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Zur Wetterauer Chronik.
Der Ludwigstag zu Friedberg iſt auch in dieſem Jahre auf eine angemeſſene und würdige Weiſe ge⸗ feiert worden. Zwar waren mehrere Bewohner der Stadt zu dem Feſte der Induſtriellen, das an dem Hohen Namens⸗ tage unſeres geliebten Landesvaters zu Mainz begangen wurde, gereist, zwar hakten ſich einige Hausväter mit ihren Familien zu einer ländlichen Feier in dem herrlichen Ziegen⸗ berg vereinigt, um ſo ihren Tribut zu der allgemein herr⸗ ſchenden Freude des Tages zu geben, zwar hatten ſich die in der Stadt Zurückgebliebenen getheilt, indem die eine Hälfte in dem Trapp'ſchen Gaſthauſe, die andere in dem Rathhausſaale zu Herrn D. Fritz zur Mittagstafel ging, doch wurde durch dieß Alles— weil die Trennung keine abſichtliche, ſondern eine durch beſondere Umſtände veran— laßte war— Niemand in ſeiner Freude geſtört. Auf dem Rathhauſe wie in dem Trapp'ſchen Saale war man an dem Tage, den die Liebe des Volks zu ſeinem Fürſten zu einem Feiertage gemacht hatte, heiter und guter Dinge und gab ſich ganz den Eindrücken hin, die durch paſſende Trinkſprüche auf das Wohl des Allerdurchlauchtigſten Großherzogs und Allerhöchſt Seines ganzen Hauſes hervorgerufen wurden. Abends war im Rathhauſe und im Gaſthofe des Herrn Trapp Harmoniemuſik und Reſtauration, an der auch die Bewohnerinnen der Stadt Antheil nahmen, und die Vorder— ſeite des Rathhauſes war mit vielen Lichtern und Trans— parent recht hübſch beleuchtet.— Wollte Gott, daß all' die Segenswünſche für unſer erhabenes Herrſcherhaus, die am 25. Auguſt laut wurden, in Erfüllung giengen!—
Im Laufe dieſer und der vorigen Woche ſind wir zweimal, einmal bei Tage und einmal Abends um 9 ½ Uhr durch Feuerruf erſchreckt worden. Niederweiſel und Burggräfenrod haben das Unglück gehabt, die zerſtörende Macht des Feuers zu erfahren und an beiden Orten ſind ge— füllte Scheunen der Raub der Flammen geworden. Ich kann bei dieſer Gelegenheit eine Frage nicht unterdrücken: wird denn allerwärts mit Strenge darauf gehalten, daß die Dreſcher nicht mit brennenden Pfeifen in die Scheunen gehen? Man will die Bemerkung gemacht haben, daß die meiſten Brände nicht nur in dieſer Jahres— zeit— das wäre erklärlich— ſondern auch an Sonntagen ſtattfinden. Sollte da nicht manchmal der böſe Geiſt des Branntweins in den Köpfen gar Mancher ſpucken, die dann leichtſinnig mit dem Feuer umgehen und wider Wiſſen und Willen ihrem Nächſten ſo großen Schaden zufügen?— Jedenfalls wäre die Sache der Prüfung werth, zumal da ſogar das Cigarrenrauchen bei der arbeitenden Klaſſe nicht mehr zu den Seltenheiten gehört.
Vilbel den 25. Auguſt. Die Feſte ſind, abgeſehen von ihrem beſonderen edleren Zwecke, Lichtpunkte in der großen Reihe von 365 Tagen. Sie ſind die Freude der Jugend und mit der Jugend freut ſich der Mann und der Greis. Nur Philiſter können ihnen griesgrämlich entgegen— ſehen. Das Weihnachtsfeſt theilt uns den langen Winter in zwei Hälften und benimmt demſelben etwas von ſeiner düſtern Färbung. Oſtern und Pfingſten ſchmücken den lieb—
lichen Fruͤhling noch anmuthiger und andere Feſte werfen bald mehr bald minder ihr mildes Licht in das einförmige Alltagsleben und ſchaffen uns ſo ein angenehm ſchattirtes Ganze. Auch unſer Markt am 19. und 20. d. M. und beſonders der geſtrige Nachmarkt gelten für Vilbel als ſolche Lichtpunkte. Dieſe Markttage waren ein wahres Volksfeſt. Seit 12 Jahren war dieß wieder der erſte Markt. Es galt darum dem Ortsvorſtand, Alles aufzubieten, um demſelben eine Bedeutung zu geben, und jeder Bürger war bemüht, ſein Scherflein dazu beizutragen.
Den Sonntag und Montag vor dem Markt ward uns eine langentbehrte— und gerade uns eine doppelte— Freude, ein aufgeklärter Himmel, zu Theil und Alles fing ſchon an ſich geſchäftig froh zu regen. Aber anders wollte es der Dienſtag. Dieſer machte ein düſteres Geſicht zu un⸗ ſerm Vorhaben, und wir, den Gähnenden gleich, ahmten unwillkührlich daſſelbe nach. Auf allen Geſichtern las man einen innern Mißmuth. Es war auch wirklich nicht freudig drein zu ſehen, als der ſchöne— man darf ſagen großar— tige— Zug unter Sang und Klang und im Drang einer großen Menge fremder Theilnehmer, ſich in Bewegung ſetzte und ein neidiſcher Regen freudeſtörend ſich einmiſchte. Ziemlich angefeuchtet erreichte man den ſchlüpfrigen Markt⸗ platz. Weder Schirm noch Marktzelt ſchützte vor den hef⸗ tigen Regengüſſen und man war zu einem beſchämenden Rückzug genöthigt. Es wurde wohl gejubelt, aber ſicher ging der Jubel nicht von Herzen; mehr natürlich wohl war das Lächeln über den Zuſtand der weißen Feſtanzüge ze. Auch das Fatale hat oft ſeine poſſirliche Seite. Am wenig⸗ ſten poſſirlich jedoch war's für die Wirthe, die nun fur die koſtſpieligen Vorbereitungen wenig Erſatz erwarten durf— ten. Der Mittwoch machte wohl, den heftigen Sturm ab— gerechnet, eine freundlichere Miene; doch der Haupttag war vereitelt, die Feſtzüge hatten wenig gelohnt. Als Entſcha— digung für die getäuſchten Hoffnungen der Vergnügungs— luſtigen und der Gewinnſuchenden wurde, durch den Herrn Bürgermeiſter vermittelt, vom Herrn Kreisrath die Erlaub— niß zum geſtrigen Nachmarkt ertheilt. Der machte nun Alles gut. Freundlich niederſchauend ſchuf der Himmel bald freund⸗ liche Mienen. Aus der Umgegend ſtrömten in Maſſen die Beſucher herbei und der wiederholte, vermehrte und ver— beſſerte Zug, das fröhliche Treiben auf dem Marktplatz, das brav gelungene Feuerwerk, der triumphirende Rückzug bei vollſtändiger Illumination, das laute und einſtimmige Hoch bei den unſerm Hohen Fürſtenhaus und den nächſten Behör— den ausgebrachten Lebehoch, die ungeſtörte Fröhlichkeit beim Tanz, kurz das ganze volksthümliche Marktleben hat gewiß jeden Beſucher vollſtändig befriedigt. Schön hat hier Vilbel gezeigt, was eine Gemeinde kann, wenn die Glieder der⸗ ſelben e inſtimmig wollen. Allen Mitwirkenden, aber be⸗ ſonders dem Herrn Bürgermeiſter Breiter, der hier Außer— ordentliches zum Beßten der Gemeinde gethan, volle Aner⸗ kennung und allen fremden Beſuchern ein herzliches Lebe⸗ wohl und im Namen Vilbels die Verſicherung, daß auch an künftigen Markttagen Alles aufgeboten werden wird, um Marktluſtige möglichſt zufrieden zu ſtellen. 55


