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lische Dogma. Der Papst ist das Oberhaupt der Kirche, jedoch dürfen die Pfarrer heira⸗ ten. Der Pfarrer hat eine sehr nette Frau, zwei Töchter und drei Söhne; sie sprechen ruthenisch, der Pfarrer auch deutsch. Er erzählte, daß die russischen Offiziere, die seit September in Lemberg waren, ihre Frauen dorthin kommen ließen; sie nah⸗ men mit ihnen leerstehende Wohnungen ein, sandten alle Möbel nach Hause und suchten sich dann eine andere Wohnung.
Aus den Biwaks der hinten in Reserve
liegenden Truppen erschallt abends Gesang und Musik.
2. Juli 15. Auf dem Frühstückstisch stehen Rosen, die mir gestern die erwachsene Tochter des Pfarrers schenkte, und ein Strauß Kornblumen und Gräser, die ich heute bei einem Morgenspaziergang, wäh⸗ 7 5 die anderen noch schliefen, gepflückt abe.
Gestern abend ritt ich noch mit Leutnant Obenauer nach dem/ Stunden entfernten Mosty⸗Wielkie, wo viele hohe Stäbe liegen. Es war etwas kühl geworden, und der Ritt durch die Wiesen war herrlich. Hier ist viel
»Moorboden, aber infolge der langen Trocken⸗
heit kann man jetzt ruhig darüber hinreiten, doch klingt es beim Traben ganz hohl. Mosty⸗Wielkie ist ein Städtchen, dessen Mitte um den Marktplatz herum von den Russen völlig niedergebrannt ist.
Ich lese eben Aufsätze von Fr. Meinecke: „Die deutsche Erhebung von 1914“. Nach dem Kriege wird es von großer Bedeutung sein, wie das innere politische Leben sich entwickelt, ob der Kampf der Parteien, der ja für das staatliche Leben notwendig ist, sich in anständigen und versöhnlichen For⸗ men bewegen wird, ob namentlich die Sozial⸗ demokratie durch richtige Behandlung zur positiven Mitarbeit gewonnen wird. Die Art, wie Graf Westarp bei der letzten Ta⸗ gung des Reichstags gegen die Sozialdemo⸗ kratie vorging, läßt da allerdings die Be⸗ fürchtung aufkommen, daß die Parteien und ihre Führer in die alten Fehler zurückfallen
werden. So unsympathisch mir vor dem Le
Krieg die Beteiligung am öffentlichen und politischen Leben und Treiben war, hier möchte ich nach dem Krieg mich betätigen, um ausgleichend zu wirken.
Nachmittags. Den ganzen Tag war es schwül, aber das drohende Gewitter zog vor⸗ über, ohne den ersehnten Regen gebracht zu haben. Da völlige Ruhe herrscht, nicht einmal von weitem Geschützfeuer zu hören
ist, will ich jetzt nach Bendiuha zurück⸗
reiten, um Bekannte aufzusuchen.
Abends. Ich war bei Major Wangemann, Hauptmann von Hirschberg und meinem Freund Schmitt, die alle in Bendiuha in Reserve liegen. Auf dem Rückweg kehrte ich noch bei der freundlichen Pfarrersfamilie
ein, die uns gestern abend besucht und das
Flugzeugabwehrgeschütz besichtigt hatte, Bei dem Pfarrhaus ist auch für die Familie ein Unterstand gebaut, aber ich hoffe für sie, daß es hier nicht zum Kampfe kommen wird. Diese paar Ruhetage taten wir außer⸗ ordentlich wohl; meine Nerven sind wieder gekräftigt. Das war aber auch nötig, denn ich war in einem Zustand, daß ich am liebsten gegen jeden, der nur in meine Nähe kam, grob geworden wäre. Aber noch konnte
ich mich beherrschen.
3. Juli 15. Es ist furchtbar heiß Ich sitze in unserer Scheuer und lese:„Tas Wirtschaftsleben der westdeutschen Grenz⸗ länder.“ Wann wird die Zeit kommen, da ernstlich über Fragen des Friedens ver⸗ handelt werden kann? In den 183 Tagen der ersten sechs Monate dieses Jahres hatte ich 142 Gefechtstage. Die Bierbankpolitiker daheim, die sich nicht vorstellen können, was das besagt, scheinen in ihren Ansprüchen an unsere Leistungen immer anspruchsvoller zu werden. Nach der Einnahme von Lem⸗ berg stand in einem Leitartikel der„Kölni⸗ schen Zeitung“ eine lange Entschuldigung, warum nicht mehr Gefangene gemacht wor⸗ den wären, die Zahlen hätten den Erwar⸗ tungen nicht entsprochen. Dabei sind auf der Front in Galizien innerhalb 14 Tagen über 200 000 Russen gefangen genommen worden. Aber der Appetit kommt beim Essen, besonders, wenn andere die Gefangenen machen müssen und man sie selbst zu Hause zum Frühstück in der Zeitung vorgesetzt
bekommt. 5 (Fortsetzung folgt.)
Aus der Gießener Franzosenzeit 1790.
Von Professor Dr. Karl Ebel, Direktor der Universitäts⸗Bibliothek zu Gießen.
(Schluß.)
Zu diesem Brief seien noch einige Be⸗ merkungen gestattet:
Daß sich die französischen Soldaten in Gießen gut betragen haben, gilt nur von der Besatzung, die unter MPvens und seines utnants Lecomte Befehl stand. Diese bei⸗ den Offiziere traten allerdings von vorn⸗ herein jedem versuchten Uebergriff energisch, manchmal persönlich entgegen. Dagegen wurden von durchmarschierenden Truppen, namentlich aber von den sogenannten Kom⸗ missären, einer Art Intendanturbeauftrag⸗ ten, die für die Herbeischaffung des Heeres⸗ bedarfs zu sorgen hatten, Bedrückungen und Erpressungen aller Art, selbstverständlich auch Gewalttätigkeiten verübt. Meist gab es nur ein Mittel, Herabsetzung der Forde⸗ rungen zu erreichen, das war die Bestechung, der Kommissäre und Militärpersonen bis zu den Generälen hinauf gleichermaßen zu⸗ gänglich waren. Unsere Quellen sind voll von Beispielen dieser Art und zeigen, wie unbefangen dieses Mittel angewandt wurde,


