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onntagsgruß
Zemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 4
Gießen, 3. S. n. Epiph., den 22. Januar 1922
II. Jahrg.
Gottes Walten in der Natur. Psalm 2, 12. Wohl allen, die auf ihn trauen.
In diesen Wintermonaten ruht die Erde aus, und nirgendswo im deutschen Lande wachsen die Pflanzen aus ihr empor. Gleichwohl ist das Walten Gottes in der Natur nicht zum Stillstand gekommen, die⸗ ses Walten erfüllt uns gerade in diesem
Winter mit Hoffnung. Im Winter 1920,21 gab es so gul wie keine Niederschläge, weder
Regen noch Schnee brachten dem Erdboden die so sehr notwendige Feuchtigkeit. Bis in den Herbst hinein blieb es so, und wir hatten die Folge zu spüren. Die Bäche ver⸗ siegten, die Flüsse zeigten einen Wasserstand, der so niedrig war, wie nicht mehr seit hundert Jahren. Im Rhein bei Bingen ist der Hungerstein zum Vorschein gekommen, das ist ein Stein, der nur bei außergewöhn⸗ lich niedrigem Wasserstand zu sehen ist. Auf ihm ist das Wort eingemeißelt: Die mich sahen, weinten, die mich sehen werden, wer⸗ den weinen. Für das Jahr 1921 traf das Wort aus dem 65. Psalme nicht zu: Du suchest das Land heim und wässerst es und machst es sehr reich. Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. Du tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes, mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs. Der Ertrag an Obst und Kartoffeln war sehr gering, und die Teuerung ist auch durch das Naturgeschehen gewachsen. Dieser Winter gibt uns bessere Aussichten. Das neue Jahr ist mit Sturm und Regen gekommen, er⸗ giebige Niederschläge haben dem Boden
das Gesicht fuhr und auf den Straßen die Wasserlachen standen, so war unsere Freude größer, als wenn die Sonne hernieder⸗ geschienen hätte und wir trockenen Fußes dahingeschritten wären. Auf den Regen folgte Schnee, der die junge Saat gegen den Frost schützt und, wenn er schmilzt, das Erdreich tränkt. Es ist eine Freude, jetzt auf dem frisch gepflügten Acker die braunen, Segen verheißenden Schollen zu sehen. Früher ist oft erlebt worden, daß auf Mißjahre ganz ungewöhnlich fruchtbare Jahre folgten, so auf die Jahre 1816 und 1847. Damit wollte Gott den Menschen so recht sinnenfällig zeigen, daß er noch da ist und seine Güte noch über ihnen walten läßt. So wollen wir auch diesmal der kommenden Ernte hoff⸗ nungsvoll entgegensehen. Wir sind ein seit Jahren hartgeprüftes Geschlecht, aber ge—
rade in den harten Prüfungen, die über uns ergangen sind, haben wir gelernt, auf den Herrn zu trauen und seiner Güte alles an⸗ heimzustellen. H. B.
Beim deutschen Beskidenkorps. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert
in Gießen. 3. Die Kämpfe bei Lemberg. (Fortsetzung.)
Heute um 2½ Uhr wieder heraus, von 3 Uhr an an der Beobachtungsstelle. Da der Feind uns gegenüber zurückgeworfen— was ein großer Erfolg ist, da wir in den Rücken von Lemberg bzw. der dort noch sich halten⸗ den Russen kommen—, die Lage rechts und links von uns aber noch nicht genügend geklärt ist, stehen wir nun marschbereit, bis Befehle kommen. Es ist sehr kühl, regnet auch ab und zu.
Mittags. Um halb 11 Uhr marschierten die 4. und 5. Batterie als Vorhutartillerie mit den 168ern vor. In einem Dorf, das gestern noch Artilleriefeuer erhalten hatte, und in dem mehrere Häuser in Flammen aufgegangen waren— ich sah vom Wald rand aus brennende Vögel über dem Dorfe fliegen—, hatten die Bewohner vor ihren Häusern an Stangen Blumensträuße und Fähnchen aus buntem Papier angebracht, um ihrer Freude über den Abzug der Russen Ausdruck zu verleihen. Auch be⸗
165 5 5 rüßten sie uns freundlich. Noch herzlicher Wasser zugeführt. Wenn uns der Regen in 9 70 0 1
war der Empfang in dem Städtchen Kulikow, wo wir eben unsere Feldküchensuppe ver⸗ speisen. Hier haben die Russen am Sonn⸗ tag alle jüdischen Häuser— das waren die Steinhäuser in der Mitte des Städtchens, während außen herum in Holzhäusern mit Strohdach die Landbevölkerung wohnt— verbrannt, die übrigen verschont. Sie miß⸗ handelten die Juden und nahmen viele als Geißeln mit. Allen Bewohnern nahmen sie das Geld und alle 1 weg. Kein Wunder, daß die Leute froh waren, als wir kamen.
Um ½3 Uhr gingen wir in Feuerstellung bei Zwertow.
23. Juni 15. Gestern nachmittag fanden sich bei den Beobachtungsstellen am Rande des um die Kirche gelegenen Friedhofes von Zwertow alle hohen Stäbe ein, auch der


