Ausgabe 
28.8.1921
 
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onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Fr. 35 Gießen, 4. Sonnt. n. Trinitatis, den 28. August 1921

10. Jahrg.

Freiheit. Evang. Joh. 8, 36. So euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.

Wenn man in Freiheit war und dann in Knechtschaft geriet, weiß man erst, was Freiheit bedeutet. Wir Deutsche sind jetzt in der Knechtschaft. Wie kommen wir aus ihr heraus? Jeder einzelne von uns und jeder einzelne ist für das Ganze mitverantwort⸗ lich! wenn er zuvor erst selbst innerlich frei wird. Das ist etwas anderes als politi⸗ sche und soziale Freiheit. Vorbedingung hier⸗ für ist lediglich: Ehrlichkeit gegen sich selbst. Wer den Mut dazu besitzt, wird bald wissen, wo ihn der Schuh drückt. Jedem an anderer Stelle. Aber es gibt doch ganze Gruppen von Menschen mit gleicher innerer Haupt⸗ not. Von einer wurde ich seltsam ergriffen, als ich jüngst Theodor Fontanes tief ange⸗ legten RomanEffi Briest las. An einer Stelle gibt der Dichter folgende Charakte⸗ ristik von ihr:Wiewohl sie starker Emp⸗ findungen fähig war. so war sie doch keine starke Natur; ihr fehlte die Nachhaltigkeit. und alle guten Anwandlungen gingen wle⸗

der vorüber. So trieb sie denn weiter, heute, weil sie es nicht ändern konnte, morgen,

weil sie es nicht ändern wollte. Und die⸗ selbe Effi, als sie dann einen tiefen Fall ge⸗ tan kam zu einem erschütternden Selbst⸗ bekenntnis, in dem es heißt:Ich habe die Schuld auf meiner Seele. Ja, da hab ich sie. Also lastet sie auf meiner Seele? Nein. Und das ist es. warum ich vor mir selbst er⸗ schrecke. Was da lastet, das ist etwas ganz andres Angst, Todesangst und die ewige Furcht: es kommt doch am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst Scham. Ich schäme mich bloß von wegen, dem ewigen Lug und Trug. Ja, Anugst quält mich und dazu Scham über mein Lü⸗ genspiel. Aber Scham über meine Schuld, die hab' ich nicht oder doch nicht so recht oder, doch nicht genug. Und das bringt mich

An diese Effi Briest und manch andere mußte ich unwillkürlich denken, als ich das 8. Kapitel des Evangeliums Johannes las. Wir kämen manchen Schritt weiter, wenn wir hier und da die Bibel läsen, und wenn wir sie nicht immer alsBibel, so wie eine Art kirchliches Zwangsbuch, sondern wie je⸗ des andere tiefe Buch auf uns wirken lassen wollten. Man lese in diesem Sinne das ge⸗ nannte Kapitel bis zum Schluß. Es ist die

Stelle, wo Jesus zu den Juden, diegläu⸗ big geworden waren sagt:So ihr bleiben werdet in meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit er⸗ kennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Es knüpft sich daran ein hochin⸗ teressantes Wechselgespräch mit dem Schluß⸗ ergebnis, daß dieGläubigen Steine auf⸗ hoben, daß sie auf ihn würfen.

Manche Gläubige von heute sind sehr böse über diese Widersacher des Heilandes von damals. Wer aber von uns das genannte Kapitel heute lesen sollte, kann eine wert⸗ volle Probe machen, ob er wenigstens so ehrlich gegen sich sein will, wie Effi Briest

es in ihrem Bekenntnis war Vielleicht, daß

er den Weg zur inneren Freiheit findet!

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Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Und dann fiel der erste Schnee. Die Flocken tanzten wie weiße Federchen vor den Fenstern und ließen sich lautlos auf Straßen und Dächer nieder. Mit an die Scheiben gedrückter Stirn sahen die Kinder durch die Fenster der elterlichen Wohnung dem lautlosen Treiben der ersten Winter- boten zu und als allmählich der Abend her beikam und es zu dämmern anfing, eine Straßenlaterne nach der anderen aufblinkte und die Flocken in immer größeren Scharen herunterwirbelten, da überkam die kleinen Beobachter eine fast feierliche Stimmung bei dem märchenhaften Einzug des Winters. Erst als die Mutter die Vorhänge herunter ließ und die Petroleumlampe anzündete, ka⸗ men die Weihnachtsarbeiten wieder zur Gel tung und es wurde gesägt und genäht, ge

feilt und gehämmert. 0

In der Nacht war ein tüchtiger Schnee ge fallen. Beim Erwachen am anderen Morgen war es so eigenartig still auf der Straße. Das sonst den Tag einleitende Geräusch der Wagen und Karren fehlte und im Schlaf- zimmer herrschte eine ungewohnte, eigen- tümliche Helle. Dann tönte Schellengerassel herauf und das, was sonst im Alltagslärm unterging., die Stimmen der Leute, das Tönen der Haustürglocken, vernahm man, als das Leben auf der Straße erwachte, mit