Einzelbild herunterladen

* ö 1

0

vor drei Uhr wurde ich durch die unver⸗ schämten Fliegen geweckt und konnte nicht mehr einschlafen; dabei hätte ich doch Zeit gehabt, so lange zu schlafen, wie ich nur wollte. Um 5 Uhr stand ich auf. Bald darauf kam ein feindlicher Flieger, den ich mit meinem auf dem großen Platz aufgestellten Abwehrgeschütz vertrieb. Ich möchte doch einmal einen herunterholen. Aber bei dem Schießen mit den gewöhnlichen Feldgeschützen ist das der reine Zufall. Hiermit kann man mur erreichen, daß man die Flieger in der Beobachtung stört und sie verscheucht.

Abends. Aus der Zeitung ersah ich, daß Professor Biermann(früher in Gießen, zu⸗ letzt in Halle, bedeutend auf dem Gebiete des bürgerlichen Rechts) als Bataillons⸗ führer in Galizien gefallen ist. Wieviel Werte vernichtet dieser Krieg!! Und an Männern, die als Gelehrte oder Künstler Hervorragendes leisten, verliert Deutschland sicher am meisten, weil in keinem Lande so viele Männer der Kunst und Wissenschaft freiwillig in vorderster Linie kämpfen. Solche Männer sollte man auch bei der Verwaltung der besetzten Gebiete u. dergl. verwenden; für den Schützengraben sind sie zu gut. Dabei sitzen bei diesen Ver⸗ waltungen gar manche, die vorne hingehör⸗ ten und nur durch gute Beziehungen an⸗ genehme Posten erhalten haben.

9. Juli 15. Nun sind wir einmal 14. Tage ohne Gefecht gewesen, die letzte Zeit sogar ganz in Ruhe, was, zumal bei der großen Hitze, sehr wohltuend war. Wir werden aber wohl bald wieder in Marsch gesetzt werden, und zwar wohl nach Ruß⸗ land, dessen Grenze wir ja schon ganz nahe sind, kommen. Wir vermuten, daß es sich darum handeln wird, Warschau zu nehmen. Hoffentlich gelingt es, und zwar sehr bald.

Heute hatte die ganze Abteilung auf meine Anregung hin Feldgottesdienst. Divisions⸗ pfarrer Hoffmann, der über zwei Stunden bis hierher zu reiten hatte, ist bei uns, wo er frühstückte und auch zum Essen blieb. Er ist sehr unterhaltend.

Hier kommen wir viel mit den Offizieren der anderen Batterien und der Kolonnen zusammen. Anfangs war ich furchtbar ab⸗ gespannt, aber jetzt verspüre ich die gute Wirkung der Ruhe. Nur die Fliegenplage

ist sehr unangenehm; wir schlafen deshalb

jetzt im Zelt.

Es ist sehr heiß, Regen wäre er⸗ wünscht; er wird aber vielleicht gerade zum Marsch kommen, wo er weniger angenehm ist. Da öfter feindliche Flieger erscheinen, habe ich jetzt noch ein zweites Flugzeug⸗ abwehrgeschütz aufbauen lassen. Mit beiden beschoß ich einen Flieger längere Zeit, und glaube auch, daß seine Maschine getroffen wurde, denn sie wankte einmal sehr be⸗ denklich.

Abends. Als wir heute gerade unser Mit⸗ tagessen unter der blühenden Linde ein⸗ genommen hatten, brach ein schweres Ge⸗ witter los, und wir waren froh, daß wir in das Schulzimmer flüchten konnten und nicht auf dem Marsch oder in Feuerstellung waren. Eine halbe Stunde lang ging ein wolkenbruchartiger Regen nieder und da⸗ zwischen Hagel mit Körnern dicker wie Schrapnellkugeln. Leider brachte das Wetter nicht die erhoffte Abkühlung. Ich ritt gegen Abend mit Leutnant Obenauer nach dem 31 Stunden entfernten Städtchen Belz, um Salatöl zu kaufen. Die Wege waren nach dem Regen so glitschig, daß es schlecht zu reiten war. Belz war ein Ort mit ganz städtischem Aussehen. Wie überall in Ga⸗ lizien, bewohnten die Juden in großen Steinhäusern die Mitte der Stadt; außen herum liegen die Holzhäuser der Landleute. Die ganze innere Stadt ist von den Russen niedergebrannt worden, und zwar schon im vorigen Herbst. Aber jetzt noch hausen die kinderreichen Familien in den Kellern oder kleinen Holzbaracken, die auf den and⸗ stätten errichtet sind. Die Juden haben aller⸗ hand zu verkaufen, aber jetzt ist das Ver⸗ kaufen verboten, da in Belz die Cholera. herrscht und täglich 10 bis 15 Opfer fordert. Wie ein schwerer Druck lastet dieses Ge⸗ spenst auf den sonst so lebhaften Juden. Die äußere Erscheinung der Männer ist höchst unangenehm. Das Haar tragen sie meist kurz geschoren, nur über den Ohren darf es nicht geschnitten werden, und so haben schon die kleinen Jungen die Locke über dem Ohr. Allerdings lockt sich nicht jedes Haar, dann hängt eine lange Strähne über das Ohr herunter. Der Kopf ist, auch bei den Jungen, mit einem kleinen runden Sammet⸗ käppchen bedeckt, das die Männer auch unter dem Hut tragen. Dazu kommen der lange, meist recht schmierige schwarze Kaftan und hohe Stiefel. Die meisten Männer haben Vollbärte. Die Juden machen es hier wie bei uns. Auf dem Lande fangen sie an; sind sie wohlhabend geworden, dann ziehen sie in die Landstädtchen und später in die großen Städte. Ueberall geben sie dann diesen Orten das Gepräge. Die Juden hier rufen dem Hosianna zu, von dem sie Vorteil zu er⸗ langen hoffen, denken dabei aber nur an das Geschäft. So rufen sie jetzt:Hoch die Deitschen, nieder mit die Russen!, dabei haben vorher viele von ihnen den Russen Spionendienste geleistet.

Zum hundertsten Geburtstage Viktor habichts. Von Dr. jur. et phil. Karl Esselborn. (Fortsetzung.)

Durchseine Stellung als provisorisches Mitglied der Kreisschulkommission für den Kreis Grünberg und dadurch, daß er, ob⸗ wohl nicht in diesen Kreis gehörig, bereit⸗