Wimmer 175
7 . Jahrgang
Mittwoch, den 29. Zuli 1914.
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„«tut Eagt»,tt»ung" rrldjtint jttotn Werttag. Regelmäßige Beilagen ..Per Knurr a». »essen« den Agenten monatlich so Psg. Hinzu tritt Postgebühr oder Trägerlohn. An,eigen: Drundztiie 20 Psg ErMungsort Friedberg. Schrittleitung und Verla, Friedberg (Hessen), Hanauerstrahe 12.
..?>» Spinn ltnbe". «tingeprt,»: Be, den Postanstalten vreriellahrlich Mk. 1.95 - lolale 15 Psg, An, eigen von auswärts werden durch Postnachnahine erhoben Femlprecher 4-8. Poftscheck-Lonto Nr. 4859, Am! Franksurt a. M.
Der Krieg ist erklärt!
CH« Mnnifcst M aller Frau; nn seine Völker. — Dentschlnnd lehnt den VermittlungA^vr»
schlag ab. — Die Vorgänge an der Grenze. — Die Kriegsstärke der Gegner.
Otsttrreich.Ungarn hat an Serbien den Krieg erklärt und Deutschland hat den englischen Vermittclungsvorschlog abgelehnt.
Das sind die beiden wichtigsten Nachrichten des gestrigen Tages: sie waren eigentlich selbstverständlich und doch haben sie allenthalben die größte Erregung hervorgerufcn.
Daß die österreichische Monarchie auf dem betretenen Wege nicht mehr zurück konnte, haben wir schon östcrs dar- gclegt. Serbien hat sich geweigert, die österreichischen Bedingungen zu erfüllen, somit mußte Oesterreich die angedrohten Maßnahmen ausführen, denn nichts macht mehr den Eindruck der Schwäche, als wen, den Worten die entsprechenden Taten nicht folgen. Die Kriegserklärung ist also lediglich ein Glied in der Kette der Ereignisse, die sich seit Ucberrcichung der Note zugctragcn haben. Neu ist höchstens, daß sie überhaupt erfolgt ist, denn man hatte vielfach angc» nonunen, daß die Feindseligkeiten einfach mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen eröffnet seien.
Ebenso bestimmt war es, daß Deutschland es ablehnc» würde, aus den englischen Vorschlag einer Vermittelungs» konfercnz einzugchen. Deutschlands Stellung ist klar gc- gegebcn: Es will aufrichtig den Frieden und unterstützt tat- bereit alle Bestrebungen, die auf Erhaltung des Friedens hinziclcn.
Sollte aber Oesterreich von Rußland angegriffen werden, so wird Deutschland an der Seite seines Verbündeten zu finde» sein.
An dieser Haltung ist nichts zu ändern, sie steht felsenfest. Wohl aber könnte England seinen Einfluß aus daS ihm befreundete Rußland geltend machen, das es einzig und allein in der Hand hat, ob der österreichisch-serbische Krieg auf seinem Herd beschränkt bleiben oder sich zum Weltkrieg entfachen werde.
Die Lage ist also in, Grunde nicht verändert. Deutschland hat in seiner Antwort nicht erklärt, daß cs jede Vermittelung an sich ablehnc, cs begrüßt vielmehr eine solche und ist bereit, auch fernerhin daran mitzuwirken. Es ; wird sich jetzt in der Hauptsache darum handeln, wie sich die Dinge in Serbien entwickeln. Schlägt Oesterreich in den j ersten Kämpfen seinen Gegner nieder und hält diefm Erfolg für genügend, dan ist die Basis für weitere Vermittelung geschaffen, in der Voraussetzung, daß Rußland nicht schon vorher zugcschlagen hat. Alle Hoffnung aus eine Lokalisierung des Krieges ist demnach noch nicht geschwunden. Rußland läßt offiziell versichern, daß es vorerst nicht mobil machen werde,
was es mit diesen Versicherungen auf sich hat, kennt man zur Genüge. In der Tat
zieht Rußland nicht nur an der österreichischen, sondern auch au der deutschen Grenze gewalsige Truppcnmcngrn zusammen.
Der Bahnhof von Wirballcn, der deutsch russischen Durch- gangsstation ist militärisch besetzt, die Häsen werden gciperrt und dergleichen. Alles deutet auf
kriegerische Vorbereitungen
hin
Vor der Front ist cs bis jetzt nock> ruhig. Einige Grenz- scharniützel, die stets ernsteren Zusamcnstößcn vorangchcn, sind bereits erfolgt. Tic Serben wollen im Ernste den Kampf aufnchmen und machen im Verein mit den Montenegrinern ganz vcrzwciselte Anstrengungen. Selbst die Männer von 60 Jahren werden zu den Fahnen gerufen. Es heißt zwar immer noch, sie würden an der Grenze den cinrückcnden Lcfterreichern nur geringen Widerstand leisten, den sie fiir das Innere des Landes aussparen wollten. Ter allgeincine Einmarsch der Ocstcrrcichcr dürfte heute oder niorgen erfolgen
Oesterreichs Kriegserklärung!
Wien, 29. Juli. Auf Grund Allerhöchster Entschließung Seiner k. u. k. apostolischen Majestät voni 28. Juli 19)1 wurde gestern an die königlich serbische Regierung eine in französischer Sprache abgcsaßtc
Kriegserklärung gerichtet, welche in deutscher Ucbersetzung folgendcrinaßen lautet:
Ta die königlich serbische Regierung die Rote, welche ihr vom österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli 1914 übergeben worden war, nicht in befriedigender Weise beantwortet hat, so sieht sich die k. u. k. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung hrcr Rechte und Interessen Sorge zu tragen und zu diesem Ende an die Gewalt der Waffe» zu appelliere«. Oesterreich. Ungar» betrachtet sich daher von diesem Augenblicke an als im Kriegszustand mit Serbien befindlich.
Der öfterrcichisch-ungarischc Minister des Aeußeren Graf Berchtold.
Notifikation an die «Achte.
Wien, 29. Juli. Das Ministerium des Auswärtigen richtete gestern an die hiesigen fremden diplomatischen Missionen eine Verbalnote, in der die formelle Kriegserklärung an Serbien den diplomatischen Missionen zur Kenntnis gebracht wird und erklärt wird, daß sich Oesterreich-Ungarn während der Feindseligkeiten unter der Voraussetzung eines gleichartigen Vorgehens seitens Serbiens an die Bestimmungen der Haager Konvention voni 18. Oktober 1907, sowie an die Bestimmungen der Londoner Deklaration voni 26. Februar 1909 halten wird. Die Missionen werden gebeten, diese Notifikation schleunigst ihren Regierungen mitzuteilcu.
Kaiser Franz Josef
an seine Völker!
Wien, 29. Juli. Der K a i s e r hat nachfolgendes Handschreiben und Manifest erlassen:
„Lieber Graf Stürgkhl Ich habe mich bestimmt gefunden, den Ministern meines Hauses und des Aeußeren zu beauftragen, der königlich serbischen Regierung den Eintritt des Kriegszustandes zwischen der Monarchie und Serbien zu notifizieren- In dieser schicksalsschweren Stunde ist es mir Bedürfnis, mich an meine geliebten Völker zu wenden. Ich beanf- trage Sie daher, das anvcrwahrte Manifest zur allgemeinen Verlautbarung zu bringen Bad Ischl, 28. Juli 1914.
Franz Joses. II. P."
An meine Völker!
Es war nicin sehnlichster Wunsch, die Jahre, die inir durch Gottes Gnade noch bcschicdcu sind, Werken des Friedens z» weihen und mcinc Völker vor de» schweren Lpscrn und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vor- frhung ward cs anders beschlossen. Die Umtriebe eines haß- crsülltc» Gegners zwinge» mich zur Wahrung der Ehre meiner Monarchie, zum Schutze ihres Ansehens und ihrer Machtstellung, zur Sicherung ihres Besitzstandes nach langen Jahren des Friedens zum Schwert zu greifen. Mit raschem Vergessen und Undank hat das Königreich Serbien, das von den ersten Anfängen seiner staatlichen Selbständigkeit bis in die neueste Zeit von incincu Vorfahren und mir gestützt und gefördert worden war, schon vor Jahren den Weg osscncr Feindseligkeit gegen Oesterreich.Ungarn betreten. Als ich nach drei Jahrzehnten segcnsvollcr Fricdcnsarbcit in Bosnien und der Herzegotvina meine Hcrrschervechte aus die- scs Land erstreckte, hat diese mcinc Verfügung im Königreiche Serbien, dcsien Rechte in keiner Weise verletzt wurden, Ausbrüche zügelloser Leidenschaft und bittersten Hasics hervor- gerufen. Mcinc Regierung hat damals von dem schönen Vor, recht des Stärkeren Gebrauch gemacht und in äußersten Rach, sicht und Milde von Serbien nur die Herabsetzung si'ineS Hceres auf den Friedensstand und das Versprechen verlangt, in Hinsicht die Bahn des Friedens und der Frcnndsche.it zu gehen.
Die Hoffnung, daß das serbische Königreich die Langmut und Friedensliebe Meiner Regierung würdigen und sein Wort cinlösen würde, hat sich nicht erfüllt. Immer höher lodert der Haß gegen Mich und Mein HagS empor, immer unvcrhüllter tritt das Streben zutage, «ntrcunbarc Gebiete Oesterreich-Ungarns gewaltsam loszurcißen. Eine Reihe von Wordanschläge«, eine planmäßig vorbereitete nnd duriv- gefnhrtc Verschwörung, deren furchtbares Gelingen Mich und Mcinc treuen Völker ins Herz getroffen hat, bildet die weit- I
hi» sichtbare blntigc Spur jener geheimen Machenschaften, die von Serbien aus ins Werk gesetzt worden sind. Diesen, unerträglichen Treiben muß Einhalt geboten werden, de» unaushirlichcn Herausforderungen Serbiens ein Ende be. reitet werden, soll die Ehre und Würde Meiner Monarchie unverletzt erhalten und ihre staatliche, wirtschaftliche und »liltärischc Entwickelung vor der beständigen Erschütterung bewahrt bleiben. Vergebens hat mcinc Regierung noch einen letzte» Versuch unternommen, dieses Ziel mit friedlichen Mitteln zu erreiche», Serbien durch eine ernste Mahnung zur Umkehr zu brwegcn. Serbien hat die maßvollen »nv gcrech. tc« Fordcr,ingc» Meiner Regierung zurückgewiescn. Mit ruhigem Gewissen betrete ich de» Weg, den die Pflicht nur weist. Ich vertraue aus Meine Völker, die sich in allen Slür- men stets in Einigkeit und Treue »m Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes z» den schwersten Opfer» immer bereit waren. Ich vertraiir aus Ocstcrrcich-UngarilS tapfere »nd pon hingebungsvoller Begeisterung erfüllte Wehrmacht und ich vertraue ans de» All- mächtige», daß er Meinen Wassc» den Sieg verleihen tucrdr.
Franz Josef dl. P.
Stürgkh M. P.
Deutschland lehnt den Verniittlnngsvor» schlag ab.
Die deutsche Regierung hat der englischen Regierung die Antwort znkomnien lassen, daß sic den Vorschlag einer Konferenz ablehnc. Sie erkennt die freundlichen Absichten der Dcrniittclungsvorschlägc Sir Edward Grcys durchaus an und würde auch eine auf Oesterreich-Ungar,, und Rußland sich erstreckende Vermittelung fiir durchaus gerechtfertigt halten, sic kann aber an einer Vcrniittcluiig zwischen Ocsterreich- llngaren und Serbien gegen den Wunsch des Erstercn nicht teilnehincn, und da die Vorschläge Grcys beide Vermittelungen verknüpfen, so erscheinen sic der dcntschenRe gierung für praktisch nicht Erfolg versprechend.
Zu der ablehnenden Antwort wird weiter bekannt, daß die brutsche Regierung den seiner Absicht wegen erfreulichen Vorschlag Eie Edward Ereys mit gebührender Ausmerlsam- Icit geprüft Hai, mit Rücksicht aus die momentane Lage aber nicht unbedingt und ohne weiteres zustimmen kann. Der komplizierte Apparat einer Botschasterkonfcrcnz werde in dem jetzigen Augenblick, wo die politischen Ereignisse zu schnellem Handeln zwinge», zu langsam arbeite», um die Schwicriglei- tcn zu beseitigen. So sehr daher die Initiative Ereys Dank verdient, glaubt die deutsche Regierung, daß der Sache des Friedens durch die bereits von Kabinett zu Kabinett mit gutein Erfolg begouncnc Vermittlungsaktion besser gedient wurde, zumal ja auch die diploinatische» Verhandlungen zwifchci: A? i c» und Petersburg noch sortgehen. Man würde wohl am schnellsten zum Ziel lommcn, wenn die Mächte zusammcu oder einzeln ihre Bemiihungcir in Petersburg einsitzen würden. Die deutsche Regierung wird mit allen Ka> bincilen i» Verbiiidnng bleiben, um dieses Ziel zu erreichen, das nicht aufgegebcn sei nnd nicht ausgegebcn zu werden braucht, bevor nicht jede Verniittlungstätigkeit endgültig gescheit::- ist.
Kaiser und Kronprinz.
Berlin, 29. Juli. Die Nachricht, daß der Kaiser nach Wilhclnishöhc fahren werde, ist nicht richtig: er wird sich dorthin erst begeben, wenn die politische Lage vollständig geklärt ist.
Wie die „Tägliche Rundschau" inittcilt, wird der Kronprinz, dessen Urlaub beim Gcncralstob in den ersten August- tagcn endet, heute nach Potsdam zuriickkchrcn. Er wird in Eharlottcnburg cintreffen nnd sich von dort im Automobil nach dcni Marmorpalais in Potsdam begeben, wo er für die nächste Zeit bleibt. Die Anordnungen sind in dieser Weise getroffen, um zu vermeiden, daß der Kronprinz etwa zur Zeit hier in Berlin, wider seinen Willen in den Mittelpunkt von Kundgebungen gerückt werde, die sich auf die derzeitige politische Lage beziehen.
Prinz Heinrich nnd die Lage.
Hamburg, 29. Juli. Tie neue Hamburger Zeitung vcr- öifcntlicht eine Unterredung mit deni Prinzen Heinrich, der zufolge der Prinz' erklärte, daß er zu seiner Freude eine ruhigere Auffassung der Lage in der englischen Bevölkerung habe fcststellcn können. Tie Begeisterung in Tcuischland cr- I füllt ihn mit Stolz, aber die Kriegsstimmuna habe auch


