Verwechslung vor. Die„Kriegsgeschichte“ meldet, daß die Franzosen kaum 2000 Mann Infanterie und 400 Reiter stark gewesen seien, aber das waren die Truppen, die schon in der Frühe des 11. die Stadt ver⸗ lassen und dann den Hardtberg besetzt hatten. Sie gänzlich zu vertreiben, fügt die„Kriegs- geschichte“ hinzu, wäre leicht gewesen, wenn die Oesterreicher ihre Infanterie, die aber noch weit zurück war, bei sich gehabt hätten.
Kann demnach von„Verrat“ der Bürger⸗ schaft keine Rede sein, so durfte doch Ney den Vorgang so beurteilen und dementspre⸗ chend verfahren. Daß er sich durch den feindlichen Führer von der Bestrafung der Stadt abbringen ließ, beweist, daß er von der Unschuld der Bürger überzeugt wurde, ganz wie es Chastel darstellt.
Von Schaumann, als dem Schwiegersohn eines der Kriegskommissare, hätte man ge⸗ nauere Nachrichten über das, was geschehen war, erwarten dürfen. Statt dessen macht er nur eine ganz vage Angabe über Vorfälle, die zur Verhängung einer Beschießung keineswegs ausreichen, es sei denn, daß man in seinen Worten über die Einmischung einiger Bürger in den Krieg eine Hindeutung auf die Oeffnung des Neuenweger Tores durch Zivilpersonen erblicken wolle. Jeden⸗ falls geht aus sämtlichen auf uns gekom⸗ menen Darstellungen dieses schwarzen Tages der Gießener Geschichte deutlich hervor, wie schwer es in aufgeregten Zeiten ist, den Hergang der Ereignisse genau und einwand⸗ frei festzustellen.
Die nächsten Tage vergingen auf beiden Seiten mit Vorbereitungen zu einem grö⸗ ßeren Gefecht. Jourdan hatte seine ganze Armee hinter dem rechten Lahnufer Front machen lassen, und Erzherzog Karl war mit seinem Heere herangekommen und hatte Stellung auf dem linken Ufer des Flusses genommen. Von Limburg bis Lollar dehn⸗
ten sich die Fronten. Den rechten Flügel der Oesterreicher kommandierte Feldmar⸗ schall⸗Leutnant von Kray, den gegenüber⸗ stehenden französischen linken der Divisions⸗ general Grenier.
Am 16. September entbrannte das Ge⸗ echt von dem Schaumann im zweiten Teil seines Briefes ebenfalls erzählt. In seinem Verlauf hatte Gießen abermals eine heftige Beschießung auszuhalten, wobei nach allen zeitgenössischen Berichten über 100 Häuser beschädigt wurden.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Episode aus heinrich dernburgs Gießener Studentenzeit. Nach Akten des hessischen Staatsarchivs mit⸗ geteilt von Dr. Karl Esselborn. Schluß.) Ueber seinen dortigen Aufenthalt liegt der Schluß eines am 6. November 1849 auf⸗
—
2 18
gegebenen Briefes von ihm an seinen Vater vor. Er lautet:
„Ich höre vorerst nur zwei Collegien Ru⸗ dorff Erkl. des Aten Buch von Gajus (2 St. w.) u. v. Richthofen Handelsrecht (2 St. w.), beide publica, letzteres haupt⸗ sächlich nur des Stoffes wegen. Liest Keller ein exegetisches Colleg, so werde ich es be⸗ suchen. Jedenfalls werde ich noch Dirksen de origine juris(1 St. w.) hören. Wäre ich immatrituliert, so würde ich noch Richter, juristische Literaturgesch., vielleicht auch Pan⸗ dekten bei Keller hören. In letztern würde ich gewiß Vieles lernen, gewiß aber auch Mehr schon Gekanntes hören müssen; jedenfalls chokirt es mich, ein solches Colleg fortwäh⸗ rend zu schießen. Du könntest ja machen, daß sich meine Sache bald arrangire, wenn irgend möglich ohne den Scandal einer öffentlichen Exposition; ich kann die Kin⸗ derei und Uebereilung des vorigen Jahres nicht in Schutz nehmen vor vernünftigen Leuten, und doch ist sie nicht strafbar, wäre jedenfalls jetzt nicht bestrafbar. Doch das weißt Du ja Alles besser als ich. Schreibe mir bald, wie Dir mein Plan gefällt, was ich lesen soll, ob ich Pandekten hören oder nicht hören soll; schreibe mir aber auch zu⸗ gleich ausführlich, dann aber nicht eher, bis was Neues zu melden. Ich erwarte den Brief an Schacks.
„Die Mutter soll mir sagen, ob ich noch einmal zu Frechs gehen soll. Meine Hand⸗ schuhe sind beide so zerrißen, daß ich mir zwei Paar neue kaufen muß.
„Wenn ich zu Nettchens Geburtstag noch einmal schreibe, ists gut; wo nicht, so über⸗ rascht sie— mit einer Gratulation von mir.
„Wenn Fritz studiren will, so soll er nächsten Sommer zu mir nach Berlin kom⸗ men.— Das ist wohlfeiler und für uns beide angenehmer. Es wäre das von Vater und Fritz in ernsthafte Erwägung zu ziehen; besonders wenn er Jurisprudenz studirt, wäre ihm das ja unbezahlbar, er kann dann immer noch im dritten oder vierten Curs nach Heidelberg oder Jena.
„Lebt wohl und denkt recht oft an mich.
euer Heinrich.“
Am 5. November 1849 bat Dernburgs Vater den Großherzog um Niederschlagung des gegen seinen Sohn anhängigen Straf⸗ verfahrens. Obwohl der Staatsanwalt am Kriminalsenat des Hofgerichts zu Gießen, Zentgraf, bereits am 26. Oktober 1849 die Niederschlagung der gegen Bopp und Dern⸗ burg erkannten Anklage aus rechtlichen Gründen bei dem Justizministerium befür⸗ wortet und die gleiche Behandlung Leißners, „an dessen Bestrafung das Großherzogtum ohnehin geringeres Interesse habe, da der⸗ selbe keiner seiner Angehörigen sei“, nahe⸗ gelegt hatte, so konnte das Ministerium diese Gründe sich doch nicht zu eigen machen,


