recht gebildet, und er hat auch oft nichts, woran er ſich ausbilden kann. Ich meine, man ſollte aber mit der Jugend anfangen, den Gemeinſinn zu wecken; damit es jedem Kinde von früheſter Zeit an klar wird, wie durch die Wahrung deſſen, was Alle angeht, jedem Einzelnen das Gute und Rechte geſchieht.“
„Die Jugend, die Jugend!“ antwortete der Bürger⸗ meiſter faſt zornig.„Soll man denn immer für das kom⸗ mende Geſchlecht harren? Immer glauben, die Zukunft, die Nachkommen, die werden alle Schulden einlöſen und Alles in die Reihe bringen. So haben gewiß uuſere Vorfahren auch gedacht, und ich meine, wir dürften einmal ſelber etwas ſein und uns ſelber als die Nachkommen betrachten, auf die man die Hoffnung ſetzt. Einmal müſſen wir großjährig ſein und das Erbe unſerer Vorfahren antreten.
„Gewiß, und Du biſt ja ſelber ein Beiſpiel davon; ſagte die Frau lächelnd,„aber mir fällt eben ein, wie man die Jugend jetzt in einem kleinen Stücke zum Gemeinſinn erziehen könnte.“
„Das wird wieder einer von Deinen Vorſchlägen ſein, die ſo in's Blaue hineingehen, weil Du die Welt nicht kennſt.“
„Warte, Du!“ ſagte die Frau ſchelmiſch,„Du haſt mir ja verſprochen dieſen Männerübermuth nie mehr gegen mich zu gebrauchen. Wir Frauen kennen die Welt auch, wenn wir ſchon nicht ſo viel draußen herumfahren. Das will ich Dir jetzt wieder zeigen.“
„Nun ſo zeig es.“
„Ich würde an eurer Stelle die neuen Anlagen unter den Schutz der Schulkinder ſtellen. Ja, lache nur, ich habe doch Recht. Ich berufe mich jetzt auch einmal auf den Er— folg, den die Sache haben wird. Die Kinder werden ſich frühe daran gewöhnen, für Etwas zu ſorgen, was der Ge— meinde angehört, und das wird ihnen als Männer zu gute kommen. Und wie werden ſie ſich freuen, etwas thun zu koͤnnen, nicht immer blos Verbote vor ſich zu haben. Wer Jemanden gut erziehen will, muß ihm ſagen können: das thu'! und nicht immer ſagen: das thu' nicht. Das finde ich ſchon bei den kleinſten Kindern. Wie freuen ſie ſich, wenn ich ihnen einen Auftrag gebe, das und jenes zu voll— bringen. Die Erwachſenen werden aber— wenn Du meinem Rathe mit der neuen Anlage folgſt— zuerſt dieſelbe unverletzt laſſen aus Rückſicht für die Kinder, und dann wird nach und nach der Gedanke, daß ein Gemeingut hier in die Hand eines Jeden gegeben iſt, erwachen und Schutz und Schirm genug bieten.“
Und ſo geſchah es auch nach dem weiſen Rathe der Frau Bürgermeiſterin. Jetzt iſt die Anlage im üppigſten Wuchſe. Manche Männer, die einſt als Knaben hier die Bäume, Hecken und Blumenbeete warteten und pflanzten, ſehen mit Wohlgefallen auf das ſchöne Gedeihen derſelben und ſind die unbezahlten aber eifrigſten Beſchützer davon. Sie erinnern ſich bei deren Anblicke der ſchönſten Stunden ihrer Kinderzeit, die ſie hier verbracht, und jedes nachfol— gende Kindergeſchlecht tritt mit neuer Freude in das luſtige Gebiet des Wirkens ein.
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Man kann wohl ſagen, mit dieſen Anlagen wächſt auch der Gemeinſinn. Der Gemeindehaushalt von Thal⸗ heim gehört zu den geordnetſten, und wo es etwas Gemein⸗ nütziges zu ſchaffen und zu wirken giebt, tritt Alles mit friſchem frohem Muthe zuſammen. i
Die Frau Bürgermeiſterin und ihre Freundinnen hatten dabei nicht wenig mitgewirkt. Denn das iſt und bleibt wahr: wenn die Frauen das Edle und Uneigennützige er⸗ faſſen, ſo beharren ſie darin mit einer bewundernswerthen Ausdauer und Selbſtaufopferung.
Man würde indeß ſehr irren, wenn man glauben wollte, die Frau Bürgermeiſterin ſei eine von jenen Unaus⸗ ſtehlichen, die alles lieber ſein wollen, als was ſie von Gottes und Rechts wegen ſein ſollen, nämlich Frauen. Im Gegentheil, trotzdem ſie ein großes Hausweſen, Landwirth⸗ ſchaft und Knechte und Mägde hat, weiß ſie das doch Alles ſo zu ordnen, daß die Geſchäfte wie am Schnürchen fort⸗ gehen. Alles iſt immer nett und bei der Hand, wenn ſie auch nicht immer von ihrer Haushaltung redet. Ihr Mann hat das Sprüchwort: Man hört bei mir die Haushaltungs⸗ mühle nicht klappern.
Wer die Frau Buͤrgermeiſterin ſo im gewöhnlichen Leben handiren ſieht, der könnte glauben: die denkt auch nicht weiter, als bis an den Zaun ihres Küchengartens. Das iſt aber nicht wahr, wie wir ſchon geſehen haben. Der Bürgermeiſter hat ſchon ſchwere Opfer bringen muͤſſen; aber was auch kommen mag, die Frau Bürgermeiſterin trägt Alles mit, und das ſo heiter und froh, daß es Jedem und vor Allem ihrem Mann das Herz erquickt und ermuthigt.
Die Frau Bürgermeiſterin iſt eine wackere Frau.
Kirchenbuchs-Auszug vom November 1845.
Hungen.
Getraute: Keine.
Getaufte:
2. Dem Buͤrger und Schloſſermeiſter Konrad Jockel III. eine Tochter, Dorothea Margarethe Louiſe, geb. den 1. Oktober.
23. Dem Bürger und Dreher, ſowie Gemeinderathsmitgliede Chriſtian Schneider eine Tochter, Margarethe Emilie Amalie Marie, geb. den 19. Oktober.
Beerdigte: Keine.
Ueber fich
des im Jahr 1845 von den Metzgern und Wirthen zu Hel⸗ denbergen geſchlachteten Viehes: 11 Ochſen, 72 Kühe, 77 Rinder, 27 Kälber, 203 Schweine, 24 Hämmel, 42 Schafe, 37 Ziegen. Aufgeſtellt den 2. Januar 1846. i Der Fleiſchbeſchauer Anton Pauly.
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