Beinah, ſagte ich, entſchließe ich mich, dich nach der Schweiz zu begleiten. a
Dieß hätte ich nicht ſogleich thun ſollen. Mein Vater hatte mir ja geſagt, daß zwar jede Auffor⸗ derung und Einladung, die an uns erginge, von Gott komme, daß man aber ja nicht glauben dürfe, als wenn man ſie immer befolgen müſſe; viele hatten auch zur Abſicht, uns zu prüfen und zum Nachdenken zu gewöhnen. Unſere Vernunft müſſe immer ent⸗ ſcheiden, in welchen Fällen wir ſie zu befolgen, und in welchen Fällen wir ſie zurückzuweiſen hätten.
Dieſe Erinnerung, von deren Wahrheit ich überzeugt war, hatte ich damals vergeſſen. Mein Freund fiel mir um den Hals, beſchwor mich, meinen Entſchluß auszuführen, und ließ mir kaum ſo viel Beſinnungskraft übrig, daß ich ſagen konnte: ich will es überlegen. N
Als er zur Ruhe gegangen war, überlegte ich es wirklich, und ich wurde überzeugt, daß eine Reiſe bei meiner gegenwärtigen Lage, fuͤr mich das Beſte ſey, und— daß ich dazu nicht leicht eine ſchicklichere Gelegenheit, als die eben ſich darbietende, würde finden können.
Ich entſchloß mich alſo dazu, und trat die Reiſe, nachdem ich meine Haushaltungsgeſchäfte in Ord- nung gebracht hatte, wirklich an.
Sie wirkte ungemein wohlthaͤtig auf mein Ge— müth. Das tägliche Erblicken ſo vieler neuen Ge— genſtände machte einen ſo ſtarken Eindruck auf mich, daß das Bild meiner Geliebten, das ſich mir ſonſt immer, ohne daß ich es wollte, darſtellte, nach und nach aus der Seele verdrängt wurde. Und— da ich die Reiſe angetreten hatte, ohne mich bei meiner Geliebten zu beurlauben, ſo hatte ſie dieß als ein Zeichen von der Veränderung meiner Geſinnung auf⸗ genommen, und ſich ihrem Verlobten wieder genähert. Als ich aus der Schweiz zurückkam, hatte ſie bereits Hochzeit gehalten, und ich— ich hatte ſie vergeſſen.
Kurz darauf brach ein Krieg aus, und ein feind— liches Corps drang in meine Gegend vor. Auch mein Gut wurde vom Feinde beſetzt, der von dem⸗ ſelben eine ſehr große Summe als Brandſchatzung verlangte. Da ich die Unmöglichkeit, dieſelbe herbei zu ſchaffen, vorſtellte: erklärte mir der Befehlshaber — daß er mich als Geiſel mitnehmen würde. Ich erſuchte meine benachbarten Freunde, daß ſie mir Geld vorſchießen möchten: allein ſie konnten nicht, weil ſie mit mir in gleicher Verlegenheit waren. Mein Bedienter rieth mir, zu entweichen, und ver⸗ ſprach, mir dazu behülflich zu ſein; allein von dieſem Vorſchlage Gebrauch zu machen, erlaubte mir meine Vernunft nicht. Dieſe ſagte mir, daß ich durch meine Entfernung die Feinde erbittern und reizen wurde, ſich an meinen Gütern und Unterthanen bezahlt zu machen.
Ich glaubte alſo, es ſey Gottes Wille, daß ich mich in die Hände des feindlichen Befehlshabers ausliefern ſolle. Sobald ich davon überzeugt war, trat ich in ſein Zimmer, verſicherte ihm nochmals die Unmoͤglichkeit, die geforderte Zahlung leiſten zu
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können, und meine Bereitwilligkeit, mich als Geiſel abführen zu laſſen. Zugleich bat ich ihn, mich mt Schonung zu behandeln. Meine Ehrlichkeit machte auf ihn Eindruck. Er ſchwieg ein Paar Augenblicke; dann ſagte er: Herr! ſo ein ehrlicher Mann, wie Sie ſind, iſt mir lange nicht vorgekommen. Hinge es von mir ab, ſo zöge ich ſogleich fort, ohne einen Pfennig von Ihnen zu verlangen. Aber ich muß meine Ordre befolgen. Packen Sie ein, was Sie nöthig haben; morgen werden wir abreiſen. Watz ich zur Milderung Ihres Schickſals thun kann, wird
geſchehen, darauf können Sie ſich verlaſſen.
Den nächſten Morgen ſetzte ich mich alſo in den mir angewieſenen Wagen, welcher unter Bedeckung einiger Huſaren abging.
Die Abreiſe konnte für mich inicht anders, alz hoͤchſt ſchmerzhaft ſein. Ich ſah mich plötzlich aus meinem Wirkungskreiſe herausgeriſſen; hoͤrte daz laute Klaggeſchrei meines Geſindes und meiner Un⸗ terthanen; und das Alles griff mich ſo an, daß es
mir nicht möglich war, mich der Thränen zu ent⸗ halten.
Allein mein Glaube ſtärkte mich. Ich ſah mei⸗ nen Wächtern in's Geſicht; und ſie waren mir weni⸗
ger fürchterlich, ſobald ich Kraft genug geſammelt hatte, um ſie als Perſoneu betrachten zu können, die, nach Gottes Fuͤgung, mich auf einem dunklen Wege zur Erreichung eines unbekannten, aber gewiß wohlthätigen Zwecks leiten ſollten. Im erſten Nacht⸗ quartiere ließ ich ihnen eine gute Mahlzett bereiten und bezahlte ſie. Dieſe Gefälligkeit rührte ſie; ſie wurden geſprächig, jeder erzählte mir ſeine Lebens⸗ geſchichte, und verſchaffte mir dadurch eine angenehme Unterhaltung, die für mich in gewiſſen Rückſichten zugleich lehrreich war.
Als wir in dem zweiten Nachquartier angelangt waren, ging es eben ſo; und ich freuete mich ſehr, daß der Glaube an die alles leitende Vorſehung mein Schickſal, das für viele andere äußerſt ſchreck⸗ lich geweſen ſein würde, ſo ſehr gemildert hatte.
Mit dem Bewußtſein, unter Gottes Aufſicht zu ruhen, überließ ich mich dem Schlafe, von einem Huſaren bewacht, der vor der Thür meines Zimmers ſtand. Mein erquickender Schlaf wurde bald durch eine Hand unterbrochen, die die meinige etwas ſtark ſchüͤttelte.
Wer da? fragte ich heftig. Erſchrecken Sie nicht! war die Antwort, ich bin der wachthabende Huſar. Wenn Sie fortgehen wollen, ſo können Sie es, ich will ſie nicht aufhalten. Ein Paar Laubthaler— darauf wird es Ihnen nicht ankommen. Mein Ge⸗ fühl ſagte mir ſogleich, daß ich dieſe Einladung ver⸗ werfen müſſe: weil es eine ſchändliche Verletzung der Pflicht ſei, wenn ich mein gegebenes Wort brechen wollte. Nein! ſagte ich, Freund! das geht nicht. Mein Wort kann ich nicht brechen— ich danke ihm fuͤr ſeine Gefälligkeit. So trat er wieder ab, und ich ſchlief bald wieder ein, da mein Gewiſſen mir ſagte, daß ich recht gehandelt hätte.
Den folgenden Tag kam ich an dem Orte an,
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lich für an wele eine Se ich mir Zutun auf a merkſe zu er!


