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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Gießen, Gkuli, den 19. März 1922

II. Jahrg.

O du Uindermund. Von einem früheren Feldgeistlichen.

Psalm 8, 3. Aus dem Munde der jungen Kinder hast du eine Macht zugerichtet.

Es mag fünf Jahre her sein. Jedenfalls war's die Zeit, wo man mit Verlangen nach der Zeitung griff, die die Feldpost treulich zu uns heranschaffte. Blieb da eines Tages mein Blick auf dem Anzeigenteil haften, der eine Verlobung meldete. Und da ich gerade eine Feldpostlarte zur Hand hatte, so sandte ich der Braut Gruß und Segenswunsch, hatte ich sie doch vor ein paar Jahren konfirmiert. Die Erwiderung blieb nicht aus. Und darin stand auch etwas über die Konfirmandenzeit. Gern erinnere ich mich auch an den kleinen Gast, der manchmal in unsere Stunden kam, und die Antwort, die er gegeben auf die Frage, was für Augen Gott habe, ist von mir unvergessen.

Ich hatte beides längst vergessen, Frage und Antwort. Aber durch den Brief wurden sie mir fortan unvergeßlich. Und heute treibt's mich, davon zu erzählen.

Wenn ich Konfirmandenstunde zu halten hatte, so kam mein kleiner, fünfjähriger Sohn zu mir.Vater, wirst du heute den Kindern wieder vom Herrn Jesus erzählen? Ich nickte. Da bat er:Darf ich wieder im Eck⸗ chen bleiben? Ich werd auch ganz still sein. Der kleine wollte Gast sein jn der Konfir⸗ mandenstunde meine Schar war so klein, daß ich den Unterricht in meinem Zimmer erteilte, und da wollte er in einem Winkel⸗ chen bleiben dürfen.Ich möcht ja nur blei⸗ ben, wenn du vom Herrn Jesus erzählst. Und so wehrte ich's ihm hin und wieder nicht. Er setzte sich dann hinter den Schreib- tisch auf den Fußboden aufs Fellchen, daß ihn die Konfirmanden nicht sahen. Wurde es ihm zu lang, so schlüpfte er ganz leise aus dem Zimmer; wir merkten es kaum.

Las ich da einmal, es war in der Passions⸗ zeit, die Leidensgeschichte vor, wie sie Markus erzählt, ohne meinerseits irgendein Wort hinzuzufügen der schlichte Bericht, mit stillen kurzen Pausen im Lesen, sollte selbst seine Wirkung tun. Und siehe, teilnehmendste Aufmerksamkeit bei allen. Lautlose Stille auch im Winkelchen. Bog ich mich zurück, einen Blick nach dem Büblein zu tun sitzt das Kind da, mit wundersamen Augen und mit gefalteten Händen. Als einziges von allen im Zimmer mit gefalteten Hän⸗ den. Wer hat es die Hände falten heißen?

Aber ich wollte von jener andern Stunde erzählen. Von der Stunde, in der ich die Frage stellte: was für Augen hat wohl Gott? Was mich bewog, so zu fragen, ich weiß es nicht mehr. Aber noch entsinne ich mich, wie befremdet ich war, als die gefragte Konfirmandin in tiefes Grübeln verfiel, statt zu antworten: Gott ist Geist, man darf ihn sich nicht vorstellen nach unserm Bilde. Da kam mir der Gedanke: frag doch mal das Kind da hinten. Gab der Kleine ohne Zögern zur Antwort:Der liebe Gott hat freundliche Augen!

O du Kindermund wer hat dich so antworten heißen? Und ich hab's vergessen können!Gott ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

36. Gießener Zustände in der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗ hunderts.

(Fortsetzung.)

Der neuwe(neue) Jud vorm Wallthor hat verwichenen Sonntag viel pochens und klopfens in seinem Hauß gehalten, er ist schon vor Fürstlichem Consistorio angezeigt worden.

Georg Peter Stoos und Elisabetha Catharina Reuterin sind weinkäuflich copu⸗ liert und Zmahl proclamirt worden, wollen sich nun wider eigenwillig scheiden, sollen vor dem Ober⸗Schultheiß erscheinen, und die Sach an das Fürstliche Consistorium be⸗ richtet werden. Wir stoßen hier auf eine Sitte der alten Zeit. Der kirchlichen Trau⸗ ung, die damals, nicht nur wie heute kirch⸗ lichen, religiösen Charakter hatte, sondern wie die heutige standesamtliche Eheschlie⸗ ßung auch ein Rechtsakt war, ging die weinkäufliche Kopulation voraus. Das war eine private Abmachung im Beisein von Zeugen, die etwa auf der Stufe der heutigen Verlobung stand aber doch auch rechtlichen Charakter hatte; denn weinkäuflich Kopu⸗ lierte konnten sich nicht, wie aus unserem Falle hervorgeht, eigenwillig voneinander scheiden. Es scheint, als ob Scheidung in solchen Fällen durch die Kirchenkonvente erfolgt sei. Tatsächlich ist die Ehe zwischen den beiden Genannten nicht zustande ge⸗ kommen; denn Georg Peter Stoos, der Metzger war, hat sich ein Jahr später mit Anna Margaretha Löber verheiratet.

onntagsgruß

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