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Marienſchloß.
(Fortſetzung und Beſchluß)
Einige andere Punkte wollen wir hier berühren
und daran unſere Wünſche knüpfen. 8 Es ſind zwar die Verbrecher in zwei Klaſſen getheilt und überhaupt eine Menge auf pſychologi⸗ ſchen Beobachtungen und Erfahrungen beruhende Veranſtaltungen getroffen, um den Beſſeren vor dem Schlechteren auszuzeichnen, den nur ſchlummern⸗ den und noch nicht erſtorbenen Sinn für's Gute zu wecken und zu nähren, namentlich den ſonſt braven und arbeitſamen Menſchen, der ſeinen Fehler erkennt, nicht ganz niederzudrücken, ſondern wo mög⸗ lich zu heben; aber dennoch kann bei dem engen Raume, in welchem die Sträflinge zuſammengebracht ſind, und zwar nicht nach den Graden ihrer Ver⸗
gehungen, ſondern nach ihren Geſchäften, der Ein⸗
fluß des unverbeſſerlichen Böſewichtes auf andere minder Verdorbene durchaus nicht vermieden werden. Bei weitem die meiſten Vergehungen entſtehen aus Mangel an Willenskraft. Die meiſten der gewöhn⸗ lichen Menſchen folgen den augenblicklichen Ein⸗ gebungen von außen, und ſchenken nur zu leicht dem kalten, verdorbenen aber willensſtarken Ver⸗ brecher geneigtes Gehör. Mag man nun auch heim⸗ liche Unterredungen oder das Erzählen und Rühmen der früheren Verbrechen verbieten und hart beſtrafen; mag man den Geiſtlichen alles thun laſſen, was in ſeinen Kräften und Mitteln ſteht, um den Sünder zu beſſern: dennoch wird man viele Beiſpiele finden, daß Sträflinge bösartiger entlaſſen wurden als ſie kamen. Dieſer traurigen Erſcheinung kann nur bei
größerem Raume und allenfalls dadurch vorge⸗
beugt werden, daß man die Einzelnen genau zuerſt zu beobachten ſucht und dann gewiſſe Menſchen ganz von einander trennt. Möchte darum die Anſtalt bald erweitert, insbeſondere der große Bau vollendet werden, den man vor mehreren Jahren nur zur Hälfte aufgeführt!
Wir kommen zu einem zweiten noch wichtigeren Punkte. Wir wollen annehmen, daß der großere Theil derjenigen, welche aus Leichtſinn oder im Affekt oder aus Verführung gegen die Geſetze ge⸗ ſuͤndigt haben, wirklich gebeſſert und mit den herr⸗ lichſten Vorſaͤtzen aus der Anſtalt entlaſſen, auch noch mit einigem Reiſegeld verſehen wird. Was ſollen ſie aber nun beginnen? Sind ſie nicht
glaubt er, ſieht ihn an; jedes beobachtet ihn mit
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moraliſch gebrandt arkt? Haben ſie nicht 5 bur f gerliche Ehre verloren? Wer mag ſolche iſchen Ind gerne in Arbeit, wer zu ſich in's Haus nehmen? der Welcher Menſch traut oder vertraut ihnen?— dul Ach, wer ein zartes Gefühl hat, der fühlt ſich nach al der Entlaſſung unglücklicher, als vorher; jedes, ſo
Mistrauen, niemand mag ihn gerne in ſeiner Nähe haben. Was bleibt ihm übrig? Verzweiflungsvoll ergibt er ſich dem Schlechten, und geht um ſo eher für die menſchliche Geſellſchaft verloren, je mehr noch Funken des Beſſeren in ihm ſind. 5 Hier fehlt es an einer Anſtalt, welche de
Hoffnungsloſen, den von der Welt Verſtoßenen auf- nimmt, ihm Gelegenheit gibt, ſich zu nähren, aber] ſich auch Veranlaſſung, ſich mit der Menſchheit wieder J val auszuſohnen. Moͤchten wir das Glück haben, eine ſolche Arbeits-Verſorgungsanſtalt bald in's Leben treten zu ſehen! Vielleicht finden ſich Menſchen⸗ freunde, zu deren Herzen wir hier geſprochen haben. Vielleicht verbindet der Staat einmal ſelbſt eine ſolche Anſtalt mit der Straf⸗Anſtalt. ö
Noch einen Punkt müſſen wir ſchließlich be⸗ 1 rühren. Man klagt über allzugroße Sterblichkeit in Marienſchloß. Dieſe Klage iſt nicht ungegründet, aber den Urſachen iſt nur zum Theil abzuhelfen. Es mag ſeyn, daß die Lage von Marienſchloß in der Nähe ſumpfiger Wieſen, daß manche dumpfe, kellerartige Zimmer und Gänge in den Gebäuden zuweilen Krankheiten erzeugen. Wenn aber Reinlich⸗ keit und Ordnung Gegenmittel ſind und zur Erhal⸗⸗ tung der Geſundheit weſentlich beitragen, ſo iſt hier 1 die Urſache von Krankheiten nicht zu ſuchen; enn n der größere Theil der Sträflinge lernt erſt hier, 14
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mal was Ordnung und Reinlichkeit heißt. Die Haupt⸗ ich urſachen der Sterblichkeit(Waſſerſucht und Lungen⸗ bn ſucht raffen die meiſten weg) ſind zuerſt in dem 8 Zuſammenleben einer allzugroßen Menge von un 10 Theil verdorbenen Menſchen, welche ſelten die freie bun Luft genießen, und dann in der veränderten Lebens-
weiſe der Sträflinge zu ſuchen. Viele von ihnen
waren früher den größten Theil ihres Lebens unſtät* und flüchtig, und durchſtrichen Straßen oder Feld ö 3 und Wald; nun kommen ſie während der Unter⸗ ſuchung nicht aus dem Gefängniſſe, und wenn man
ſie nach Marienſchloß bringt, ſo müſſen ſie ſich 8 einer gewiſſen Ordnung, den Arbeiten im Zimmer


