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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 30

Gießen, 6. S. n. Trinitatis, den 23. Juli I922

II. Jahrg.

Jesus und die Kinder.

Evang. Mark. 10, 14. Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen ist das Reich Gottes.

Es hat eine Zeit gegeben, in der herrschte die Auffassung: Das Kind ist das Eigentum des Vaters, mit dem er machen kann, was er will. Niemandem ist er Rechenschaft schuldig. Wenn er sein Kind tötet, so ist es seine eigene Sache. Noch heute stößt man auf diese Auffassung in manchen heidnischen Ländern. Es ist noch gar nicht lange her, daß man in China des Morgens auf der Straße Leichen neugeborener Mädchen fand: der Pater hatte sein Kind vor Zorn, daß es kein Knabe war, hinausgeworfen! In einigen Ländern kam eine Zeit, in der man fragte,

ob die Kinder für den Staat brauchbar

wären. Im kriegerischen Sparta wurden schwächliche oder gar verkrüppelte Knaben im Taygeton ausgesetzt und jämmerlichem Hungertode preisgegeben. Die gesunden Kna⸗ ben wurden den Familien entrissen und in staatlichen Anstalten erzogen.

1 kam, und mit dem Worte:Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich, machte er seinen, d. h. Gottes Anspruch au die Kinder geltend. Fortan weiß sich jeder Christ verantwortlich für seine Kinder. Und diese Verantwortung kann niemand, kein Staat, keine Partei, kein Verein, keine Kirche, keine Schule uns abnehmen, die tragen wir ganz versönlich und bekennen mit Dr. M. Luther:Gott hat sie uns befohlen und wird gar schwere Rechnung von uns für sie fordern.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der. Bub vor

Jahren. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Die Nächstfolgenden, welche unserer Massenbegrüßung zum Opfer fielen, waren zwei Damen, ein altes Mütter⸗

chen und anscheinend seine Tochter, an die es sich führte. Es nahm unsere⸗ Höf⸗ lichkeitsbezeugungen anfänglich erstaunt, dann aber sehr ungnädig auf, während die jüngere Dame die Sache auffaßte, wie sie gemeint war und lachte. Sie bemühte sich vergeblich, beruhigend auf das Frauchen einzureden; es räsonnierte und schwang dro

hend sein Sonnenschirmchen. Ich sehe jetzt noch das kleine Mütterchen vox mir, wie es uns mit seiner schwachen Stimme un⸗ artige Jungen nannte und von Verhöh⸗ mung des Alters und dergleichen redete. Dabei nickte das auf seinem Kapotthütchen bolzengerade in die Höhe stehende, wie das Gerippe eines Herings aussehende, zerzauste Federlein dauernd Beifall. Aber das nützte alles nichts. Das beleidigte Frauchen mußte unsere Grüße über sich ergehen lassen, die, wie wir von Augenzeugen später hör⸗ ten, an Liebenswürdigkeit und Verbindlich⸗ keit nichts zu wünschen übrig ließen. So kamen noch verschiedene andere Leute an die Reihe, die alle friedlicher Natur waren und lachten. Da auf einmal sahen wir, wie die Vorderen in die Seitenwege hinter die Bos⸗ fetts liefen und hinter uns rief einer:Der St. Also, rette sich wer kann! Das war die erste Begegnung mit dem Realschul⸗ direktor Dr. St., und ich muß offen ge⸗ stehen, trotzdem ich schon mancherlei Un⸗ rühmlichkeiten von ihm gehört hatte, war mir aber die panikartige Flucht meiner Kameraden doch lähmend in die Beine ge fahren. Ich ging 15 weiter, um mir den Mann einmal anzusehen. Da kam er: eine

schmale, große Gestalt, graues Haar, buschige

graue Augenbrauen, graue Augen, graues, pergamentartiges Gesicht, alles grau in grau. Das war er also, der Schultyrann, von dem die Jungen sagten, eine Ohrfeige von ihm gliche einem Dutzend von einem der anderen Lehrer, denn er mache in dem Moment, in welchem seine knöcherne Hand den Kopf traf, eine Faust.

Als die Katze außer Sicht war, kamen die Mäuse aus ihren Löchern wieder hervor, aber mit dem Ulk wars vorbei. Wir gingen. in einem Trupp durch den Junkers Garten (Plockstraße), wobei Dachs Klein über die Feigheit der Gesellschaft fürchterlich räson⸗ nierte. Er hatte gut schelten. Im Gym⸗ masium, welches er besuchte, tanzten die Jungen dem Direktor auf dem Kopf herum.

Auf dem Kreuz, angekommen, erzählten wir uns gegenseitig unsere Beobachtungen bei unserem Spaziergang und beschlossen, ihn gelegentlich zu wiederholen; denn der oben beendete galt als verpfuscht. 185

Meine Mitwirkung kam aber dabei nicht mehr in Frage; denn es exeignete sich etwas, was mich von meinen Kreuzer Gespielen, wenigstens soweit es sich um den Verkehr mit ihnen außerhalb der Schulzeit handelte, für