Ausgabe 
22.7.1843
 
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achmittags un Unterzeichnten 3 Vechentuch

Intelligenzblatt

für die

Provinz Oberbeſſen im Allgemeinen, die Kreiſe Friedberg, Gruͤnberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M 56.

Sonnabend, den 22. Juli

1843.

Der Branntwein und ſeine Wirkung.

Wir haben in Nr. 3 dieſes Blattes verſprochen, inter obiger Aufſchrift, Thatſachen zu liefern, welche so recht deutlich zeigen ſollten, wie der Genuß des Franntweins ein Ruin ſei, nicht nur für ein Haus, pndern für ganze Gemeinden, ja für ein ganzes Folk. Dieſes haben ſchon viele, denen wahres Volks⸗ pohl am Herzen liegt, eingeſehen. Beſonders in der leuſten Zeit, wo in Preußen einige große Landwirthe, bie auch mehrere Edelleute, unter großen und be deutenden Opfern, das Brennen des Branntweins tingeſtellt haben, um nicht zum Verderben des Folkes beizutragen. Das iſt wahrer und ächter hatriotismus(Volksliebe.) Auch in Schweden und Norwegen iſt man zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Branntwein das Volk ſchwäche und einem elen⸗ den Siechthume in die arme liefere.) Was in China das Opium wirkt, bringt bei uns der Branntwein lervor; wie dort der unglückliche Opium⸗ Raucher ſtinen Giftrauch durch eine Pfeife aus Ebenholz Uneinſchlürft, ſo ſchluͤrft hier der unglückliche Trun⸗ knbold die weingeiſthaltige Fluͤſſigkeiten ein; wie jner nach dem Genuſſe feines Giftes heiter wird, ſ findet es ſich auch bei dieſem. Viele ſagen als⸗ dann:durch das Branntweintriuken bekomme man en fröhliches Herz. Dieſe widerlegt Schubert in iner kleinen Naturgeſchichte wenn er ſagt:Vom Nranntwein bekomme man nur einen fröhlichen auch, Um ein fröhliches Herz zu bekommen gebe ez ein anderes Mittel. Aus berührter Heiterkeit fällt ber der Trinker in eine ſolche Schlaffheit, daß er fuſt die geringfügigſte Arbeit nicht zu unternehmen in Stande iſt, ohne zuerſt ſich durch den Genuß des Branntweins in einen gereizten Zuſtand zu ver zen. Daher das Zittern des ganzen Körpers wie in Fieberfroſt. Doch, wir wollten Thatſachen und line Abhandlung liefern.

Nun zur Geſchichte.

Karl Ritter ſo heißt der Ungluͤckliche, deſſen amen zur Warnung aus dem Norden zu uns dringt

) Hierüber ſpaͤter.

iſt im Jahr 1797 zu Polniſch⸗Nettkor bei Zuͤllichau geboren; ſeine Eltern hatten daſelbſt ein kleines Ge werbe und trieben Seidenbau. Er war ein wilder Knabe, rühmte ſich, die Schule ſo viel als gar nicht beſucht zu haben; denn das vagabundirende Leben gefiel ihm viel beſſer das war der Anfang.) Natürlich lernte er unter ſolchen Umſtänden weder Leſen noch Schreiben, wußte auch von Bibel und Katechismus gar nichts und wuchs ſo in entfetzlicher Rohheit und Unwiſſenheit auf. Im Jahr 1815 finden wir ihn als Soldat; er machte den Feldzug gegen die Franzoſen mit und blieb Soldat bis 1820. Dann diente er als Knecht auf mehreren Dörfern und hei rathete im Jahr 1824 die jüngſte Tochter eines Bauern, die ſchon von einem Manne geſchieden war. Er zog, da ihm ein ordentliches Leben in regelmä⸗ ßiger Thätigkeit nicht gefiel, nach Frankfurt an der Oder, um hier als Arbeitsmann oder Taglöhner ſein Brod zu verdienen.

In der erſten Zeit ging es noch erträglich, die Frau war ſehr fleißig und hielt den Verdienſt wohl zu Rathe. Jetzt, bald nach der Verheirathung, ging er auch einmal zum heiligen Abendmahle, das einzige Mal, daß er es mit ſeiner Frau that. Der gnä⸗ dige Gott hilft oft noch wunderbar und läßt es über alle Erwartung gut gehen, um die Herzen noch auf den rechten Weg zu lenken. Die Familie aber war inzwiſchen ſehr zahlreich geworden, und die Frau, die ihrem Manne im Laufe von 18 Jahren eilf Kin- der geboren hatte, konnte nun nicht mehr viel ver dienen da gab es oft im Hauſe ſchreckliche Auf tritte; der wüthende Mann, der oft Wochen lang kein Geld nach Hauſe brachte, prügelte Frau und Kinder auf eine unbarmherzige Weiſe, wenn er nichts zu eſſen fand. Ja, er drohte öfters Weib und Kin der zu ermorden, hat auch einmal mit der Axt nach den beiden älteſten Söhnen geſchlagen und der Frau öfter das Meſſer auf die Bruſt geſetzt.

) Solches wird ſich auch bei uns ſpaͤter zeigen, wenn erſt die Knaben und Mädchen, welche in ganzen Schaaren in gegen wärtiger Zeit betteln gehen, erwachſen ſind. Sollte es kein Mittel geben, die armen Kinder vom Bettel abzuhalten?