Ausgabe 
20.11.1921
 
Einzelbild herunterladen

P

1

R 88

N⸗ 15

st⸗

und Jungfrauen wissen oft nicht, was sie an den Abenden oder an den Sonntagen trei⸗ ben sollen. Vielfach gerät die Jugend in eine Gesellschaft, die ihr nur Schaden bringt, oder sie langweilt sich und wendet dann ihre freie Zeit übel an. Namentlich suchen solche, deren Familien nicht hier wohnen, nach einer passenden Gesellschaft nach An⸗ schluß an Gleichgesinnte. Hier können unsere Jugendvereine großen Nutzen stiften.

Die Hauptarbeit an der Jugendpflege wird von den Pfarrern und dem Jugend- pfleger verrichtet; diese können aber nicht alles machen, sie brauchen die Unterstützung der Gemeindeglieder. Unmöglich kann man den Pfarrern großer Stadtgemeinden auch noch zumuten, die jungen Gemeindeglieder einzeln aufzufordern, in die Jugendvereine, die, mit Ausnahme des Wartburgvereins, keine Mitgliederbeiträge erheben, einzutreten; hier müssen die Gemeindeglieder mithelfen. Eltern, Lehrmeister, Dienstherrschaften sollen hier anregen und Rat geben. Deshalb bitten wir auch, diese Nummer des Gemeinde⸗ blattes sorgfältig aufzubewahren, um jeder⸗ zeit der Jugend Weisungen geben zu können.

Rendant Adolf Vieler(1791188).

(Fortsetzung.)

Die gleiche Ehrung wurde bei derartigen Anlässen dem Stadtvorstand erwiesen; ferner dem ersten evangelischen Pfarrer, dem wegen seiner Toleranz und Freundlichkeit in der Stadt sehr beliebten katholischen Pfarrer Dr. Rady und dem Provinzialrabbiner Dr. Benedikt Levi, der, ein ehrwürdiger Mann von recht stattlicher Gestalt, als gelehrter Orientalist bekannt, und bei der Bevölkerung

sehr angesehen war. Diese drei Herren fuh⸗ ren, wenn ich nicht sehr irre, bei einer fest⸗ lichen Gelegenheit in demselben Wagen. Vom

Offizierkorps des Regiments 116 wurde Adolf Bieler sehr verehrt. Er hielt mehr⸗ fach Vorträge im Kreise der Offiziere. Im Offizierkasino in der Zeughauskaserne hing sein Bild, das ich dort noch vor dem Krieg gesehen habe.

Mit meinem seligen Vater war Bieler gut befreundet; beide waren Mitglieder der Loge Ludewig zur Treue. Oft erschien Bieler bei uns, meist in den späteren Vormittags⸗ stunden. Für uns Kinder, die wir häufig zu⸗ gegen waren, war das stets eine besondere Freude. Der alte Herr wußte so anschaulich aus alten Zeiten zu erzählen. In Mainz hatte er vor Napoleon in Parade gestanden, auch in Rußland den Kaiser gesehen. Den kleinen Mann mit den blitzenden Augen, dem nichts entging, in flatterndem Mantel auf einen Schimmel reitend, beschrieb er so, daß man ihn leibhaftig sah.Er wax ein Teufel, aber doch ein ganzer Kerl. Seine Soldaten fürchteten und liebten ihn. Er⸗ greifend waren Bielers Schilderungen des Uebergangs über die Beresina und des

187

Elends in den Spitälern. Einzelheiten kann ich nicht mehr wiedergeben. Seine Tage⸗ bücher müssen hier maßgebend sein.

In der Familie Bieler waren Anlagen zu Musik und Malerei mehrfach vertreten. Ein Bruder Ernst, der um 1815 studierte, hat gemalt und war Universitätszeichenlehrer. Adolf Bieler spielte noch im hohen Alter Geige. Einst wurde in der Loge sein Ge⸗ burtstag gefeiert, es wird der 90. gewesem sein. In der Dankrede auf die Ansprache des Meisters vom Stuhl erzählte Bieler, er habe in der letzten Nacht geträumt, er sei ge⸗ storben. Bei der Ankunft an der Himmels⸗ tür, die er auf dreimal dreißig Stufen erklommen, habe Petrus ihn begrüßt:Ei, da ist ja der alte Bieler aus Gießen, den hätten wir beinah vergessen! Hier oben wird nicht gefaulenzt; jeder muß zu Gottes Lobe beitragen. Rechts ist der Chor der Engel, die das ewige Halleluja singen, links das himm⸗ lische Orchester. Wo willst du hin, Bieler? Da habe ich gesagt: Den Gesang könnte ich nur verderben, denn ich hab''ne Stimme wie ein Rab', aber die Fiedel kann ich noch leidlich kratzen. Und so kam ich zur Musik.

Mein seliger Vater hat seinen Freund Bieler wiederholt in Gelegenheitsgedichten gefeiert. In den hinterlassenen Papieren meines Vaters habe ich jedoch nichts ge⸗ funden.

Lebhaft erinnere ich mich der mündlichen Traueransage. Danach war Bieler beim Zei⸗ tungslesen an seinem Schreibtisch vormittags sanft eingeschlafen. Bieler hatte die goldene und die diamantene Hochzeit gefeiert und jedesmal vom Offizierkorps ein Ständchen erhalten. Zur Beerdigung schickte der Groß herzog einen Kranz.

4. Aus Bielers Tagebuch. a) In Moskau 1812.

Wie nach dem Gewittersturm die Sonne oft lieblich erfreut und erquickt, so ist nach des Kampfes Gewühl und beschwerlichem Feldmarsche dem Krieger willkommen die Ruh', die Rast eine köstliche Labung, und all die Mühseligkeiten, Gefahren und Sor⸗ gen vergessend, ergreift er, der Tätigkeit Sohn, rasch den sich darbietenden Moment, auf jede erdenkliche Weiseauszufüllen die Leere der Stunden, die lange unendliche Zeit. Freilich kann nicht immer eine wür⸗ dige Beschäftigung stattfinden, oft bestimmen nur Zeit und Umstände die Handlungen.

In nachstehendem soll versucht werden, von dem Tun und Treiben in Moskau wäh⸗ rend unserer Anwesenheit daselbst eine Skizze zu entwerfen. Wir hatten, etwa am 12. Sep⸗ tember 1812, mit 25 Holländern und ebenso viel französischen Trainsoldaten und einer gleichen Anzahl vom damaligen 2. Bataillon Leibregiment, in der Gegend von Mosaisk unseren Park, den wir von Cobno bis Mos⸗ kau eskortierten, verlassen, um Lebensmittel