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tire, ihn eingeſchlagen zu ſehen wuͤnſche, da müſſe man neue Garantieen ſuchen. Nach dieſem Eingang äußerte derſelbe Abgeordnete folgende Worte, welche wir mit diplomatiſcher Genauigkeit hier anführen:„Auf dem „vorigen Landtag hat der Berichtserſtatter über den „Antrag des Abgeordneten Heß in ſeinem Bericht ge— „ſagt, konſtitutionelle Verfaſſungen beruhen auf Miß⸗ „trauen. Man hat ihm dieß zum Vorwurf gemacht „und ich glaube, daß die Partei, welche gegen— „wärtig die Geſchäfte in unſerm Staate führt, darin „einen Grund gefunden hat, dieſen Mann davon ab⸗ „zuhalten, in dieſer Kammer Sitz zu nehmen. Meine „Herren, dieſer Partei, welche das konſtitutionelle „Prinzip nicht verſteht und in ihren einzelnen „Mitgliedern auch vergeſſen zu haben „ſcheint, was Recht iſt, dieſer Partei muß ich „in dieſer Beziehung etwas vorzutragen mir erlau⸗ FVVUVAwñ!r Hier wurde der Redner von einem der anweſenden Regierungskommiſſäre unterbrochen und gefragt, was er unter dem Ausdruck Partei ver— ſtehe.— Auf dieſe ſchonungsvolle Frage erwiederte Freiherr von Gagern:„Ich verſtehe darunter die Par— „tei, an deren Spitze der auweſende Regierungskom— „miſſar Geh. Staatsrath Knapp ſteht und die er „hier repräſentirt.)— Mit unerſchütterlicher Ruhe forderte der Regierungskommiſſär den Präſidenten der Kammer auf, den Redner zur Ordnung zu rufen; gleichzeitig verlangten daſſelbe die Abgeordne— ten von Bibra, von Breidenbach, Freſenius, Fritz, Goldmann, v. Grolmann, v. Günderrode, Hardy, Hirſch, Graf Lehrbach, v. Rabenau J., v. Ra⸗ benau II., Weyland und Wolf. Tumult entſtand in der Sitzung; man hörte ſein eigenes Wort nicht mehr. Abgeordnete der Majorität riefen, man ſolle nicht zur Ordnung verweiſen— der Präſident be⸗ wegte ſeine Schelle. Die Regierungskommiſſäre er— warteten gelaſſen, was der Präſident thun werde. Freiherr von Gagern wollte nunmehr ſeinen Aeuße⸗ rungen eine perſönliche Deutung geben, erhielt aber von dem Regierungskommiſſär, Regierungsrath Breidenbach, die Bemerkung, daß der Ausfall gegen eine an der Spitze der Geſchäfte befindliche „Partei“ gerichtet ſey, alſo gegen die Staatsregie—
„) In dem Protokoll ſteht:„Ich verſtehe darunter die Par⸗ tei, welche vorzugsweiſe von dem Herrn Geh. Staatsrath Knapp repräſentirt wird.“ Aber die Aeußerung fiel ſo, wie oben angegeben worden.
rung.— Wir hörten von dem Freiherrn von Gagern die bedeutungsvolle Aeußerung, daß nach ſeiner An— ſicht an der Spitze der Geſchafte eine Partei ſtehe, welche eine andere politiſche Meinung bethätige, als diejenige iſt, zu welcher ſich die Majorität dieſer und der vorigen Kammer bekenne; aber von wahrer Würde zeugten die Worte, welche der Gr. Geheime Staatsrath Knapp ſprach:„Oft ſchon hat mich der Freiherr von Gagern hier angegriffen, es galt mei— ner Perſon, ich konnte darüber hinwegſehen und ich habe es gethan; heute aber hat er mich in meinem Amt angegriffen, das Geſammtminiſterium hat er
eine Partei genannt, ich verlange wiederholt, daß
er zur Ordnung gerufen werde.“— Dieß geſchah jedoch nicht und es verließen daher ſämmtliche Re⸗ gierungskommiſſaͤre den Saal. Nun begann eine Discuſſion über die Vorfrage, ob man discutiren ſollte, ſodann, nachdem dieſe Vorfrage durch förm— liche Abſtimmung bejahend entſchieden war, wurde über die Frage discutirt, ob Freiherr von Gagern zur Ordnung zu rufen ſey. Die Kammer entſchied, in feierlicher öffentlicher Sitzung abermals mit 20 gegen 14 Stimmen, daß der Ruf zur Ordnung nicht erfolgen ſolle;— ſie machte ſich die Be— leidigung zu eigen.
„Wir fügen dieſer einfachen Erzählung kein Raſonnement bei— jeder Uuparteiiſche möge ur— theilen.“ g
Die Zeiten des dreißigjaͤhrigen Krieges. (Beſchluß.)
Solche Peſt währete bis in Herbſt, eine zwar urcht gar lange Zeit, riebe aber dennoch viele 1000. 1000. Menſchen im Lande weg, daß kaum der zwan— tzigſte Theil, in etlichen Dörffern aber wohl gar niemand überbliebe.) Weilen nun durch ſolch Abſterben der Leute andern überbliebenen viel Erb— ſchafften aufſturben, achtete ſich jederman für gar reich, vermeinten ſich ihres erlittenen Schadens reich— lich wieder zu erſetzen, ſintemahl viele mehr wieder
*) Z. E. 1634. vor der pPeſt hatte Bieberau 73. Mann und bey 300. Seelen. A0. 1636. waren daſelbſt kaum 10. Mann, keine eintzige Klaue Viehes, nicht einmahl eine Katze oder Hund. A0. 1648. aber waren 7. Häuſer und 21. Seelen nur annoch übrig. Zu Steinau war 1648 noch 1. Mann, Nonroth und Billinx aber gantz un. bewohnt.


