Einzelbild herunterladen

willig hier und da geistliche Funktionen ausgeübt, wo andere es versäumten, war er in Grünberg von der vorteilhaftesten Seite bekannt und galt allgemein für den Geistlichen, der die Grünberger in Bezug auf Akustik sehr schlecht gebaute Kirche am besten ausfüllte. Daher wünschte man ihn, als am 26. Dezember 1857 durch den Tod des dortigen ersten Pfarrers, Kirchenrats Friedrich Wilhelm Ebel, derlän⸗ gere Jahre nicht mehr geistig kräftig genug war, um sein Amt selbst zu verwalten und einen Vikar haben mußte, dessen Stelle frei wurde, allgemein zu seinem Nachfolger. In Grünberg lagen die kirchlichen Verhält⸗ nisseschon viele Jahre im Argen. Ein erheblicher Fortschritt war schon eingetreten, seit am 24. November 1857 Dr. Emil Steinmetz(geb. 1826, gest. in Mainz 1905) zum zweiten Pfarrer ernannt worden war; denn dieser hatte es verstanden, den Kirchenbesuch bedeutend zu heben und das freundliche Entgegenkommen und die Zu⸗ friedenheit der Gemeinde zu gewinnen.Ge⸗ rade das hatte aber auch den kirchlichen Sinn noch mehr geweckt und den Wunsch rege gemacht, daß auch die erste Pfarrstelle mit einem Geistlichen besetzt werde, der in glei⸗ cher Weise eine tüchtige Wirksamkeit ent⸗ falte. Einen solchen erblickte man in Ha⸗ bicht.Es war wirklich überraschend, wie in dieser Beziehung eine vollständige Ueber⸗ einstimmung der Beamten, Bürger usw. herrschte. Förmlich Beauftragte erschienen bei dem Kreisrat Gustav von Zangen, um ihn aufzufordern, alles aufzubieten, um die Ernennung Habichts zu erreichen(Brief Zangens an den Prälaten Dr. Karl Zim⸗ mermann vom 16. Februar 1858). Die erste Grünberger Pfarrstelle erforderte, darüber war man sich im Oberkonsistorium voll⸗ kommen klar,einen Geistlichen, der der Aufgabe, welche er lösen sollte, vollständig gewachsen war.., der Predigergabe ge⸗ ug besaß, um sein Publikum zu fesseln, der aber zugleich Weltklugheit genug hatte, um sich in den Grünberger schwierigen Ver⸗ hältnissen da sich dort auch das politisch⸗ demokratische Element in störender Weise auch auf kirchlichem Boden geltend gemacht hatte mit sicherem Blick den richtigen Weg und das richtige Maß zu finden, und Energie genug, um, was er als recht und zweckmäßig erkannt hatte, auch mit Nach⸗ druck durchzuführen. Alle diese Eigenschaf⸗ ten besaß Habicht: er war ein eifriger Seel⸗ sorger, dergroßes Vertrauen, Anhänglich⸗ keit und Liebe in seiner Gemeinde besaß, auf positivem Boden stand, aber fern von jedem Extrem wax und sich auszeichnete durchseine große Tätigkeit, seinen klaren, sicheren Blick, sein ruhiges, maßvolles Be⸗ nehmen, seine politische Zuverlässigkeit, seine Ergebenheit gegen seine Vorgesetzten, seine Energie in der Durchführung des für gut und zweckmäßig Erkannten, alles Eigen-

3 5

schaften, diedafür bürgten, daß er dem⸗ nächst ein sehr tüchtiger Dekan werden könnte. Auch der Superintendent Simon sprach sich für Habicht aus. So wurde ihm am 21. Januar 1859 die erste Grünberger Pfarrstelle übertragen; seine Predigergaben und seine vorzügliche Eignung zum Dekan waren hierbei in letzter Linie ausschlag⸗ gebend. Am 20. Februar trät er, nachdem er durch den Dekan seiner neuen Gemeinde vorgestellt worden war, seinen Dienst da⸗ selbst an.

Auch hier war seine Tätigkeit segensreich. Wenn die Visitationen in den Jahren 1860, 1864 und 1869 die günstigsten Ergebnisse hatten, so teilte er sich in dieses Verdienst mit dem zweiten Pfarrer Steinmetz(bis 1865) und dem Mitprediger Georg Pull⸗ mann(seit 1865 zweiter Pfarrer und später Habichts Nachfolger), diealle zu den besseren Predigern gehörten und in der Treue und Sorge für das Amt, jeder in seiner Weise und an seiner Stelle lobens⸗ werten Wetteifer an den Tag legten. Ha⸗ bichts Verdienste wurden auch bald durch seine Ernennung zum Dekan des Dekanates Grünberg anerkannt. Einen Höhepunkt in Habichts Predigertätigkeit bildet seine von edler vaterländischer Begeisterung durch- glühtePredigt bei dem Festgottesdienste zur Feier des 18. Oktobers 1863 in der Stadtkirche zu Grünberg, die im Druck erschien und zum besten des Fonds für Her⸗ stellung des alten Wartturms verkauft wurde.

Elf Jahre währte seine Wirksamkeit in Grünberg, die später durch die Erteilung des Ehrenbürgerrechts dieser Gemeinde an⸗ erkannt wurde, dann wurde er zu einem andern Wirkungskreis berufen, nach Rüssels⸗ heim. Dort waren die kirchlichen Verhält⸗ nisse trostlos: die Kirchlichkeit warer⸗ schreckend im Abnehmen, eine wahrhafte Kirchenscheu war eingerissen und Luxus, Vergnügungssucht, Sonntagsentheiligung, Materialismus, Indifferentismus herrschten fast allgemein. Diese Zustände waren zum Teil dadurch verursacht, daß die beiden letz⸗ ten Geistlichen, Johann Adam Kolb (18371853), Habichts ehemaliger Lehrer, und Ludwig Albrecht Braun(1854 bis 1869), erst in vorgerücktem Alter auf die Stelle kamen und bald zur Annahme von Vikaren genötigt waren. So waren in den letzten zwölf Jahren nicht weniger als sechs Vikare daselbst. Dadie Vikare nur kurze Zeit in Rüsselsheim blieben, so bildete sich zwischen ihnen und den Gemeinden kein Verhältnis, von Seelsorge war kaum die Rede, es herrschte infolgedessen in der Ge⸗ meinde wenig religiöser und kirchlicher Sinn, und die Kirche war spärlich besucht. Der Gemeinderat sah deshalbmit umso größerer Besorgnis in die Zukunft, als dort viele Fabrikarbeiter wohnten, die vor⸗ zugsweise geneigt waren, nach den ma⸗