brodpreiſe nicht allein nicht ſin⸗ ken, ſondern dem Vernehmen nach noch erhöht werden ſollen. Bei dieſem fatalen Speculationsgeiſt iſt der Unvermöͤgen⸗ dere, der Taglöhner ꝛc. nicht im Stande hinlänglich Brod für ſeine Familie anzuſchaffen, und ſelbſt der Mittelſtand leidet ſehr darunter. Es iſt factiſch, daß Früchte genug vorhanden ſind und die Preiſe mittelmäßig ſein mußten, wenn nicht durch fingirte Vorauskäufe, Zeitkäufe, die auf abſichtliche Erhöhung der Fruchtpreiſe gemacht werden(Wu⸗ cher), die Fruchtpreiſe enorm in die Höhe getrieben wür⸗ den. Dieſem kann aber nur durch Verfügungen dagegen, welche ſtrenge Strafen verhängen, und dem Entdecker ſo gehäſſiger Manipulationen angemeſſene Belohnung zuſichern, abgeholfen werden. Das zweite Mittel iſt, daß Frucht magazine angelegt und gemeinſchaftliche Backhäu⸗ ſer errichtet werden, entweder aus Staats- oder Gemeinde⸗ Mitteln. Die Früchte es muß nicht gerade Korn ſein, denn Frankreich, Italien, Spanien, England und Holland eſſen Waizen mit Gerſte vermiſcht, ja mitunter Welſchkorn⸗ mehlbrod müſſen zu guter Zeit eingekauft, und jedem freigeſtellt ſein, den Bedarf für ſeine Familie daraus zu nehmen für den Einkaufspreis und darauffallende Unkoſten. Iſt dieſes geſchehen, ſo mögen denn die Herrn Fruchtſpe⸗ culanten ihre Früchte ſo theuer verkaufen als ſie nur konnen. Es könnte auch durch Geldſammlungen Vieles gethan wer⸗ den, indem man ja Collecten ſammelt für Statuen, Concerte, Pocale, Sänger- und Sängerfeſte ꝛc.; aber fuüͤr Sammlun⸗ gen zur Anſchaffung von Brod, zur Abhülfe des Hungers der Armen und Nothdürftigen könnte wohl mehr geſchehen! (Großh. Hef. Zeitung.)

Eich.

Unter diejenigen Ortsnamen unſrer Provinz, welche ſchwierig zu erklären ſind, gehört Lich. Was Prälat Schmidt in ſeiner Geſchichte des Großherzogthums Heſſen Bd. 1. S. 188 und 331 darüber vorbringt, beruht, da er

einer fruher vorkommenden, aber unrichtigen lateiniſchen

Umbildung des Namens Lich in villa Lichonis(d. i. Licho's oder Lichens Weiler) Glauben ſchenkt, auf Irrthum.

Lich hieß vor Alters: Leohe(im Jahre 812, Leo⸗ che, Lioehe, und Leochen, Liochen, auch mit Auslaſſung des o ſelbſt Lichen, welchen letzten Namen noch ein aus⸗ gegangenes Dorf unweit Rodheim und Niederwöllſtadt trug (S. Dieffenbachs Wetterau S. 155). Jene drei erſten Benen⸗ nungen ohne n am Ende ſind der Dativ der Einzahl, die drei letzten mit n am Ende der Dativ der Mehrzahl eines in dieſem Ortsnamen noch erhaltenen altdeutſchen Wortes welches der lioh, lioch oder, was daſſelbe iſt, leoh, leoch lautet, ſo viel wie Hain, Wald bedeutet und urſprünglich

Aſumeld