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doch nichts Ernstes zu sein; denn alle sind nach drei bis vier Tagen wieder gesund.

Die Kämpfe hier im Osten von der Ostsee bis nach Bessarabien gehen den Eindruck haben wir nach einem einheitlichen, großzügigen Plan vor sich. Aber niemand wartet auf die Entscheidung, damit bringt man nur die Nerven herunter. Seit sechs bis acht Monaten steht bei jeder großen Unternehmung in den Zeitungen, jetzt falle im Osten die Entscheidung, die für den ganzen Weltkrieg von ausschlaggebender Be- deutung sein werde. Ich habe mir längst abgewöhnt, daran zu glauben. Wir wissen micht, wie es bei den Russen in Wirklich- keit aussieht, wieviel Menschenmaterial sie noch zur Verfügung haben, wie es mit ihren Finanzen steht und wie vor allem mit der Stimmung im Volk. Von dem allen hängt es ab, ob der Krieg mit ihnen dem Ende nahe ist oder ob uns ein neuev Winterfeldzug bevorsteht, der natürlich keine Entscheidung bringen könnte, sondern zum wenigsten noch einen Frühjahrsfeldzug im Gefolge haben würde.

Doch ist es nicht so, als ob wir keinen. Stellungskampf mehr wollten. Der Be⸗ wegungskrieg ist derart anstrengend für Roß und Mann, daß er auch nicht ad infinitum weitergeführt werden kann; vielmehr ist dar⸗ nach ein Stellungskampf, wenn er nicht allzu lange dauert, recht erwünscht. Könn⸗ ten wir einen zweiten Winterfeldzug unter den gleichen äußeren Umständen verbringen wie der erste an der Bzura, ich würde, glaube ich, ganz zufrieden dabei sein. Im, letzten Winter waren meine Nerven infolge der Verwundung noch zu sehr herunter, als ich wieder ins Feld kam. Jetzt sind sie viel besser. Und nach der Unruhe des Bewegungs- krieges wirkt die relative Ruhe des Stel- lungskampfes wohl ganz angenehm.

31. Juli 15. Gestern früh wurde fest⸗ gestellt, daß die Russen abgezogen waren, aber wegen des hügeligen Waldgeländes mit viel Unterholz konnte unsere Infanterie nur langsam und mit größter Vorsicht folgen. So kam es, daß wir erst gegen 3 Uhr nachmittags unsere Stellungen verließen. Auf einer breiten Straße, die bei Regen⸗ wetter völlig grundlos sein muß, rückten wir vor und rasteten dann lange vor dem Ende des Waldes, an dessen Anfang viele tote Russen gelegen hatten. Inzwischen war erkundet worden, daß die Russen sich in einer starken Stellung nördlich Sielec(8 Km. südlich Cholm) hielten, vielleicht ja nur mit schwachen Kräften. 5

Um 6 Uhr ritt Hauptmann Hirschberg mit den Batterieführern durch einen zweiten Wald vor und suchte Stellungen aus. Die vierte und sechste Batterie erhielten solche nördlich Kumow angewiesen. Da man bei dem Heraustreten aus dem Wald von den feindlichen Höhen aus gesehen wurde wir erhielten beim Erkunden der Stellung

auch Artilleriefeuer, so ging unsere In⸗ fanterie erst nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Wald hervor, und die beiden Batterien folgten unmittelbar. Da die Lage sehr ungeklärt war, ließen wir die Protzen für die Nacht nur 100 bis 200 Meter hinter den Geschützen angespannt stehen und schlugen auch dort unser Zelt auf, Erst um halb 12 Uhr kamen wir zum Schlafen. Auf 3 Uhr hatte ich Wecken bestellt, um mir eine Beobachtungsstelle auszusuchen und die Geschütze sich weiter eingraben zu lassen.

Um 2 Uhr wurde ich durch die Meldung geweckt, die Russen griffen an, unsere In⸗ fanterie, die etwa 600 Meter vor uns lag, verlasse ihre Stellungen und gehe in den weit hinter uns gelegenen Wald zurück. Mein bei der Infanterie befindlicher Beob⸗ achter hatte daraufhin auch gleich mit dem Abbau der Telephonleitung begonnen, und ich war ohne jede Verbindung mit der vor⸗ dersten Linie sowie nach rückwärts, da die Verbindung dahin über die Infanterie ging. Ich schickte meinen Telephonisten sofort wieder nach vorn, hielt eine bereits zurück⸗ marschierende Kompagnie an, erreichte auch, daß die Infanterie vorne zunächst blieb es kamen gar keine Russen, höchstens waren es einzelne Patrouillen gewesen und telephonierte dann eifrig mit dem Ba⸗ taillonsführer und Regimentsführer der vor mir befindlichen Infanterie, mit meinem Regiment und der Artilleriebrigade. Nach langem Hin und Her erreichte ich, daß die Infanterie den Befehl erhielt, vorne zu bleiben. Mit Schlafen war es nichts mehr. Um 4 Uhr ging ich nach vorn und ließ mir kurz hinter der Infanterielinie eine Beob⸗ achtungsstelle einrichten, in der ich nun sitze. Die Lage ist ganz ungeklärt, vor den russischen Gräben sind ganz mächtige Draht⸗ verhaue, man sieht auch einzelne Leute darin, feindliche Artillerie feuert noch.

Gestern abend und heute früh haben die Russen mehrere Dörfer hinter ihren Stel⸗ lungen angezündet. Vom Waldrand aus sah ich gestern abend die mächtigen Kuppeln der Kirche von Cholm.

Es scheint heute nichts besonderes unter⸗ nommen zu werden, und ich werde wohl wieder gar lange hier an der Beobachtungs⸗ stelle sitzen können.

(Fortsetzung folgt.)

Ernst Moch. Von Dr. jur. et phil. Karl Esselborn. (Fortsetzung.)

Um diese Zeit hatte er Henriette von Bosse, die damals in Kassel bei einer Tante zu Besuch weilende Tochter eines braunschweigischen Oberstleutnants, kennen gelernt und sich mit ihr verlobt. Die Eltern der Braut legten nach Henriettens Abreise von Kassel den Liebenden eine einjährige

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