b
1
W
onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 48 Gießen, 24. S. n. Trinitatis,
den 26. November 1922 Jahrg. II.
Die Predigt des Gottesackers. Von einem Landgeistlichen.
1. Kor. 15, 42. Es wird gesäet verweslich und wird auferstehen unverweslich. Mitten im Ackerfeld liegt unser Friedhof. Pflügen, Säen und Ernten geschieht um ihn her Jahr für Jahr. Und zwischen seinen niedrigen verwitterten Mauern geschieht das⸗ selbe in einer anderen und höheren Weise
Jahr für Jahr.
Mit trüben Gedanken gehe ich den Weg zu ihm hinauf. Ich achte nicht auf das frisch⸗ gepflügte Land noch auf die Neusaat. Aber da liegt auch ein Stoppelacker; an dem muß ich stehen bleiben, als hätte er mich angeredet. Ist es die Leere des Feldes, die Wehmut der abgeernteten Fläche, die mich ergreift? Oder ist es der Herbstwind, der so rauh und streng darüber hinweht und dabei das unerbittliche Lied vom Dahinfahren und Sterben singt? Ich weiß, was es ist. Ich höre das Stoppelfeld sprechen: Siehe, ich bin ein Friedhof im Kleinen; unter jedem Halmenstumpf ist ein Körnlein in die Erde gesenkt und der Vergänglichkeit anheim⸗ gefallen, nicht anders, als es bei euch Men⸗ schen geschieht.
Fürwahr, es ist ein weites Totenfeld, Grabzeichen an Grabzeichen. Ich muß an die großen unübersehbaren Friedhöfe im Osten und im Westen denken, wo Kreuzes⸗ stamm an Kreuzesstamm steht, daß sie nicht
zu zählen sind Und an das namenlose Weh
muß ich denken, das um jenes große Heer der Toten getragen wird. Gleich Saat⸗ körnern sind sie gesät von der Hand eines unsichtbaren Säemannes, breitwürfig, ver⸗ schwenderisch, Korn an Korn. Und auch daheim war es nicht anders; die Sterbe⸗
der sie geheiligt hat; sie sagen mir im Vor⸗ übergehen manch gutes Wort von ihm. Da ruft eins, als sähe es meine unsichtbare Last:„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Ein anderes, als fühlte es die Nacht unserer Zeiten: „Wer mir nachfolgt, wird das Licht des Lebens haben.“ Ein drittes nimmt alle Todesangst hinweg:„Niemand wird sie aus meiner Hand reißen!“ Und da ist noch ein unscheinbares Holzkreuz, in das vom Meißel des Schreiners die großen lebensstarken und glaubensstolzen Worte eingegraben sind: „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben!“ Alle diese Worte werden lebendig, fangen an zu klingen, vereinigen sich zu einem Triumph⸗ gesang des Lebens über der Stätte des Todes und füllen das Herz mit Zuversicht, Hoffnung und Kraft.
Ich trete an die Friedhofsmauer in den wehenden Herbstwind und schaue hinaus in das zur Winterruhe sich rüstende Land. Singe nur immerhin dein klagendes Lied von der Vergänglichkeit alles Irdischen, du herbstlicher Wind, jage nur immerhin das bunte Laub vor dir her in einem rauhen Spiel! Ich höre eine andere stärkere Me⸗ lodie, einen stolzen Gegengesang, den du mit all deinem Toben und Stürmen nicht übertönen kannst. Klänge der Ewigkeit sind über uns, Kräfte der Ewigkeit tragen uns. „Unter uns sind die ewigen Arme,“ sagt die „Schrift, und Schöneres kann kaum gesagt werden von der Christen Zuflucht und Zu⸗ versicht in Not und Tod.
Am Stoppelacker vorüber gehe ich heim.
Nun verstehe ich ihn besser. Ich denke an Halm und Aehre, wie sie wuchsen aus dem
glocken haben zu Zeiten nicht stillgestanden. schlafenden und sterbenden Körnlein. Ich Welch ein Säen auf jeglichem Gottesacker! denke daran, daß das Sterben des Körnleins Jeden, der verschont blieb, muß solches Er⸗ nur ein wunderbares Verwandeltwerden war. leben bis in die Tiefen seines Wesens er⸗ Dreißigfältig und sechzigfältig erstand es schüttern; denn niederschmetternd fällt auf neu, wie um zu zeigen, daß Sterben sein ihn die Frage, was der Mensch ist in seiner Gewinn sei. Armseligkeit und Hinfälligkeit, in seiner Not. Mir ist's, als spräche über diesem Gleich- und seinem Irren, in Schuld und Wahn, nis des Saatkorns eine vertraute Stimme: in Kummer und Sünde Der solches Wunder tut am winzigen Körn⸗ Ich wandere weiter mit schwerem Schritt lein, sollte er das nicht vielmehr an euch wie unter einer unsichtbaren Last und trete tun o ihr Kleingläubigen? Ja, wir Klein⸗ durch das eiserne Tor auf den Friedhof. gläubigen sehen von der Gottesernte hier Es ist gut, daß ich nun die heiligen Kreuzes⸗ zwar nur die Stoppeln, wir sehen die Lücken zeichen sehe. Sie machen mir das Herz in unserer Reihe und die Kreuze auf dem leichter, denn sie erinnern mich an den, Gottesacker und haben ein trauriges Herz.


