Ausgabe 
19.3.1845
 
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Intelligenz Olatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

WM 23. Mittwoch,

Wie Vetter Andreas, der Bauer, als Ellenwaaren händler auftritt; ein Seitenſtück zum Rechenexem pel in Nro. 18. d. Bl.

Wenn wir in Nro. 18 d. Bl. eine Anzeige finden, wie ein Helfer in der Noth einem Auswandernden gegen einen Nachlaß von nur 37½%(denn für 4000 fl. gab er nur 2500 fl.) die Reiſe nach Nordamerika erleichtern und beſchleunigen half, ſo iſt dieſes in unſeren Augen etwas Unerhörtes; aber die Wucherer werden dieſen Nachlaß ganz mäßig finden, und Mancher unter ihnen dürfte beim Leſen gedacht habenkein Vergleich gegen meine Thaten wie im bekannten Luſtſpiele: der Lügner zu ſeinem Sohne ſagt.

Hat doch Einſender dieſes unlängſt eine Erzählung von zwei Landleuten über einen gewiſſen Vetter Andreas mit angehört, die ohngefähr folgendermaßen lautete:

Vetter Andreas, ein begüteter Mann im Dorfe, wollte ſeinen Sohn vom Militärdienſte befreien, eicſem Be hufe er ohngefähr 100 fl. bedurfte, die er in en. Augen⸗

blicke nicht hatte. Sich ſolche zu leihen, dieſes jedoch moͤg lichſt geheim zu halten, war ſein Vorſatz; er wendete ſich daher an einen außerörtlichen Freund, an einen Helfer in Nöthen, und ſiehe da! Andreas hat ſich nicht getäuſcht, denn der auswärtige Freund ſagte bereitwilligſt Hülfe zu; aber hören wir auf welche Weiſe er ſein Verſprechen erfüllt hat!!

Dem guten Andreas wurde angerathen, da er doch einmal Geld aufnehmen müſſe, einen größern Betrag als 100 fl. zu leihen, da man doch immer, wenn man Geld in Händen habe, Geld damit verdienen könne. Das Zureden half; Andreas ſtellte einen Schuldſchein im Betrage von 600 fl. aus, gieng damit zu ſeinem Freunde, und wurde von dieſem, nachdem der Schuldſchein gerichtlich beglaubigt war, zu einem Waarenhändler geführt. Hier ſollte Andreas das Geld für den Schuldſchein erhalten, wenn er ſich dazu verſtehen wollte, außer einem mäßigen Nachlaſſe, noch

en

19. Maͤrz 1845.

einige Waaren als Zahlung zu nehmen; der anweſende Freund mit dem ſich deshalb Andreas berieth, findet dieſe Zumuthung gar nicht unbillig(der Leſer wird wohl begreifen, daß der Freund des Andreas der Helfershelfer des kauf männiſchen Kapitaliſten war) und wir ſehen nach Freundes Zureden den lieben Andreas, ſtatt eines Bündels Geld mit einem Bündel Waaren, aus des Handelsmannes Haus kommen, kaum, daß ihm die 100 fl. an Baar übrig blieben, für den bei weitem größeren Betrag hatte er Waaren, für die er keine Verwendung wußte, und auch nicht nach Haus bringen konnte, nehmen müſſen; doch der gute Freund ließ den gutmüthigen, aber ſehr kurzſichtigen Andreas auch damit nicht ſtecken, er wußte auch hier Rath. Die ohnedies bei ſpiellos theuer berechneten Waaren, hat der gute Freund um einen Spottpreis dem Andreas wieder abgenommen, ihm aber dafür nichts bezahlt, ſondern für ſeine Bemühung ver⸗ rechnet. Armer Andreas! der du einmal den Pflug mit der Elle zu vertauſchen gezwungen wareſt, in welchen Ver⸗ luſt haſt du dich gebracht; Du verſchriebſt 600 fl. und haſt kaum 100 fl. mit nach Haus gebracht! Die Verfal zeit des Scheins, der durch Ceſſion in andere Hände überge gangen ſein ſoll, kam, und noch waren dem armen Betro genen die Augen nicht geöffnet, daß er ſich keinem Freunde, ſondern einem wucheriſchen Ungeheuer anvertraut hatte, denn er gieng zum zweitenmale zu ihm, und ließ ſich rathen, eine förmliche Hypothek zu machen und ein großes Kapital aufzunehmen, welchem Rathe er auch Folge geleiſtet, dabei aber wiederum ſehr hart mitgenommen worden ſein ſoll, ſo daß es dem redlichen Manne ſchwer wird, zu glauben, wie einerſeits die Beſchränktheit, anderſeits das wuche riſche Treiben in dem Maaße beſtehen kann und doch iſt nicht der mindeſte Grund vorhanden in die Erzählung der Landleute Mißtrauen oder Zweifel zu ſetzen; jedenfalls er ſcheint eine Veröffentlichung dieſer zufällig mit angehörten Erzählung nicht Schaden bringend.