Etappe Langen.
Erinnerungen aus den Jahren 1813 bis
1815 von Karl Friedrich Maurer,
mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. Schluß.)
„Ja, diese haben wir allerdings ausdrück⸗ lich verlangt, allein die Herren erklärten, dieses sei nicht nötig, weil der Ort stark genug sei, um sich selbst zu helfen.“
Hatte sonach die obere Behörde nicht den Mut, ihre Meinung schriftlich auszudrücken, so war es an mir, schönstens dafür zu danken, mich weiter in die Sache einzu⸗ mischen, und ich überließ es sonach dem Ortsvorstand, zu tun, was ihm beliebe.
Im Laufe des Jahres beobachtete ich mit vielem Interesse eine starke Kolonne russi⸗ schen Fuhrwerks, die durch den Ort gezogen kam. Sie bestand aus vielen einander fol⸗ genden leichten und bedeckten Wagen, jeder nur mit einem Pferde bespannt. Höchstens zu je vier Wagen war ein nebenhergehender Führer zu bemerken, und die Pferde schienen alle vortrefflich abgerichtet. Jedes Pferd wich dem begegnenden Fuhrwerk ohne min⸗ deste Anleitung dazu von selbst in geeigneter Weise aus, und war das eine oder andere Pferd von dem vorausgegangenen Wagen etwas abgekommen, so suchte es sich kurz trabend wieder anzuschließen. Alles Ge⸗ schirr an den Pferden, besonders das Zeug⸗ werk erschien aufs beste hergerichtet.
Das russische Fuhrwerk bringt mir eine Masse russischer Physiognomien in Erinne⸗ rung. Einst ging ich von Langen nach Darmstadt. Auf dem ganzen Weg begegneten mir kurz nacheinander entweder einzelne oder kleine Trupps unbewaffneter russischer Militärs. Lauter zerlumpte und zerzauste sehr alte Leute, ohne Zweifel Invaliden. die in die Heimat zogen. Ihre Gesichter waren so schauderhaft häßlich, wie sie kaum die lebendigste Einbildungskraft zu erdenken vermag. Einen sehr schönen und feinen jungen Russen dagegen hatte ich im Laufe des Jahres als Einquartierung für einen auf im Hause, nämlich einen Kapitän der russischen Gardeaxtillerie, einen geborenen Kurländer. Er hatte die Offiziere seiner Kompagnie, ebenfalls feine junge Männer, zu einer Pulle Punsch zu sich eingeladen und auch mich dazu gebeten, da er zufällig vernommen, daß ich Militär gewesen und mit der französischen Armee einige Feld⸗ züge mitgemacht habe. Er war sehr be⸗ gierig, Notizen von mir zu erhalten über verschiedene Einrichtungen in der französi⸗ schen Armee, insbesondere über ihre Regle⸗ ments. Er erkannte und gestand, daß nach diesen Reglements jeder Offizier wohl wissen könne, was er in seiner Stellung zu tun und zu lassen. habe, also nicht abhängig sei von persönlichen Launen eines Komman⸗ deurs wie in der russischen Armee.
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In der ersten Hälfte des Jahres erhielt ich auch Besuch von mehreren spanischen Offizieren. Sie waren aus französischer
Kriegsgefangenschaft entlassen und gingen
von Straßburg ab auf der rechten Rhein- seite nach Holland, um dort für Spanien eingeschifft zu werden. In Darmstadt ver⸗ nahmen sie von Offizieren, die mit dem Regimentsdepot aus Spanien zurückgekehrt waren, daß sie auch in Langen einen sprechen könnten, der als Offizier in Spanien ge⸗ wesen. Dieses veranlaßte sie, mich auf⸗ zusuchen. Sehr gut unterhielt ich mich mit ihnen in gegenseitigem Austausch unserer Erlebnisse hier und da. Ich ließ ihnen
ganz guten roten und weißen Wein vor⸗
setzen, den ich von Frankfurt bezogen hatte. Auf meine Anfrage, wie dieser Wein ihnen schmecke, zuckten sie die Achseln und ant⸗ worteten offenherzig:„Senor, es vinagre!“ (Mein Herr, es ist Essig!). Ganz richtig denn aller deutsche Wein hat eine Säure, die man an den guten spanischen Weinen nicht findet.
Im Jahre 1814 ließ ich mir eine Interimsuniform des Regiments anfertigen, bei dem ich früher gestanden, nachdem mir bekannt geworden, daß durch eine Order der Generaladjutantur vom 4. Januar 1814 auf Allerhöchsten Befehl ausgesprochen war, daß mir die Erlaubnis erteilt worden, die Uniform dieses Regiments überhaupt ferner— hin zu tragen und den Titel als Hauptmann fortzuführen. Wäre dieses zur Zeit meines Austritts aus dem Militär schon ausge sprochen worden und hätte ich sonach die Uniform auch im verflossenen Jahr 1813 tragen dürfen, so würde ich instand gesetzt gewesen sein, den Anforderungen der Trup⸗ pen, die in der Zeit sehr tumultuarisch statt fanden, mit mehr Wirksamkeit entgegen- zutreten, und manche Einbuße, die mein Wohnort erlitten, würde verhütet worden sein. Selbsthilfe erwies sich zu der Zeit als die beste; denn auf Unterstützung von oberen Behörden her war wenig zu rechnen.
Nach dem im Jahr 1814(30. Mai) ge⸗ schlossenen ersten Frieden zu Paris, infolge⸗ dessen Kaiser Napoleon auf die Insel Elba verwiesen wurde und die Burbonen mit Ludwig XVIII. den französis Thron wie der einnahmen, kehrten die nach Frankreich gezogenen Abteilungen unserer Truppen zu rück in ihre früheren Garnisonen. Das vierte Regiment, bei dem ich früher ge standen, kam nach Friedberg und Butzbach. Es war nach der Rückkehr der Offiziere und Leute aus der englischen Kriegsgefangen schaft, in die sie in Spanien geraten waren, wieder organisiert, soweit als möglich er— gänzt, zur Blockade von Mainz verwendet
worden und deshalb hauptsächlich in die Orte Ginsheim und Rüsselsheim, in der Nähe der Mainspitze verlegt, gewesen. Das Korps der freiwilligen Jäger wurde auf⸗ gelöst. Es war im Jahre 1814 zu Darm-


