Ausgabe 
5.3.1922
 
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nöthig sey, daß noch ein Bettelvogt ange⸗ nommen werde. Dergleichen Klagen hören wir aus dieser Zeit oft. Die Handwerks- burschen, die in großer Zahl durch die Städte zogen, hatten ihre getrennten Her⸗ bergen; so wird oft aus Gießen die Her⸗ berge der Schuhmacher erwähnt. Oft schei⸗ nen diese jungen Leute allzu lustig gewesen zu sein, natürlich nur dann, wenn sie Geld hatten. Wenn sie kein Geld hatten, machten sie oft Tumult. Die Bettelvögte, ursprüng⸗ lich dazu bestimmt, auf die Bettelleute ein Augenmerk zu haben, übten in dieser Zeit den Dienst von Schutzleuten aus.

Die gute, alte Zeit zu rühmen, hat man gar keinen Anlaß, wenn man von der Un⸗ ordnung hört, die vor 200 Jahren oft im Gottesdienste vorkam. So lesen wir:Seynd unterschiedene schlimme Excesse, die in der Burgkirche mit schlagen und anderen Aergernüssen geschehen, angezeiget, welche durch den Herrn Oberschultheiß mit Gefäng⸗ nüß sollen bestraffet werden. In gleicher Weise heißt es einige Monate später:Den 22. Sonntag p. Trin. haben 2 Junge pur⸗ sche in der Burgkirchen unter der Morgen⸗ predigt hinder dem Bild geschlagen. Sollen der Obrigkeit angedeutet werden.

1718.

Ist wegen des schändlichen Töpfewerffens.

Erinnerung geschehen, und weil man einige böse Buben weiß, die es verübet, soll dar⸗ auf inquiriret werden.

Rohe Menschen, die ihrem oft durch den Alkohol herbeigeführten Zorn durch Fluchen Luft machten, wurden damals hart angefaßt. So heißt es:Der Daniel Schiber(Schie⸗ fer) hat gestern Abend so entsetzlich den Satan über sein Weib und Kind gerufen, als er besoffen gewesen ist. Einen Monat später wurde niedergeschrieben:Der Michel Schiber ist mit gefängnüß abgestraffet wor⸗ den, ist nicht der Daniel gewesen. Bemerkt sei, daß das Wortbesoffen, das unseren Ohren so anstößig ist, in der alten Zeit diesen Charakter nicht hatte, sonst hätten die Pfarrer und Kirchensenioren, die doch Männer von guten Sitten und guter Er⸗ ziehung waren, es nicht angewendet. Zu allen Zeiten wird über das Treiben in der Pulvermühle, die stets ein Wirtshaus war, geklagt. Vermutlich entwickelte sich dort ein wildes Treiben, weil das Haus vor den Toren der Stadt lag. Der Kirchenkon⸗ vent klagte:Ins Höpfners Haus sollen verwichenen Sonntag unter offizier unter der predigt beym Branntwein gesessen ha⸗ ben, soll untersucht werden, wie auch der Pulvermühl halber, wo sie Sonntags viel muthwillen treiben sollen.

1719

Wird angezeigt, daß einige Bürger, der Geibel, der lahme Curt und Peter Gaup Sambstags Abends dem Thor hinausgehen,

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Sonntags draußen bleiben und dann gantz betrunken Sonntags Abends wieder zur Statt kommen, soll Herrn Oberschultheiß angezeigt werden. Solche Vergehen wer⸗ den heute nicht mehr bestraft. Naiv ist es, einen Gießener Bürger kurz als denlah men Curt zu benennen.

In der Burg-Kirchen ist ein Paar Ehe⸗ leut copulirt worden, denen bey dem Her⸗ ausgehen von den bösen Buben eine Schnur vorgezogen und dadurch gehemmt worden, dem Muthwillen soll gesteuert werden. Wir können diese Tat Gießener Buben nicht für so gefährlich ansehen, als dies die alten Kirchensenioren taten. Es scheint ein alter Volksbrauch zu sein, daß Knaben ein Seil vorhalten, wenn ein Brautpaar die Kirche verläßt und daß dann der Bräutigam einige Münzen austeilt, worauf das Seil zu Boden sinkt. Noch vor 40 Jahren geschah das in Rheinhessen, wenn ein Bräutigam zur Hoch zeit seine Braut von auswärts holte. Die Knaben warteten stundenlang, bis der Wa⸗ gen ankam, der Bräutigam warf Geld auf die Straße und der Wagen fand dann kein Hemmnis mehr.

Von einer späten Konfirmation berichtet der Eintrag:Es ist erschienen Anna Ger⸗ traudt, Conrad Löhlbachs, gewesenen Sol⸗ datens Tochter, welche in ihrer Jugend ist versäumt und nicht zur Schul gehalten, viel weniger zum Gebrauch des h. Abendmahl angewiesen worden. Nachdem sie aber ein Verlangen nach dieser himmlischen Mahl- zeit getragen, ist ihrem Begehren willfahrt worden, zu welchem Ende sie coram con- ventu ecclesiastico(vor dem Kirchenkon⸗ vent) examinirt und nachdem sie ihr Glau⸗ bens-Bekenntnus abgelegt, mit gewöhnlichen Ceremonien vermittels des Gebrauchs des h. Abendmahls confirmirt worden.

(Fortsetzung folgt.)

hessische Biographien.

Trotz der Ungunst der Zeiten schreiten die Hessischen Biographien, die Herman Haupt in Verbindung mit Karl Esselborn und Georg Lehnert herausgibt und die imHessi⸗ schen Staatsverlag erscheinen, rüstig weiter, auch die zuletzt erschienene 6. Lieferung ent⸗ hält eine Reihe interessanter Beiträge. So finden wir Artikel, die das Leben und Wir⸗ ken des Politikers Ernst Emil Hoffmann, des Chemikers Fresenius und des Offiziers Karl Friedrich Maurer, den die Leser des Sonntagsgrußes schon durch Esselborns Veröffentlichung,Etappe Langen, kennen lernten, schildern Sehr zu begrüßen ist, daß dieHessischen Biographien sich nicht auf Gelehrte und Schriftsteller beschränken, son⸗ dern auch Männer des praktischen Lebens vorführen. Alfred Börckel schildert das Le⸗ ben und die Tätigkeit der Mainzer Kauf⸗ leute Kayser und Humann, Georg Lehnert macht uns mit dem Offenbacher Klavier-