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ich am Sonntagmorgen mit meinem Freunde, den ich als Urkundsperson mit⸗ genommen hatte, bei meinen Eltern wieder einrückte, fühlte sich die Luft daselbst keines⸗ wegs sonntäglich an, denn mein Vater war, ganz gegen seine Gewohnheit, diesmal ernst⸗ haft böse. Erst, als das nächtliche Erlebnis in seiner ganzen Komik von meinem kleinen Freunde erzählt worden war, löste sich die Spannung und es wurde mir verziehen. Mit dem Auftrag:„Sag' deinem Vater, er soll den heut nacht leer ausgegangenen annere Scheibeeinwerfer herschicke, damit ich em die Quittung für die Prügel, die unser Nixnutz bekommen hat, ausstelle kann,“ wurde mein Schulkamerad entlassen. Ich aber eilte später im Sonntagsstaat zu mei⸗ nem Onkel in der Neustadt, der von Beruf Glaser und von Person ein seelenguter Mann war und erwirkte für die Reparatur der Scheunenfenster in der Judengasse einen billigen Preis. Die damals eingezogenen Scheiben sind m. W. nachher nicht mehr ein⸗ geworfen, aber auch seit dieser Zeit nicht mehr geputzt worden.
Woche auf Woche ging herum und es wurde allmählich rauh draußen. Die Mütter legten die wollenen Unterwämschen zurecht, denn Ueberzieher für uns Jungens gabs da⸗ mals nicht, ebenso galten Handschuhe für einen Luxus. Man steckte die Hände bis an die Ellenbogen in die Taschen, was aber vielfach nicht hinderte, daß man rot und blau gefroren heimkam. Die älteren Jungen, na⸗ mentlich die„Klassiker“(Gymnasiasten), hat⸗ ten Schals umgeschlagen. Sie hängten das viereckige, überecks zu einem Dreieck zu⸗ sammengelegte, karierte, gestreifte oder auch einsarbige, meist mit Franzen versehene Tuch einseitig um die Schultern und warfen den längeren Zipfel über die eine Achsel (die Gießener sagten damals auch mitunter zur Abwechslung„das“ Achsel) und mar⸗ schierten in diesem Aufzuge, den Pack Bücher unter dem Arm, in die Schule. Malerisch sah das nicht aus, vielmehr erinnerte diese Ko— stümierung lebhaft an die Figuren, die man zum Fernhalten der Spatzen in die Felder stellt, und es entsprach nur einer in Worte gekleideten allgemeinen Ansicht, als Frau Metzger P. damals ihrem Willemche nachrief: „Jung, du mer den einzige Gefalle und laß das Denk(Ding) ab. Du siehst ja drin aus, wie en„Bunnefeicht“!“„Bunnefeicht“ ist ein Gießener Wort für Vogelscheuche. Wel⸗ cher Sprachforscher erklärt uns das seltene Wort? Aber erstens waren die Umschlag⸗ tücher Mode, zweitens besser wie gar nichts und drittens ist es im Winter kalt.
(Fortsetzung folgt.)
Beim deutschen Beskidenkorps. „ aupie Kämpfe um Przemysl. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.)
12. Mai 1915, mittags. Wir sitzen
im Schatten blühender Kirschbäume und röt⸗ lich schimmernder Apfelbäume an einem Tisch, den wir uns aus einem Hause geholt haben, um während der Marschpause einmal bequem unsere Feldküchensuppe essen zu kön⸗ nen. Gestern waren wir um 7 Uhr morgens aus dem 432 Meter über dem Meere gelege⸗ nen Oslawatal über einen 614 Meter hohen Höhenkamm in das Tarnowatal marschiert und hatten von 12 bis 2 Uhr in Kalnica gerastet. Es war recht warm. Nachmittags suchten wir dann auf steilen Höhen Stellun⸗ gen aus, als der Befehl zum Weitermarsch kam, da die Russen nach kurzer Schießerei über den San zurückgegangen waren. Wir biwakierten in Lukowo. Da ich seit dem Morgen Halsschmerzen hatte, suchten wir uns ein sauberes Haus, in dem wir nächtigten. Das war für mein Befinden gut, denn es fror in dieser Nacht wieder, wie auch in der letzten. Die Leute waren recht sauber, nur die Luft schlecht. Natürlich schlief die Familie in der einen Stube mit uns zusammen. Zwei Nächte vorher hatten russis che Artille⸗ risten in dem Haus gewohnt.
Die Bevölkerung hier scheint größtenteils russenfreundlich gesinnt zu sein. Die Bauart der Häuser ist nicht schön. Wohnung, Stall, Scheuer sind unter einem Dach.
Heute früh um 8 Uhr traten wir den Weitermarsch an. Man sah, wie auch gestern schon, in der Ferne oft dicke schwarze Rauch⸗ wolken aufsteigen. Die Russen sprengen dort die Brücken, um unseren Vormarsch aufzu⸗ halten. Aber wir fahren einfach durch die Bäche und Flüsse. Und gerade an Stellen, wo das Fehlen einer Brücke uns lange auf⸗ gehalten oder zu langen Umwegen gezwun⸗ gen hätte, war die Brücke unversehrt. Es find nur Holzbrücken, die mit Petroleum be⸗ gossen und in Brand gesteckt werden. In kurzem werden wir am San sein, Diese Sperre werden wir wohl nicht so leicht über⸗ winden, wie die beiden letzten. Schade, daß wir eben keine Post und keine Zeitungen bekommen und nichts Näheres erfahren, wie es überall steht. Aber soviel ist uns klar, daß wir überall energisch vorwärtskommen. Soviel Offensivkraft hatte ich unseren Trup⸗ pen nicht mehr zugetraut. Es ist wirklich gewaltig, was das deutsche Volk leistet und trotz alles Schweren eine große Zeit und eine Freude, an dem großen Geschehen mitzu⸗ wirken, mit Weltgeschichte zu machen!
Abends. Um 2 Uhr nachmittags durchfuhr die Abteilung, da alle Brücken gesprengt waren, bei Zagorz den ziemlich breiten aber nicht sehr tiefen San, was einen schönen An⸗
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