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war uns in demselben äußerst wohl zumute, wenn von außen die Pfeile der Indianer wider die Bretter prässelten. Natürlich holten wir uns diese Pfeile herein und schossen sie durch die Schießscharten wieder zurück. Manchmal wurde auch ein„Jagdzug“ in die Stephansmark unternommen, dessen Ergeb⸗ nis im günstigsten Fall eine vom Pfeil erreichte Maus war, an denen es damals mehr wie genug gab. Manche Tage wurden als Arbeitstage festgesetzt. An diesen fand die Herstellung von Bogen, Pfeilen und Lanzen statt. Die Buben aus der Stadt, welche mit⸗ spielen wollten, wurden auf diese Tage be⸗ stellt und angewiesen, Holzbrettchen zur Her⸗ stellung der Pfeile und Pfriemen aus einer Eisenhandlung für die Spitzen mitzubringen. Dann ging die Schnitzerei los, wobei neue Pläne ausgeheckt wurden. Die Aeste für die Bogen mußten die Erlenbüsche am Klingel⸗ bächelchen stellen; die Lanzen lieferten die Weidenbäume an der Wieseck. Daß bei diesen Liebhabereien die zur damaligen Zeit den. Knaben überreichlich aufgebürdeten Schul⸗ arbeiten nicht in der erforderlichen erschöp⸗ fenden Weise erledigt wurden, liegt auf der Hand, und es mußte daher im Winter vieles nachgeholt werden, was im Sommer ver⸗ säumt worden war. Aber wer will es den Jungen verdenken, daß sie das Tummeln in Gottes freier Natur dem Hocken hinter den Büchern vorzogen! Bei unseren Spielen ist nie etwas Schlimmes passiert, ausgenom⸗ men, daß mein Freund L. U. beim Ueber⸗ klettern eines Haufens Stangen ausglitt und den Arm brach.„Wo ist denn mein Arm!“ rief er, denn er hatte das Gefühl, wie wenn ihm dieser auf einmal fehle. Dann erhielt noch ein Junge, namens Hofmann, einen Lanzenwurf unter die Nase, wobei die Ober⸗ lippe durchbohrt wurde und mächtig an⸗ schwoll. Sein älterer Bruder, ein Tele⸗ graphenbeamter, kam zufällig dazu, wie wir den Getroffenen, welcher wie ein Löwe brüllte, an der Pumpe abwuschen.„Du willst ein Indianer sein,“ sagte Hofmann senior. „Weißt du micht, daß die Indianer die größten Martern erdulden, ohne einen Laut von sich zu geben; und du heulst, wie ein Schloßhund!“ Das leuchtete dem kleinen Kerl ein, und obgleich er sicherlich arge Schmerzen hatte, verbiß er sie mannhaft, ging aber heim, denn trotz der kalten Auf⸗ schläge wurde die Lippe immer dicker. Als er sich nach ein paar Tagen wieder einstellte, war sein Mundwerk in jeder Beziehung wieder in Ordnung. Das waren schöne Zeiten, und die Erinnerung an sie setzt sich aus Licht, Luft und Sonnenstrahlen zu⸗ sammen.
Manchmal, wenn ich für meine Eltern in der Stadt, meist bei Buschs etwas zu holen hatte, kam ich mit den„Kreuzern“ zu⸗ sammen, die ich auch täglich in der Schule sah, aber sie dabei nie in ihrer Gesamtheit beieinander hatte. Da wurde dann jedes⸗
mal Bericht erstattet. Wenn ich Zeit hatte, spielte ich auch eine Stunde lang mit ihnen oder absolvierte eine Prügelei mit einem der Schusterjungen Gießens; denn diese lebten mit den Kreuzer Jungen in althergebrachter Fehde. Eines Abends war etwas Besonderes los; denn man veranlaßte mich unter aller⸗ hand Andeutungen, noch etwas zu verweilen. „Es geht vom Dachs Klein aus,“ hieß es. Das genügte, und ich blieb, obgleich ich wußte, daß es zu Hause Schelte absetzen würde. Da kam er denn auch, als es dunkelte. Er gab mir die Hand und freute sich, mich wieder einmal zu sehen.„Schad', daß de weg⸗ gezoge bist,“ sagte er,„hättst inzwische manchen Spaß hier mit erlewe könne!“ Dann fragte er die andern:„Is die Bopp noch nett da?“ Da kam sie schon. Es war eine ausgestopfte Jacke mit wagrechtem Ober⸗ arm und am Ellenbogen nach oben gerich⸗ teten Unterarmen. Aber als Kopf saß ein in ein Tuch eingebundenes rundes Lumpen⸗ bündel mit einer Fastnachtslarve und einem alten Hut darauf. Das ganze Machwerk stak auf einer Stange.„So, nun los!“ kommandierte Dachs. Nun gings im Trab durch die Sonne, die Schäferei über den Neuenweg auf die Neue Anlage. Mittler⸗ weile war es dunkel geworden, und die Gaslaternen flammten, eine nach der andern, auf. Da, wo jetzt das Wetterhäuschen in der Südanlage steht, machten wir Halt. „Ihr bleibt alle hier stehen und du Frech gehst jetzt mit mir enniwer bei die Häuser. Nemm die Bopp!“ sagte Klein. Ich tat, wie geheißen, ließ mir die Puppe geben, und so schoben wir über den Fahrweg nach dem nächsten Haus, in welchem im Parterre zwei Fenster erleuchtet waren,„So, jetzt geb mir emal die Bopp!“ sagte Klein. Damit reichte er mir seinen Stock und forderte mich auf, damit leise an das Fenster zu pochen. Ich tat es, und gleich darauf wurde es geöffnet. Ein Kopf erschien, um nach dem Klopfer zu sehen. Im gleichen Augenblick hielt ihm der dicht an die Wand gedrückte Dachs Klein die Puppe vor das Gesicht. Ein kurzer Schreckenslaut erscholl, dann sauste eine Faust auf den Hut der Puppe, daß es nur so krachte. Das war das Signal für ein unbändiges Gelächter der ganzen Gesell⸗ schaft, welcher der Vorgang nichts Neues war. Selbstverständlich verschwanden wir mit unserer Puppe schleunigst in Junkers Garten, an dessen Einmündung in den Seltersweg ich mich rasch verabschiedete; denn es war nicht ausgeschlossen, daß der Gefoppte nach uns suchte.„Komm bald widder!“ riefen sie mir nach. Zu Hause erzählte ich als Ur⸗ sache meines Ausbleibens den Streich und empfing dabei die Weisung, etwas Derartiges nicht wieder mitzumachen, da infolge des Schreckens beim Vorhalten der Puppe den Betreffenden der Schlag rühren könne. Es leuchtete mir dies ein, und am andern Tage in der Schule teilte ich mein Bedenken den


