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Intelligenz-OBlatt
für die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
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Die Branntwein⸗ und Bierfabrication im Verhaͤltniß zur Landwirthſchaft mit beſonderem Hinblick auf die Maͤßigkeitsvereine. Von Adminiſtrator Weller in Woͤlfersheim. Fortſetzung.)
Anlangend die zweite Frage: wird ſich durch gutes und wohlfeiles Bier der Genuß des Branntweins beſchrän⸗ ken? Dieſe Frage durfte wohl hauptſächlich in Betracht kommen, da man ohne Zweifel durch das Bier den Brannt⸗ wein zu verdrängen ſucht. Ich erlaube mir nach meiner Anſicht Folgendes hierüber mitzutheilen. Der Branntwein wird ohne Zweifel durch das Bier verdrängt werden, wenn dafür geſorgt wird, daß ein gutes und wohlfeiles Bier zum allgemeinen Verbrauche kommt, ſo lange jedoch das Bier in dieſer Art entbehrt wird, bleibt der Branntwein ein noth⸗ wendiges und billiges Getränk für die arbeitende Claſſe und wollen und werden wir ihn auch nicht ganz abſchaffen. Es iſt dieſes ſo entſchieden richtig, als es eine ausgemachte Wahrheit iſt, daß der Branntwein, in der geringſten Gabe über die entſprechende Portion hinaus genoſſen, als das ſchädlichſte Getränk erſcheint, das wir kennen. Ich bin weit entfernt mich auf mediciniſche Deductionen einzulaſſen und leite meine Anſicht blos aus der Erfahrung her, daß der Arbeiter täglich einen halben Schoppen verträgt und dabei, wie man zu ſagen pflegt, ein kerngeſunder Mann bleibt. Daß dieſer Ausſpruch richtig erkannt wird, bedarfs blos der näheren Kenntniß der Bauern, denn ich zweifle ſehr daran, daß es namentlich in Oberheſſen, vielleicht auch in anderen Provinzen und Ländern, ein Dorf giebt, wo nicht jeder Bauer täglich ſeinen Branntwein trinkt(einzelne Ausnahmen mag es auch geben) und dabei als geſunder ſolider Mann erſcheint. Der Arbeiter und beſonders der auf ſeine Koſt arbeitende Taglöhner verläßt vor Tagesan⸗ bruch mit einigen Taſſen armen Kaffee ſein Haus und geht an ſein Tagewerk. Wenn er einige Stunden gearbeitet hat, ſo iſt ihm ein Frühſtück hohes Bedürfniß und was hat er
ſeinem ermatteten Körper noch zur Zeit anzubieten? Einen
Viertelſchoppen Branntwein und ein Stückchen Brod!— Wahrlich ein Frühſtück, was ſeinen pecuniären Mitteln am leichteſten entſpricht, und ihn bis zu ſeinem kärglichen Mit—⸗ tageſſen ſtärkt und bei guter Laune erhält. Soll er etwa etwas beſſeres trinken, vielleicht einen Schoppen Aepfelwein? Dieſer hat für ihn die Wirkung nicht und koſtet ihn das Doppelte des Branntweins, oder ſoll er einen Schoppen Bier trinken, der ihn freilich nur die Hälfte des Branntweins
ittwoch, den 8.
koſtet, aber wenigſtens in den Wirthshäuſern auf dem Lande in den Sommer- und Herbſtmonaten ſo ſchlecht iſt, daß ihn auch der Durſtigſte verſchmäht!—
Wahrlich dieſe Verhältniſſe wollen wohl erwogen ſein, ehe man ſolche umzuſtürzen gedenkt, die durch langjaͤhrige Gewohnheit zur zweiten Natur wurden und von den pecu⸗ niären Verhältniſſen des Arbeiters in der Art geboten ſind, daß er nicht im Stande iſt, bei der Ernährung einer Familie, etwas Beſſeres zu genießen. Soll alſo im Allgemeinen der Genuß des Branntweins beſchränkt werden, dann ſchaffe man vorerſt ein Surrogat, das ihn entbehrlich macht, in Bezug auf Wirkung und Preis(ein geſundes, kräftiges, wohlfeiles, Bier) und ich bin es überzeugt, daß ſich alsdann die allge⸗ meinen Bemühungen mit dem beſten Erfolg gekrönt ſehen. Meines Erachtens ſollte man aber unter den gegenwärtigen Verhältniſſen nicht zu weit gehen, wiewohl von keinem ver⸗ nünftigen Menſchen beſtritten werden kann, daß der Brannt⸗ wein bei den Säufern, bei den Branntweinſtammgaſten, bei den ſogenannten Lepplern, die von Morgens fruͤhe bis zur ſpäten Nacht im Wirthshauſe ſitzen, das größte Unheil an— richtet und nicht allein dieſe verächtliche Branntweinſtamm— gäſte, ſondern häufig auch ihre ſehr braven Familien an Bettelſtab bringt und in namenloſes Elend ſtürzt!— Dieſen verdorbenen Menſchen lege man unüberſteigbare Hinderniſſe in den Weg, nicht aber den braven Arbeitern, bis man ihnen einen paſſenderen Genuß zu reichen im Stande iſt.
Die Mittel, wie dieſen Branntweinſtammgäſten ent— gegen zu wirken iſt, liegen nicht fern von uns, allein fromme Wünſche in ſalbungs vollen Worten ausgedruckt, können dieſe Aufgabe nicht löſen, die Staatsregierungen muͤſſen eingrei⸗ fen und zwar dadurch, daß der Branntwein, der in den Wirthshäuſern verzapft wird, mit hundertfachem Accis be⸗ legt werde, damit den Stammgäſten, die in der Regel ſchon Mangel an Geld haben, die Möglichkeit genommen wird, ihre Genußwuth zu befriedigen. Nebenbei muß die Bier⸗ fabrication begünſtigt, das heißt, frei von Abgaben ſein und Brauereien errichtet werden, aus denen das ganze Jahr hin⸗ durch ein gutes wohlfeiles Bier, das heißt ſo wohlfeil, wie es der Bierbrauer und resp. der Wirth ohne Abgabe ab⸗ laſſen kann, zu beziehen iſt und ich lebe der feſten Ueberzell⸗ gung, daß dem Branntweingenuß, ſoweit er verderblich iſt, unter dieſen Maasregeln der Staab gebrochen und man dem Ziele näher angerückt ſein wird. Daß dieſen Maas⸗ regeln ihre Halbheit vorzurücken iſt, dieſes bin ich im Vor⸗ aus verſichert, allein alle Maasregeln zier aufzusuchen iſt


