Ausgabe 
15.1.1922
 
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Es wurde aber dunkel, ohne daß unsere⸗ Infanterie die Höhe hätte nehmen können, was ihr dann aber in der Nacht gelang. Wir hatten bis 8 Uhr geschossen, meine Batterie 543 Schuß verfeuert.

Da die Lage hier sehr ernst war wir hatten nach links die Fühlung mit der Nachbardivision verloren. hatte ich schon Nachmittags im Wald, einige 100 Meter hinter der Beobachtungsstelle, eine Blockhütte errichten lassen. Endlich um 9 Uhr konnten wir uns dorthin zurückbegeben, während das Infanteriegefecht nicht weit von uns immer noch im Gang war. In der Nacht gelang es den Russen, eine Kompagnie des Reserve⸗Regiments 83 zu überrumpeln und derselben schwere Verluste beizubringen. Infolge der überaus Pee Anstrengungen des Tages waren die Leute wohl übermüdet und die Wachen hatten geschlafen.

Gestern verloren auch wieder brave Sol⸗ daten durch Verrat ihr Leben. Unsere schwere Artillerie, welche der Feind natürlich be⸗ sonders gern zu fassen sucht, war kaum etwa ein Kilometer hinter uns in Stel⸗ lung gegangen, als die feindliche Artillerie auch schon sich gegen die Stellung einschoß und, nachdem dies mit wenigen Schüssen vorzüglich gelungen war, schwere Artillerie direkt in die Batterie hineinschoß, die meh⸗ rere Tote und Schwerverwundete hatte. Da der Feind unmöglich die Stellung einsehen konnte, wurde die Umgebung abgesucht und in einem Haus ein Kerl gefunden, der mit den Russen telephonisch verbunden war und ihnen die Beobachtung gegeben hatte. Es soll ein österreichischer Soldat sein, der bei den Kämpfen im vorigen Herbst gefangen genommen war. 0

(Fortsetzung folgt.)

Eine Episode aus Heinrich Dernburgs Gießener Studentenzeit.

Nach Akten des hessischen Staatsarchivs mit⸗

geteilt von Tr. Karl Esselborn.

Dem Drucke von London und Petersburg nachgebend, hatte König Friedrich Wil⸗ helm IV. von Preußen trotz des siegreichen Vordringens seiner Truppen. in Dänemark sich bewogen gefühlt, mit den Dänen in Unterhandlungen zu treten, die am 24. Au⸗ gust 1848 zu Malmö zum Abschluß eines Waffenstillstandes auf sieben Monate führ⸗ ten. Danach sollten die beiden. Elbherzog⸗ tümer Schleswig und Holstein von den preußischen und dänischen Truppen geräumt und in ihnen eine die dänischen Interessen aufs beste wahrende provisorische Regierung eingesetzt werden, Darin lag eine Preisgabe der schleswig⸗holsteinischen Sache, die eine Herzenssache des deutschen Volkes gewesen war. Als der Waffenstillstandsvertrag der Deutschen Nationalversammlung in Frank⸗ furt a. M. zur Ratifikation vorgelegt wurde,

da trat die Versammlung am 4. September

dem Antrage Dahlmanns auf Verwerfung des Vertrages bei. Das gesamte Reichsmini⸗ sterium legte daraufhin sein Amt nieder, und Dahlmann wurde von dem Reichsverweser, dem Erzherzog Johann, mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut, doch ge⸗ lang ihm das nicht, und das alte Mini⸗ sterium trat wieder ein, die schleswig⸗hol⸗ steinische Frage wurde nochmals aufgenom⸗ men und am 16. September der Waffenstill⸗ standsvertrag angenommen.

Wie fast überall in Deutschland entstand hierdurchauch in Gießen eine ungewöhn⸗ liche Aufregung der Gemüter. Diese stei⸗ gerte sich noch, als am Morgen des acht⸗ zehnten die Beschlüsse der am Tage vorher auf der Pfingstweide bei Frankfurt a. M. abgehaltenen Volksversammlung bekannt wurden. Der Bezirksausschuß der demo⸗

kratischen Vereine Oberhessens beschloß so⸗

fort, in dem Philosophenwald, wo sich an jenem Tage ohnehin durch ein abgehaltenes Volksfest eine größere Menge zusammen⸗ gefunden hatte, eine Volksversammlung zu berufen und ihr jene Frankfurter Beschlüsse zur Genehmigung vorzulegen.

Die Gießener Volksversammlung wurde

abends gegen 5 Uhr eröffnet. Zunächst betrat

der bekannte August Becker, Redakteur des demokratischenWehr dich, die Red⸗ nerbühne, übernahm den Vorsitz der Ver⸗ sammlung, teilte ihr die Beschlüsse der Frankfurter Volksversammlung mit und empfahl sie zur gleichmäßigen Annahme. Diese erfolgte dann auch sofort.

Nach Becker sprach zunächst der Assistent am chemischen Laboratorium Friedrich Fer⸗ dinand Wilhelm Bopp(geb. zu Darmstadt am 19. Januar 1825, immatr. S. S. 1844), ein Sohn des Darmstädter Hofgerichtsadvo⸗ katen Philipp Bopp. Es sei, so führte er aus, jetzt nicht mehr Zeit zum Reden, sondern zum Handeln. Er wolle daher nur wenige Worte sagen. Ec fordere die Versammlung auf, sich zu bewaffnen und noch denselben Abend mit nach Frankfurt zu ziehen, um den

Beschlüssen der Minorität der National⸗

versammlung mit Gewalt der Waffen Gel⸗ tung zu verschaffen. Die nähere Besprechung über Ausführung dieses Zuges solle sogleich im Gasthaus zum Prinzen Carl stattfinden.

Nach Bopp forderte der Student der Rechte Heinrich Dernburg(geb. zu Mainz am 3. März 1829, immatrikuliert S. S. 1847), der nachmalige berühmte Pan⸗ deltist, zu einem alsbaldigen bewaffneten Zuge nach Frankfurt auf, er selbst werde noch den nämlichen Abend nach Frankfurt gehen. Zugleich wandte er sich an einige in der versammelten Volksmenge stehende Sol⸗ daten und verwarnte sie nach der einen Lesart, sich zu solchen Metzeleien, wie sie in Mainz vorgekommen, herzugeben; nach der anderen Lesart sprach er die Er⸗ wartung aus, daß die Soldaten nicht auf das Volk schießen würden.

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