Ausgabe 
12.11.1922
 
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beide Arm in Arm sich

onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 46 Gießen, 22. S. n. Trinitatis,

den J2. November 1922 Jahrg. II.

Die Furcht des letzten Augenblicks.

Psalm 55, 5. Des Todes Furcht ist auf mich gefallen.

In unserer Nachbarstadt Marburg steht unweit des Schlosses ein alter Turm, der den NamenBettinaturm führt. Er ist genannt nach der bekannten Bettina von Arnim, einer geborenen Brentano, die in der Geschichte der deutschen Literatur eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Im Jahre 1805 weilte sie zum Besuche bei ihrem Schwager, dem Marburger Professor Sa wigny, und hat damals in Briefen über Marburg, über die alten Gebäude der Stadt und über das Leben in ihr bemerkenswerte Aeußerungen niedergelegt. Bettina war un⸗ gemein phantasiebegabt, so sehr, daß man bei ihren Bemerkungen oft nicht weiß, was daran Wirklichkeit und was Phantasie ist, aber was sie sagt, ist immer sehr interessant und geistvoll. Während ihres Marburger Aufenthaltes schrieb sie:An der Festungs⸗ mauer war eine Turmwarte, eine zerbrochene Leiter stand darin; dicht bei uns war eingebrochen worden, man konnte den Spitz⸗ buben nicht auf die Spur kommen, man glaubte, sie versteckten sich auf jenem Turm. Ich hatte ihn bei Tag in Augenschein genommen und erkannt, daß es für einen starken Mann unmöglich war, an dieser morschen, beinahe stufenlosen, himmelhohen Leiter hinaufzuklimmen; ich versuchte es, gleitete aber wieder herunter, nachdem ich eine Strecke hinaufgekommen war. In der Nacht, nachdem ich schon eine Weile im Bett gelegen hatte, ließ es mir keine Ruhe, ich warf ein Ueberkleid um, stieg zum Fenster heraus und ging an dem alten Marburger Schloß vorbei, da guckte der Kurfürst Philipp mit der Elisabeth lachend zum Fenster heraus; ich hatte diese Steingruppe, die weit aus dem Fenster lehnen, als wollten sie die Lande übersehen, schon oft bei Tage betrachtet, aber jetzt bei Nacht fürchtete ich mich so davor, daß ich in hohen Sprüngen davon⸗ eilte in den Turm; dort ergriff ich eine Leiterstange und half mir, Gott weiß wie, daran hinauf; was mir bei Tage nicht möglich war, gelang mir bei Nacht in der

schwebenden Angst meines Herzens; wie

ich beinahe oben war, machte ich Halt; ich überlegte, wie die Spitzbuben wirklich oben sein könnten und da mich überfallen und von der Warte hinunterstürzen; da hing

ich und wußte nicht hinunter oder herauf, aber die frische Luft, die ich witterte, lockte mich nach oben; wie war mir da, wie ich plötzlich durch Schnee und Mondlicht die weitverbreitete Natur überschaute, allein und gesichert, das große Heer der Sterne über mir! so ist es nach dem Tod: die freiheit⸗ strebende Seele, der der Leib am angstvollsten lastet im Augenblick, da sie ihn abwerfen will, sie siegt endlich und ist der Angst ent⸗ ledigt; da hatte ich bloß das Gefühl, allein zu sein, da war kein Gedanke, der mir näher war als meine Einsamkeit, und alles mußte vor dieser Beseligung zusammen⸗ sinken.

Was das damals erst zwanzig Jahre alte Mädchen hier schreibt, ist ein wundervolles Bild für das Obsiegen des Christen im letzten Kampf und Strauß. Das Sterben ist nichts Leichtes, es geht am Ende durch Trübsal und Not hindurch, und dem Herzen ist es am allerbängsten, schwer fällt die Furcht des Todes auf den Menschen. Aber er hat einen, der ihm in dieser Not hilft, das ist der Heiland, der den Kämpfenden zuletzt aus den Aengsten herausreißt durch seine Angst und Pein. Dann geht es, wie es dem geist⸗ vollen und phantastischen Menschenkinde da⸗ mals auf der Leiter im alten Turm ging: ein kraftvoller Entschluß, ein letzter Ruck,

eine entschiedene Hinwendung zum Heilande,

und die Seele ist aller Last entledigt, sie schaut die ewige Herrlichkeit. So gelingt es ihr, mit Gellert zu reden, die Furcht des letzten Augenblicks zu N

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren.

Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Mit der schönen Galathea hatte es das Theater der Jugend angetan. So lange die hübsche Operette auf dem Spielplan stand, schwärmten die Gießener Buben für dieses Stück, und wer es nicht gesehen hatte, stellte sich damit ein Armutszeugnis aus. Meine Schulkollegen klopften, einer nach dem andern, alle exreichbaren Onkel und Tanten, überhaupt alle Geldquellen ab, um die 15 Kreuzer für den Eintritt herbeizu⸗ schaffen. Auch wurde mit Pump und Tausch manövriert, wenn verwandtschaftliche Hilfe versagte oder überhaupt nicht vorhanden