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2.10.1921
 
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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Fr. 70 Gießen, 19. Sonnt. u. Trinitatis, den 2. Oktober 1921

10. Jahrg.

Oppau. Jes. 45, 15. Fürwahr, du bist ein verborge ner Gott.

Als im agu 1857 in Mainz ein Pulver- turm in die Luft flog, als diese Katastrophe das Leben von 43 Menschen vernichtete und eine Straßenreihe in Schutt und Asche legte, waren alle Herzen in Deutschland erschüttert. Seit dieser Zeit ist alles bei uns größer und gewaltiger geworden, der Verkehr, die Tech⸗ nik, die Industrie, die Betätigung im öffent⸗ lichen Leben, aber auch das Unheil. Der Krieg von 1866 war in acht Tagen entschie⸗ den. Daß die süddeutschen Staaten noch nach der Schlacht von Königgrätz am Main gegen die Preußen kämpften, war so unsinnig, so nutzlos, daß uns heute noch der Zorn packt, wenn wir der Opfer von Kissingen, von Frohnhofen und Laufach gedenken. Der Krieg von 1870/71 war in einem halben Jahre be⸗ endet. Der letzte Krieg hat ohne irgendwelche Kampfpause vier Jahre und drei Monate ge⸗ dauert, er ist mit einer Erbitterung ohneglei⸗ chen und mit seither unerhörten Mitteln ge⸗ führt worden, die Zahl seiner Opfer geht weit über das seither gewohnte Maß. So sind auch die Unglücksfälle in das Riesenhafte gewach⸗ sen. Die Katastrophe von Oppau hat mehr als 550 Menschenleben vernichtet, einer noch größeren Zahl schwere Verwundungen ge⸗ bracht und eine von 8000 Menschen bewohnte Ansiedlung zur Ruine gemacht. Wir sind durch den Krieg an Furchtbares gewöhnt worden, die Unglücksbotschaft aus der Pfalz aber hat uns auf das jäheste erschreckt.

Es ist für den Christen nicht leicht, sich im Glauben mit einem Geschehnis dieser Art abzufinden. Niemand kann den Sinn einer so rätselhaften Fügung erkennen, unser Wissen ist da Stückwerk, und Gott tritt uns nahe als der verborgene Gott. Er hat das Unheil zugelassen, wer weiß, was er damit gewollt! In all dem Dunkel, das uns hier umgibt, ist jedoch zweierlei erkennbar. Ein⸗ mal dies, daß die Natur, die in den Händen Gottes ruht, stärker ist als der Mensch. Wir können den Strom, der zur Zeit der Schnee⸗

schmelze den Ufer rand übersteigt, nicht fesseln,

wir vermögen an der Trockenheit eines heißen Sommers nichts zu ändern, wir haben die Explosivstoffe nicht in der Gewalt. Der

Mensch stellt sie aus Erde und Luft her, er häuft sie an, er sucht sie nach Möglichkeit in seiner Hand zu halten, da, durch irgendwelche Umstände steigen die Feuerflammen in die

Höhe, das Erdreich bebt, der Donner rollt, blühende Menschenleben werden in eines Au⸗ genblickes Länge zerstört, und was Jahr⸗ zehnte aufgebaut haben, liegt am Boden. Ein Tor, der die Natur zu meistern glaubt. Und noch ein anderes wird aus solchen Schrecknissen klar. Die Christenheit hat die Pflicht, für die von so erschütterndem Un⸗ heil Betroffenen zu sorgen. Wir hören ja be⸗ reits, daß von nah und fern Liebesgaben in Oppau eintreffen. Mit aller Entschiedenheit muß auch dafür gesorgt werden, daß, so weit es menschenmöglich ist, Vorkehrungen ge troffen werden, daß ähnliches Unheil nicht mehr vorkommt. Fabriken, die so entsetzlich wirkende Stoffe in sich bergen, gehören nicht in die Nähe menschlicher Wohnungen. Es ist ein Widerspruch, wenn wir Volksgesundheits⸗ pflege treiben und gleichzeitig zulassen, daß Leben, Gesundheit und Eigentum durch rie⸗ sige Ansammlungen von Sprengstoffen be⸗ droht werden. H. B

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Am Neujahrstage schlief man etwas läu⸗ ger als sonst, und wer beizeiten aufgewacht war, blieb dennoch im Bett, denn man hatte ja nichts zu versäumen, und es war so mollig in den Federn, so feierlich still und durch den Schnee so eigentümlich hell, mit einem Wort so recht feiertägig. Dann machten die Eltern den Anfang mit dem Aufstehen, der Kaffeeduft erfüllte die Wohnung, und bald dampfte er auf dem Tische. Auf der Straße erwachte das Leben, die Schlitten rasselten vorüber, und deutlich hörte man, wie sich Leute gegenseitig beglückwünschten. Keiner versäumte den anderen zu fragen:Gut an⸗ getrete? Man sah nur freudig erregte Ge sichter, wie wenn jeder das große Los ge wonnen hätte. Selbst Leute, die im Jahre keine dreimal miteinander sprachen, gratu lierten sich, schüttelten sich die Hände und freuten sich. Wer sich fragte, woher diese überschwängliche festliche Stimmung bei alt und jung, bei arm und reich, bei groß und klein komme, mußte sich die Antwort schul⸗ dig bleiben. Es war einmal so eingebürgert und üblich, und daran zu rütteln, fiel nie⸗ mandem ein. Vergleicht man die nüchternen,