S4 2 Sckloſſermeiſtet ed gunchen
Janerbach ll
Vetterau,
ums kunde
bach,
Intelligenzblatt
für die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, die Kreiſe Friedberg, Gruͤnberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
—
M 90.
Sonnabend, den 18. November
1843.
Ueber Fortbildungsſchulen. (Schluß.)
Und warum wirkt Kirche und Schule nicht auf dieſe? Antwort. Weil das Geſammtſchulweſen keine Einheit hat. Nimmt man die Acceſſiſtenjahre hinzu, ſo wird an dem künftigen Beamten bis ins 3öſte Jahr geſchult; an den, welche eine von den techni⸗ ſchen Berufsſchulen beſuchen, oft ebenſolang. In den Volksſchulen ſoll in 8jährigem Schulbeſuch Men⸗ ſchen⸗ und Chriſtenbildung erreicht werden.!! Der 14jährige Chriſtenmenſch hat aber zu gegenſeitigem Austauſch kaum 1½ Ideen; ſetze ihn daher zum Schenk— tiſch, und er berauſcht ſich. Führe ihn in Verſuchung, er kann nicht widerſtehen; bringe ihn in Geſellſchaft, man wird ihn als einen ungezogenen Jungen anſehen; ſtelle ihn vor Gericht, der gewiſſenhafte Richter läßt ihn nicht zum Eidſchwur zu. In dieſem Zuſtand wird alſo der 14jahrige Chriſtenmenſch entlaſſen, die Ge⸗ walt der Kirche über ihn iſt nur gering. Er verſinkt in Langeweile, Müßiggang, Unwiſſenheit und Roh⸗ heit. Das iſt natürlich; aber daß in dem chriſt⸗ lichen Staat für Menſchen⸗ und Chriſtenbildung in einem Alter, in welchem der Charakter ſich entwickelt, Nichts oder Wenig geſchieht, iſt— gelind ausge— drückt— ſonderbar.
Layt der in Druck gegebenen Protokolle gehören wir alſo zu einem chriſtlichen Staat. Als ſeine Repräſentanten wollen wir aber dieſes Staatsbuͤr⸗ gerrecht dem nur geben, der deſſen würdig iſt. Um Menſchen⸗ und Chriſtenbildung zu erzielen, wollen wir den Schulbeſuch der geſammten Ingend aus- dehnen über das 14te Jahr. Alle confirmirte Chri⸗ ſten ſollen wachſen in der Erkenntniß und ſtärker werden im Guten; ſie verlaſſen aber die Schule zu der Zeit, in welcher grade auf ihre Vernunft⸗ thätigkeit am meiſten gewirkt werden ſollte: Eine Schule zur Fortbildung fehlt; dieſe Fortbildungs⸗ ſchule wollen wir ihnen geben.
Wer Bürger oder Meiſter werden, Wer Häuſer und Güter auf ſeinen Namen zugeſchrieben haben, Wer irgend ein Patent oder irgend eine Coneeſſion
haben will, Wer ſich um ein Amt, welcher Art es ſei, bewirbt oder zu einem ſolchen gewählt wird, Wer als Freiwilliger oder Einſteher in das vater⸗ ländiſche Heer eintreten will— ich weiß nicht, ſoll ich noch ſagen Wer um Heiraths-Erlaubniß nach⸗ ſucht— muß nachweiſen, daß er die zum Bürger⸗ recht eines chriſtlichen Staates erforderliche Bildung beſitze. Beſuch der Fortbildungsſchule iſt das Mittel, dieſe Bildung ſich anzueignen. Wer ſie nicht beſucht hat oder nicht beſuchen konnte, muß ſich einer Prü⸗ fung unterwerfen.
Wer ſolche Schulen beſucht hat, die es nicht blos mit dem 6 bis 14jährigen Knaben, ſondern mit dem Jüngling und dem Manne zu thun haben, hat ſeine Fortbildungsſchule bereits. Das eigentliche Volk hat ſie nicht. Geiſtliche und Volksſchullehrer haben die natürlichſte Verpflichtung, an der Fortbil⸗ dungsſchule zu arbeiten; doch auch Ihr Herren alle vom Nähr- und vom Wehrſtand, die Ihr es mit dem Menſchengeſchlecht wohl meint, ſeinen Auswurf kennen gelernt, aber auch herzliches Erbarmen ange— zogen habt. Oder, die Volksſchullehrer mogen an ihren ABeEſchützen, an ihrer Mittel- und Oberklaſſe einige Stunden erſparen, den Herren Geiſtlichen möge man die Voranſchläge erlaſſen; aber beide Ge⸗ walten beſchäftige man an der Kinderſchule und an der Fortbildungsſchule. Die Volksſchullehrer werden freudiger arbeiten an den Kleinen, wenn ſie wiſſen, daß die Jahre nach der Confirmation ihrem Wir⸗ kungskreis einverleibt ſind. Und wenn wir ihren Eifer ſehen, ſo wollen wir auch nicht blind ſein fur ihre ökonomiſche Lage, wenn ſie geiſtige Speiſe mit⸗ theilen, ſo wollen wir ſie ſo ſtellen, daß ſie nicht Hungers ſterben; wenn ſie Leben und Geſundheit fuͤr die heilige Sache opfern, ſo ſollen ihre Wittwen und Waiſen auch nicht ſchlechter verſorgt ſein, als die eines Feldwebels. Wenn auch die Staatsſchulden da⸗ durch vermehrt werden, unſre Enkel und Urenkel mögen ſie bezahlen. Dieſen bauen wir ja Straßen, für ſie zahlen wir Tilgungsrenten, für ſie gründen wir Bildungsanſtalten. Reicher werden ſie ſein an


