Grade der Laſterhaftigkeit durchwandern, dem hoͤch⸗ ſten menſchlichen Elende anheim und den einzelnen Perſonen, wie den Gemeinden und dem Staate drückend zur Laſt fallen, ſei es nun in ihrem freien, vagabundirenden Umhertreiben, oder eingeſchloſſen in Corrections- oder Zuchthäuſern.
Jedes der Menſchenliebe nicht entfremdete Ge⸗ muͤth trauert daher nicht ohne den erheblichſten Grund über Andere, welche auf den verderblichſten Bahnen wandelnd in einen Abgrund geführt werden, vor dem ſie ſelbſt, wenn es leider zu ſpät iſt, zurück⸗ ſchaudern— es trauert nicht nur, ſondern es fühlt
auch den Beruf in ſich, dieſem Verderben und Un⸗
glück nach Kräften zu ſteuern. Und wie könnte man ſich das Gelingen eines ſolchen Strebens ſicherer verſprechen, als durch die Rettung der verwahrlosten Jugend mittelſt regelmäßiger, nützlicher Beſchäfti⸗ gung und religioͤs⸗ſittlicher Erziehung, als in einem Lebensalter, in welchem das Uebel noch nicht erſtarkt iſt? Denn es iſt gewiß weit wichtiger und erfolg⸗ reicher, den Quellen ſelbſt nachzuſpäen und dieſe zu verſtopfen, als das verheerende, verpeſtende und ſtinkende Waſſer abzuleiten und durch allerhand künſtliche Experimente und durch verſchiedene Mi— ſchungen wieder genießbar zu machen.—
Zu dieſen künſtlichen Experimenten rechne ich aber alle momentane Unterſtutzungen und Gaben der Armenverwaltungen, freiwillige und Zwangs⸗Arbeits⸗ anſtalten, Vereine, welche ſich der aus den öffentli⸗ chen Straf- und Beſſerungsanſtalten Entlaſſenen an— nehmen u. ſ. w. Dagegen iſt es erfahrungsmaßig, daß eine Radikal- und Univerſalhülfe nur dadurch zu erwarten iſt, daß ſich Vereine von edeln Men⸗ ſchenfreunden bilden, welche durch Rath und That die ſittlich- verwahrloste Jugend aus dem Pfuhle des Verderbens retten durch Erziehung und Pflege bei braven Familien oder aber in beſondern Rettungsanſtalten.
Die Wirkſamkeit dieſer Vereine wurde ſich beſon⸗ ders erſtrecken:
u) auf uneheliche Kinder, deren Eltern ent⸗ weder nicht richterlich ausgemittelt werden können, oder bei welchen aus gänzlicher Mittel- loſigkeit oder andern Gründen an Erziehung und Pflege nicht zu denken iſt;
b) auf Kinder von Bettlern, welche, da ſie ſelbſt von Bettlern abſtammen, in der Regel keine Heimath haben, und, obgleich jedem von ihnen in neuerer Zeit ein beſtimmter Wohnort angewieſen iſt, aus Mangel und Gewohnheit ihr vagirendes Bettler-Leben fortſetzen;
c) auf Kinder von Landſtreichern, welche mit oder ohne ihre Eltern von der Polizei
aufgefargen werden, und von einem Arreſt⸗ hauſe ins andere wandern, bis ſie ſelbſt'ge— wandte, verſchmitzte Diebe ſind; überhaupt
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d) auf alle ſogenannte moraliſche Wäiſen, deren Eltern zwar noch leben, aber aus Lie⸗ derlichkeit ſich um die Erziehung nicht küm⸗ mern, oder aus Armuth nicht kümmern können.
Erinnern wir uns z. B. des großen Menſchen⸗ freundes Franke in Halle, oder des würdigen Falk in Waimar: beide verfolgten denſelben ſchö⸗ nen Zweck, und die Geſchichte bezeugt es uns, daß all dieſe großartigen Beſtrebungen von dem ſchönſten Erfolge gekrönt wurden. Der Einwand, daß mit einzelnen Unternehmungen der Art nur Einzelnes und, gegenüber dem Be⸗ dürfniß, nicht genug geſchehe, hielt nicht ab; was anfänglich vereinzelt und im Kleinen geſchah, ward ſpäterhin nur der kleinſte Theil ausgebreiteter, großartiger Beſtrebungen und Anſtalten.
Damit nun unſer Vaterland auch des Glückes theilhartig werde, Vereine für Rettung ſittlich ver⸗ wahrloster Kinder zu beſitzen, wende ich mich zu— nächſt an die Kreisräthe; denn tauſendfältige Wahr— nehmungen müſſen ſie darüber gewiß machen, welche Störungen gegen Ruhe und Sicherheit Anderer— ſutlich verwilderte Menſchen veranlaſſen; tauſendfäl— tige Erfahrungen haben es ihnen bereits bewieſen, daß es die ſittliche Verwahrloſung der Kinder war, von welchen jene Vewilderung, jene Folgen aus— gingen.) Bei ſolchen Wahrnehmungen werden ſie gewiß ihre beſondere Theilnahme der Gründung eines Vereines, der es ſich zur Aufgabe macht, ſitt⸗
lich verwahrloste Kinder zu retten, zuwenden. Ich
wende mich an die Ortsvorſtände; denn ſie haben ebenfalls vielfältige Gelegenheit, wahrzunehmen, daß der Zuſtand in einer Gemeinde um ſo beſſer ſei, je mehr rechtſchaffene, geſchickte und fleißige Bürger und Familien in derſelben ſich befinden. Dagegen finden ſie andererſeits, daß gerade ſolche verwahr— loste Kinder oft bedeutende Koſten verurſachen und ſich ihre Zahl gleich dem Uakraute auf dem Felde mehrt, und die guten Pflanzen verdirbt, wenn nicht zeitig entgegen gewirkt wird.—
Ich wende mich an die Geiſtlichen und Lehrer des Landes; denn von ihnen, welche den hohen Be— ruf haben, auf gute Wege, auf das Reich Gottes hinzuleiten, eine werkthätige Nächſtenkiebe als Blüthe und Frucht des wahren Glaubens darzuſtellen—
kann man mit Recht die Förderung und Unterſtützung
unſeres Zweckes in ihren Gemeinden erwarten. f Ich wende mich endlich an alle Väter, welche ihre Kinder in einer gottgeweihten Erziehung und
*) Bei dieſer Gelegenheit erlaube ich mir, die geneigten Leſer darauf aufmerkſam zu machen, daß in der Kurze zin in der Offides Herrn C. Bindernag el in Fried⸗ berg ein Werkchen von mir unter dem Titel:„Die Erziehung und Rettung ſittlich verwahrloster Kinder, als das vorzüglichſte Hülfsmittel in der Armenverwal⸗ tung“ erſcheine nwird.
wird„ ſitlic meines bold! An
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