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Intelligenzblatt
für die
Provinz Oberbeſſen im Allgemeinen,
Kreiſe Friedberg, Gruͤnberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
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Mittwoch, den 8. November
1843.
Lie ſe. (Eine Bauerngeſchichte aus Sachſen.) (Schluß.)
Sie war es zuerſt, welche in den trüben Stun⸗ den ihres raſtloſen Alleinſeins die Bemerkung hin⸗ warf:„Wenn der Alte nur ſterben wollte, ſo wären wir gerettet. Ich bin ſeine einzige Erbin, könnte Dich heirathen und unſer Kind würde ehrlich.“
Hans hatte nur Seufzer und Thränen.—
Eines Abends ſagte Lieſe, nachdem ſie ſich müde geweint— und die Verzweiflung mehr als je ihr Herz zuſammengepreßt:„Es muß ein Ende haben! Entweder ich ſpringe ins Waſſer oder der Alte ſtirbt. Aber Du haſt keinen Muth— Du biſt kein Mann!“
„Was ſoll ich thun?“ wehklagte Hans.„Ich weiß keinen Rath; wir müſſen in die weite Welt laufen, arbeiten oder betteln.“
„Davonlaufen,“ verſetzte ſie,„ohne Paß, ohne Geld? Damit uns die Sensd'armen mit Schimpf und Schande zurückbringen und mich der Alte in ſeiner Wuth ermordet?!“
„Das iſt freilich wahr“ jammerte Hans.
„Wenn Du nicht bis morgen hilfſt, ſo gehe ich in's Waſſer.“
—„Aber was ſoll ich thun, wie kann ich helfen?“
„Eins muß ſterben,“ ſagte Lieſe mit ſchrecklichem Ausdruck;„entweder der Alte, oder ich— mit mei⸗ nem Kinde. Wer liegt Dir mehr am Herzen?“
—„Du, Du, Lieſe.“
Der Gedanke, der Alte müſſe fort, wenn ſie Beide und noch ein drittes Leben gerettet werden ſollten, ſtand nun bei ihnen feſt. Noch bebte aber Hans vor dem ganzen Umfange dieſes Gedankens.
—„Aber er iſt doch Dein Vater,“ ſagte Hans.
„Mein Vater?“ wiederholte Lieſe bitter;„er hat oft geſagt, ich wäre nicht einmal ſein Kind, meine Mutter habe ſich vergangen. Aber du biſt doch der Vater des Kindes, welches ich unter dem Herzen trage und haſt kein Erbarmen mit mir, biſt kein Mann, wimmerſt wie ein Weib.
„Ich will ja Alles thun, was Du verlangſt,“ wehklagte Hans;„ſag's nur was Du willſt,— in Gottes Namen! es muß ja ſein.“
— Es wurde nun beſchloſſen, Hans ſolle das Gewehr nehmen, das unten in der Stube hing, ſollte hinter dem Hausthore dem Alten auflauern, wenn er betrunken wie immer aus der Schenke zurückkehrte, und ihn niederſchießen. Dann wollten beide gemein⸗ ſchaftlich Lärm machen, ein Fenſter zerſchlagen, und ſagen, daß Räuber hätten einbrechen wollen.
Hans verſprach Alles; er lauerte auch, das Ge⸗ wehr in der Hand, am folgenden Abend hinter dem Hausthor; Lieſe lauſchte am Fenſter, bis der Schuß fallen würde. Aber als der Alte keuchend und brum⸗ mend nahte, da verließ den Burſchen der Muth, er verkroch ſich in einer Ecke und ſuchte ſpäter, in Todesſchweiß gebadet, mit ſchlotternden Knieen, ſeine Dachkammer, wo er die Nacht in Thränen zubrachte.
Am folgenden Tage überhäufte ihn Lieſe mit Vorwürfen. Jetzt wäre Alles vorüber, ſagte ſie, wenn er Muth gehabt hätte. Die Sünde könne nicht ſo groß ſein, als wenn ſie mit dem unſchuldigen Kinde unterm Herzen in's Waſſer ginge, oder wenn gar der Alte ſeine Drohung wahr machte und ſie umbrächte. Zudem ſei der Alte doch ein böſer Mann, der keinem Menſchen Gutes thue, keine Religion, keinen Reſpect vor dem Paſtor habe! Allen würde geholfen ſein, wenn er hinweggeſchafft würde.
Hans war zerknirſcht und verſprach diesmal be— ſtimmt ſich als Mann zu zeigen.
Noch an vier Abenden lauerte er, das Geſchoß im Arme, hinter dem Thore, während Lieſe am Fen⸗ ſter lauſchte; jedesmal aber verließ ihn beim Heran⸗ nahen des entſcheidenden Momentes der Muth und der Alte entging dem ſichern Tode.—
Hans litt unſäglich, er ſah die Verzweiflung des Mädchens, hörte ihre Vorwürfe, er fand keinen Ausweg, als den des Schreckens und rang vergebens nach Kraft und Entſchloſſenheit.—
Endlich mußte er Lieſen bei Allem, was ihm


