Ausgabe 
29.1.1922
 
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onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Gießen, 4. S. n. Epiph.,

den 29. Januar 1922 II. Jahrg.

Glauben.

Evang. Matth. 8, 8. Ter Hauptmann ant⸗ wortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.

An dem Beispiel des Hauptmanns von Kapernaum lernen wir kennen, was es im christlichen Sinne heißt glauben. Dieser Mann, den die Sorge um seinen Knecht zu Jesus treibt, ist demütig, er sagt: Herr. ich din nicht wert, daß du unter mein Da gehst. Obwohl wir wissen, daß man im Morgenland bei Besuchen und beim Emp⸗ fang von Gästen sich aus Höflichkeit vor dem andern erniedrigt und doch im Grunde anders denkt, so ist doch diese Aeußerung des Hauptmanns ein Ausfluß seiner inneren Gesinnung. Er erkennt trotz der Knechts⸗ gestalt in Jesus den Sohn Gottes, er fühlt sich klein und gering vor ihm und steht auf dem Boden des Wortes, das Johannes der Täufer gesprochen hat: Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. Nur wer so im Gefühle seiner Unwürdigkeit und Schuld zum Heiland kommt, der kann Gnade er⸗ langen. Mit seiner Demut verbindet der Hauptmann unbedingtes Vertrauen zu Jesus. Sprich nur ein Wort, so sagt er, so wird mein Knecht gesund. Nicht fragt er: Was hat denn dieser Rabbi von Nazareth für Erfolge aufzuweisen, er stellt mit ihm kein Examen an, wie das ein Arbeitgeber tut, der einem Manne einen wichtigen Posten in seinem Betriebe übergeben will, sondern er gibt sich ihm rückhaltlos hin, er hat die Zuversicht, daß er ihm helfen kann.

Der Christenheit ist das Lied besonders lieb, das die vor 20 Jahren dahingeschiedene Julie von Hausmann gedichtet hat:

So nimm denn meine Hände

Und führe mich

Bis an mein selig Ende und ewiglich, Ich mag allein nicht gehen

Nicht einen Schritt,

Wo du wirst gehn und stehen,

Da nimm mich mit.

Dieses Lied reicht nicht an die Lieder Luthers heran, die dahinstürmen wie ein majestätisches Gewitter, in die Himmel und Hölle hereinragen, und in denen noch etwas von dem großen Kampfe um die Rettung der Seele aus dem allertiefsten Verderben nachzittert, es kann mit Paul Gerhardts

Liedern nicht verglichen werden, die vom blauen Himmelssaal, den güldenen Sternen, von Frieden und Freude singen, aber es ist doch ein echtes Glaubenslied, deshalb, weil in ihm der wahre Glaube zum Ausdruck gelangt, der Glaube, der in der unbedingten Hingabe an Gott besteht, der Glaube des Christen, der sein Schicksal getrost in Gottes Hände legt. H. B.

Beim deutschen Beskidenkorps.

ch Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns

der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert

in Gießen. 3. Die Kämpfe bei Lemberg. (Fortsetzung.)

25. Juni 15. Während gestern nach⸗ mittag gerade wieder ein schweres Gewitter niederging, wurden wir aus unserer schönen Ruhe aufgestört, und ich erhielt den Befehl, mit meiner Batterie in nördlicher Richtung abzurücken. Unterwegs kamen wir nochmals in einen Gewitterregen, aber dank dem Gummimantel blieben meine Kleider ganz trocken. Wir gingen um 6 Uhr in einer Waldblöße bei Dzibulki in Stellung, ohne zu wissen, wo der Feind und unsere eigene Infanterie ist. Ich ritt mit Leutnant Thüre noch weit vor, um nach einer Beobachtungs⸗ stelle zu suchen und mich über die Lage zu unterrichten. Wir fanden vorn bei der In⸗ fanterie einer preußischen Division, die durch unsere abgelöst werden sollte, einige Ver⸗ wirrung vor, da die Russen gerade heftig angriffen, unsere Infanterie aber noch nicht da war. Heute erfuhr ich dann, daß Teile unserer Infanterie und Artillerie bei Zol⸗ tance hatten bleiben müssen, da auch dort die Russen angriffen, die zur Ablösung be⸗ stimmten Truppen aber noch nicht da waren. Unsere Lage gestern abend und heute nacht mitten im Walde war etwas ungemütlich. Auch jetzt ist sie noch nicht recht geklärt.

Abends. Wir haben weiter vorn in einer Waldblöße nordöstlich Dzibulki neben der Chaussee am Nachmittag eine neue Feuer⸗ stellung eingenommen und uns für die Nacht ein Blockhaus bauen lassen, da es hier viele Kreuzottern gibt. Der Wald ist sehr sumpfig. Beim Aussuchen einer Beobachtungsstelle fand ich, daß die Infanterielinie vor uns sehr dünn, der Schützengraben schlecht ist. Auf großen Strecken sind nur Schützenlöcher vorhanden.