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könne,“ sagte einer und„Wenn euer Lehrer wieder emal ein' vor all de Leut' geie (geigen) läßt, dann soll er'n sich erst die Nas butze lasse“ ein anderer. Das erste wurde mit bissigen Gegenbemerkungen be⸗ stritten, das letztere dagegen konnte nicht in Abrede gestellt werden, denn es war Tat⸗ sache, und ganz Gießen erzählte sich in seiner kleinbürgerlich-drastischen Weise die arge Verlegenheit des armen Jungen, der erst sein Stück fertig spielen mußte, ehe er an sich denken durfte. So ging das Hin und Her eine Zeitlang weiter, bis das Thema erschöpft war. Dann beschlossen die „Großen“„Kuttches“ zu spielen, die an⸗ deren liefen heim und holten sich ihre Stelzen, welche teilweise eine beängstigende Höhe hatten, die es beispielsweise gestattete, von der Sonnenstraße aus die Kreuzer Mauer an ihrer höchsten Stelle, also am Buschschen Hause, zum bequemen Auf- und Absteigen zu benutzen. Im Stelzenlaufen. entwickelten die Kreuzer Buben eine wahre Virtuosität. Sie schlenderten und torkelten auf den Pflastersteinen herum, hüpften und liefen Trab auf ihren verlängerten Beinen und fochten mit der einen, wie eine Lanze eingelegten Stelze aufeinander zu hickelnd, Turniere aus, oder die ganze Gesellschaft machte auf der einen balanzierend, mit der zweiten Stelze Gewehrgriffe. Trotz dieser waghalsigen Manöver auf den langen Höl—⸗ zern ist meines Wissens nie ein Unglück passiert. Fiel einer, dann landete er auf den vier Füßen, wie eine Katze. Die Stelzen fertigte der Hausschreiner für ein paar Pfennige oder umsonst an. Es brauchte daher kein Junge aus Mangel an Kleingeld den die andern beneidenden Zuschauer zu spielen.
Das„Kuttches⸗Spiel“, zu welchem sich mun die größeren Jungen anschickten, ist inzwischen verschwunden. Schade drum, denn es war ein anregendes, den ganzen Körper in Anspruch nehmendes, gesundes und gern gewähltes Spiel. Es verdankt dem, neben einem kräftigen Stock die Hauptrolle spielen⸗ den Utensil, nämlich der die Zehen der Schweine schützenden Hornbekleidung,„der Kutt“, seinen Namen. Diese Zehenhüllen, die die Form der Kaputze einer Mönchskutte haben, werden von den Metzgern den ge— schlachteten Schweinen abgezogen und weg⸗ geworfen. Es lagen daher in den Höfen der Metzger, die damals, da es noch kein Schlachthaus hier gab, auf ihren Grund⸗
stücken schlachteten, stets Kutten herum. Die „Kutt“ bildete somit ein billiges, aber auch wegen ihrer außerordentlichen Zähigkeit un⸗ verwüstliches und speziell für das Spiel einzigartiges Objekt.
Um das„Kuttches⸗Spiel“ nicht gänzlich der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, lasse ich hiermit eine Beschreibung desselben folgen. Vielleicht gibt dieselbe über kurz oder lang die Anregung, es wieder auszugraben. In der Stadt wird man es aber kaum
jemals wieder dulden. Es würde nach Para⸗ graph soundsoviel der Polizeiverordnung eine den öffentlichen Verkehr störende Hand⸗ lung bedeuten und daher nicht erlaubt sein. Unser Platz für das Spiel war das Kreuz, in der Fortsetzung der Sonnenstraße. Durch Wegschlagen der einen Hälfte eines der Pflastersteine wurde eine Kaute geschaffen, welche den Mittelpunkt für das Spiel bil⸗ dete. Etwa 2—3 Meter von diesem ent⸗ fernt, im Kreise angeordnet, befanden sich eine Reihe(in der Regel 8—10) auf gleiche Weise entstandener Löcher. An dem Spiel konnten so viel Jungen teilnehmen, wie Löcher— das mittlere eingerechnet— vor⸗ handen waren, aber auch weniger, bis zu zwei herab. Das Spiel begann damit, daß die Kutte in das mittlere Loch gelegt wurde und sämtliche Teilnehmer ihre Stöcke in dasselbe steckten, dann im Kreise herum gingen und dabei riefen:„Prügelche, Prü⸗ gelche 1, 2, 3, Prügelche, Prügelche 1. 2 3, Prügelche, Prügelche ins Loch.“ Mit dem letzten Wort stürzte jeder auf eins der äußeren Löcher zu und steckte seinen Stock hinein. Damit wurde dieses sein Eigentum. Es hatte also jetzt jeder seine Kaute, bis auf einen, denn das Loch im Mittelpunkt schied vorerst aus. Der Uebriggebliebene mußte nun die Kutte treiben, d. h. sie mit seinem Stock in eins der Löcher zu bringen und darin mit diesem solange festzuhalten suchen, bis er dreimal„Prügelche, Prügelche 1, 2, 3“ gesagt hatte. Gelang ihm dieses, dann ging das betreffende Loch sofort in seinen Besitz über und der vorige Inhaber mußte nun die Kutte treiben. Das war keineswegs leicht; denn die ganze Gesellschaft schlug mit ihren Stöcken unbarmherzig auf die Kutte ein, um sie möglichst weit vom Spiel⸗ kreis zu entfernen. Dabei kam es vor, daß diese haushoch in die Höhe oder weit weg bis zum Seltersweg flog. Damit nicht genug, suchte man sie noch weiter wegzuschlagen. (Fortsetzung folgt.)
Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.
(Fortsetzung.)
Abends um 6 Uhr kamen wir nach Cholm, das voll deutschen Militärs verschiedener Divisionen steckt. Die Abteilung bezog Biwak in dem großen Hof eines staatlichen Semi⸗ nars. Wir Offiziere werden die Nacht in einem Zimmer des riesigen Seminargebäu⸗ des verbringen. Cholm ist eine richtige Stadt, die ich mir eben ansah. Auf einer das Gelände überragenden Höhe liegt eine monumentale Kirche mit mehreren Kuppeln. Von hier aus konnte ich das Feuer unserer bereits weiter vorgeschobenen schweren Ar⸗ tillerie beobachten, die den abziehenden Feind beschoß. Die Stadt scheint vorwie⸗ gend von Juden bewohnt, die jetzt voller Neugier in den Straßen herumwimmeln.
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