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Ilrbcrstcht.
— Infolge der heftigen Wolkenbrüche, die am Nfcrlaufe der Fulda und ihrer Nebenflüffe niedergegangcn sind, ist gestern das Wasser der Fulda bei Kassel 1 Meter gestiegen, sodaß jeglicher Schiffsverkehr aus der Fulda eingestellt wer. den mußte. Durch die großen Wasscrmasscn sind über ein Dutzend Ortschaften in den Kreisen Merzfelden und Fulda unter Wasser gesetzt und vom Verkehr abgeschnittcn worden. Große Verwüstungen wurden angerichtct. Die Flutztäler sind in wogende Seen verwandelt worden,
— Die württcmbergische Regierung hat die Beschwerde der Arbeitcr-Fiigendorganisntion Stuttgart wegen ihrec zwangsweisen Schließung zurückgewilsen und gleichzeitig die Schließung sämtlicher würrtembcrgischer Arbeiter-Jugend- vrganisntionkn angeordnct.
— In der Fabrik der Westdeutschen Sprcngstoffwerke A. G. in Rumcnohl im Volmctal, ereignete sich gestern morgen 10 Uhr eine Dynamit Explosion, wobei drei Arbeiter durch die Explosion getötet, zwei andere schwer verlebt wnr- den. Das Gebäude, ein Menghaus, in dem die Explosion stattfand, ist vollständig zerstört worden. Der Betrieb konnte jedoch aufrecht erhalten werden,
— Der von Rusach gebürtige Notar Julius Hecht, wurde unter dem Verdacht, große Summen Geldes unterschlagen zu haben, verhaftet. Im Laufe des gestrigen Nachmittag? wnr- den Bureaus des Notars durch die Staatsanwaltschast geschlossen, und die vorhandenen Bücher beschlagnahmt. Die Verhaftung des Notars Hecht, der in das Kolmarcr Untersuchungsgefängnis eingeliefert wurde, erregt in Rusach recht großes Aufsehen.
— Ter Zugverkehr im Simplontunnel ist seit gestern wieder hcrgestcllt worden, nach dem er seit Montag unterbrochen war. Vorläufig müssen die Züge nur mit geringer Geschwindigkeit den Tunnel passieren.
— Furchtbare Gcwittcrstürme, von Hagelschlag begleitet, sind gestern über die ganze lombaridsche Tiefebene nicderge- gangen. Tie Temperatur sank in wenigen Stunden bedeutend. Eine ganze Reihe von Weinbergen wurde durch den Hagelschlag zerstört. Die Hagelkörner erreichten die Größe eines Taubcneies. Die Stadt Asti ist teilweise überschwemmt worden.
— Gestern sollte eine Versammlung der Mohamcdancr in Koplik» bei Skutari stattfindcn. Die Polizei erfuhr davon. Morgens früh wurden 200 Mohamedaner von der Polizei angegriffen, die g!eick«etig Truppen alarmierte. Drei Polizisten und ein Gendarm wurden verwundet. Der österreichische Major Peters ordnete um drei Uhr morgens plötzlich den Angriff an, wodurch die Mohamednner zerstreut wurden und sich znrückzogen. Sie haben angeblich vier Tote und einige Verwundete. In der Stadt herrscht große Aufregung.
— Bei den Unruhen aus der Insel Nusa Komba an der Südküste Javas, wurden Zwangsarbciter getötet, andere schwer verletzt und viele leicht verwundet. Truppen sind nach der Insel abgesandt worden.
— Ter „Daily Telegraph" meldet aus Peking, daß die japanisch-chinesischen Verhandlungen über eine Erneuerung des Zolltariss erst im Jahre 1016 beginnen werden. Zn dieser Zeit laufen die alten Verträge zwischen den beiden Mach- ten ab, und Japan beabsichtigt nicht, vorher in Verhandlungen cinzutreten. Es will seine vorherrschende Stellung, das cs augenblicklich in China einnimmt, nicht unnötig gcführ- den.
— Aus Mexiko wird gemeldet: Tic Rebellen heben Guanajara erobert. Die Bundcetrnppcn sind nach dreistündigem hestigcn Kampfe vernichtet worden. Carranza soll angeblich geneigt sein, mit den Anhängern Huertas zur Friedenskonferenz zusammMzutreten.
Unstimmigkeilen in Wien.
Tic Beisetzung des ermordeten Thronfolgerpaares Franz Ferdinand erfolgte in den bescheidensten Formen. Die Potentaten Europas, die bei der Tranerseier zum Teil selber anwesend sein, zum Teil fürstliche Vertreter schicken wollten, beschränkten aus Wunsch des Wiener Hofes ihre Teilnahme darauf, durch ihre Gesandten und Botschafter in der Hosbnrg- kapelle an der Bahre der beiden Ermordeten Kränze Niederlagen zu lassen. Sogar der deutsche Kaiser, der intiniste Freund Franz Ferdinands und seiner engeren Familie, mußte zurückbleibcn und auch Prinz Heinrich von Preußen, der in seiner Eigenschaft als oberster Admiral der deutschen Kriegsmarine dcrr Neugestalter der östcrreichisch-ungarischen Flotte die letzte Ehre erweisen wollte, mußte seine Reise nach Wien abbrechen. Nicht einmal Kaiser Franz Joseph nahm an dem Lcichenbegräsnis in Artstettcn teil. Man war zuerst geneigt, die geplante Einfachheit bei der Bestattung ans eine Rücksichtnahme auf das hohe Alter und den Gesundheitszustand des greisen Monarchen zurückzuführen, und nian konnte sich mit diesen Gründen zufrieden geben. Aber leider niedren sich die Anzeichen dafür, daß der (i\ nd für das
auffällig einfache Leichenbegängnis in anderer Richtung zu suchen ist. Der Hof-Camarilla, in der neben gewissen Erzherzoginnen der Teil des österreichischen Hochadels zu finden ist, der liberal angekränkelt, vollständig degeneriert, eine traurige Rolle spielt, lvar die soldatische Natur, seine aufrichtige Art und Weise niemals besonders genehm, daß die Gattin Franz Ferdinands nicht „ebenbürtig" war, erhöhte die Sympathien auch nicht.
Ihre sichtbare Spitze hatte die Camarilla in dem Fürsten v. Montenuovo, dem die Anordnung des Leichenzeremoniell zuzuschreibcn ist.
Es ist kein Zweifel, daß dieses Zeremoniell gewählt wurde ans dem Grunde, weil Franz Ferdinands Gattin keine Ebenbürtige war: der Haß eines niedrigdeukenden Schrau- zentums hat die Gelegenheit benutzt, uni die Abneigung des alten Kaisers gegen die unebenbürtige Verbindung zu einem Zeitpunkte zum Ausdruck kommen zu lassen, zu dem jeder natürlich empfindende Menlch nichts gleichgültiger, belangloser findet als die sorgfältig ausgeklügelten Ebenbürtig, keitsdefinitionen des deutschen Privatfürstenrechts und de? k. und k. HausgcsctzeS. Daß Fürst Montenuovo so besonderen Sinn für die Wahrung der Zcrcmonalien bekundet, kann freilich nicht wundernehmcu. Es ist die alte Geschichte, daß die am eifrigsten Uber den Unterschieden von Rang und Stand wachen, die am meisten Veranlassung hätten, sich hierin freisinnig zu geben. Der Fürst mit dem italienischen Namen ist den Habsburg-Lothringern blutsverwandt. Sein Ahnherr war die Frncht aus der ehebrecherischen Verbindung von Napoleons I. zweiter Gattin, Maria Luise, mit dein Grafen Neipperg. Am 5. Mai 1821 starb auf St. Helena Napoleon: am 7. August 1821 wurde seine Witwe mit dem Grafen Neipperg getraut: am 9. August 1821 gebar sie den Wilhelm Albrecht, den man in Ucbersctzung des Namens seines Vaters Grafen von Montenuovo benannte. Diese drei Daten braucht man nur nebencinanderzustcllcn, um aller weiterer Ausführungen zu diesem Punkte Lbcrhoben zu sein.
Festgcstellt muß werden, daß den Kaiser Franz Josef keine Schuld an diesem Vorfälle trifft, denn Kaiser Franz Joseph hat Zeit seines Lebens bewiesen, daß cr Bürgerblut nicht zu gering achtete, sich mit Fürstenblut zu vermischen.
Es ist erfreulich, daß sich der christlich gesinnte Teil des österreichischen Hochadels aufgerafst hat und gegen die von der Hof-Camarilla beliebten Zurücksetzung der hohen Verblichenen zu manifestieren. Es haben sich 120 Männer aus dem höchsten Adel Oesterreichs gefunden, die entgegen dem vorgeschriebenen Zeremoniell dem verstorbenen Thronfolger, paar die letzte Ehre erwiesen haben und hinter dem Sarge hergeschritten sind. „Wir protestieren nicht, wir manifestieren", so hat sich einer.der Vertreter des österreichischen Hochadels geäußert, der an dem Zuge der 120 teilnahm. Auch einem geschulten Philologen dürfte es schwer werden, den haarfeinen Unterschied zwischen den Begriffen des Demon- striercns und des Manifestierens in der Geschwindigkeit klar zu fassen. Was jener Adelige zum Ausdruck bringen wollte, war wohl, daß die Demonstration, die in der Tat der 120 lag, keine illoyale Spitze habe. Man „manifestierte seine Anhänglichkeit an den gemordeten Erzherzog und an seine „unebenbürtige" Gattin: man „manifestierte" zugleich aber aber auch seine Entrüstung über das Leick>enzeremoniell, das der Obcrsthofmcister des Kaisers, Fürst Montenuovo, angeordnet hatte.
Die Hochadeligcn aber sind mit ihrer Opposition nicht allein geblieben. Abgesehen davon, daß das, was man so recht eigentlich unter dem Volke versteht, ihnen aus voller Seele beipslichtet, ist vor allem auch die Opposition des Offizierskorps zu verzeichnen. Eine Opposition, die sich nicht mit der Teilnahme an dem Lcichenzuge, mit dem demonstrativen Zusammentresfen auf dem Bahnhofe begnügt hat, auf dem die Särge aus Scrajewo in Wien ein- trafcn, sondern die stumme Tat vor der Oeffentlichkeit laut begründet. Es ist die — dem Kriegsministcrium nahestehende — „Militärische Rundschau", die jetzt in schärfster Weise über das ausgeklügelte Leichenzeremoniell herzicht. In ihr finden sich die Sätze: „Die Armee kann nicht demonstrieren. Aber sie ist tiefverletzt von dem Schranzentum, das sich immer und überall zwischen sie und den Thron drängt. Sie ist empört über die kleinliche Engherzigkeit, die beim Arrangement der Leichenfeier waltete. Jede Regel gestattet Ausnahmen, und auch das Hof-Zeremoniell und die Etikette können durchbrochen, vorübergehend außer Kraft gesetzt werden. Es ist keschämend, daß dies nicht geschah. Wenn je, so war diesmal der Anlaß dazu gegeben."
Das Wort: Nach uns die Sintflut, das in dem Frank- reicli des ancien rögiine gesprochen wurde, scheint jetzt ans der frischgeichlolscnen Gruft von Artstetten als bittere Klage hcrvorzuschallen. Tie österreichische Regierung zwiespältig, unentschlossen, nicht einmal daruf bedacht, ihren Zwiespalt, ihre Uneinigkeit der Oeffentlichkeit nicht sichtbar tverden zu lassen: eine Kluft anfgerissen zwischen dem Kaiser und seinen ersten Vasallen, zwischen dem obersten Kriegsherrn und iciner Armee: so schlimme Nachloirkungen hätte dem Tode
Franz Ferdinands niemand zu prophezeien gewagt. Wir wünschen, wir Hessen, daß Oestcrreinis künftiger Kaiser, daß Erzherzog Karl Franz Joseph, mit offenen Augen in diesen düsteren Tagen »>» sich schauen möchte. Er kann unendlich viel au? ihnen lernen, was zu lernen einem Thronfolger, einen, .Kaiser nicht leicht die Möglichkeit wird.
A«»achft> der Mail- mid K!ue»!t»chk.
Tie Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche nimmt eine gefahrdrohende Gestalt an. Nachdem bereits die Zahl der verseuchten Gehöfte im Mai eine vierstellige geworden war, hat die Zählung am 30. Juni 2577 verseuchte Gehöfte ergeben, die in 850 Gemeinden zu suchen sind. Am 15, Juni waren die entsprechenden Zisscrn 1615 bczw. 686. Seit die- sen Zahlen, die wir m» Montag veröffentlicht hatten, ist die Seuche neu nufgetreten in 296 Dörfern mit 1311 Gehüsten. Das- sind recht bedenkliche Aussichten.
Am meisten ist die Maul- und Klauenseuche in den wcstprcußischcn Regierungsbezirken zu verzeichnen, Danzig mit 118 Gemeinden und 100 Gehöften und Maricnwcrder mit 178 Gemeinden und 153 Gehöften. Von Neuversenchnn- gen wurden seit dem 15. Juni in beiden Bezirken 287 bczw. 212 Gehöfte,i betroffen. Als drittstärkster Ver- scuchungsbezirk folgt die großhcrzoglich hessische Provinz R h c i „ h c s s c n mit 7 Gemeinden und 205 Gehöften, wo- von seit 15. Juni 1 Gemeinden »nd 62 Gehöfte neuvcrsoucht sind. Es folgt sodann der Regierungsbezirk Magdeburg mit 171, Protsdam mit 128 Gehöften usw. Ganz Bayern hat 173 verseuchte Gehöfte, wovon 105 Ncuvcrscuchuugcn sind. Tie Provinz Ober Hessen hat hat nur eine Gemeinde (R o d h e i nt v. d, H.) mit 31 Gehöften, wovon 10 seit dem 15. Juni neiiverseucht sind.
Aus der Aufstellung läßt sich ersehen — und das- ist dal schlimmste — daß sich die Seiiche wieder über daS ganze Reich ausgedehnt hat, es ist kein Landesteil mehr ausgenommen, im Süden ist cs Ober- und Niederbayern »nd die bayerische Provinz Schwalm, weiter der württembcrgische Jagstkreis, im Norden Königsberg, Schleswig, Lüneburg und Mecklenburg, im Osten Danzig, Marienwerdcr, Breslau, Posen, im Westen Köln, Aachen, Düsseldorf und Münster »ud in Mitteldeutschland Braunschwcig und Anhalt, wo die Seuche am meisten ausgetreten ist. Wie man sicht, ist keine Gegend verschont geblieben.
Auch die S ch w e i n e s e » ch e und Schweinepest haust schlimm in den deutschen Landen. Immerhin ist ein kleiner Rückschritt zu verzeichnen, indem die Zahl der davon befallenen Gehöften von 2512 am 15. Juni auf 2151 am 30 Juni zurückgegangen ist. Diese Seuche wütet am ärgsten in den Bezirken Breslau, Lieguitz, Posen, Königsberg, Frankfurt a, O. und Schlesien, sic ist aber ebenfalls über gas ganze Reich verbreitet. Im Grotzherzogtum Hessen sind z. Zt, 1 obcrhcssische und 2 rheinhessische Gemeinden damit verseucht.
Ans dem Ifcfl. Kanblay.
Zweite Kummer.
Die Zweite Kammer setzte gestern ihre Beratungen unter dem Vorsitz des Präsidenten Köhler fort und wird zunäch.i die Ersatzwahl des Abg. Calman für den 2. Wahlkreis der Provinz Rheinhessen für gültig erklärt.
frieraus wird der Antrag des Abg. Schönberger, die Erhebung der Staatsstcucrn bctr., verhandelt, der die Erhebmig der Staatssteuern durch die Gemeindccrhcbcr gemeinsam mit den Gemeindesteuern in Quartalsratcn vorschlägt. Der Aus schuß beantragt, den Antrag sür erledigt zu erkläre», nachdem auch die Regierung den Vorschlag für undurchführbar er - Matte.
Abg, Schönberger (Ratl.) geht in längeren Aussuh- ruiigen aus die Vorteile seines Vorschlags ein, der eine wesentliche Verciniachimg im Staatshaushalt und auch sonstige Ersparnisse bringen werde.
Vor der Abstimmung wird zunächst die Regierungsvorlage belr. den Ankauf der Solms Laubach'schcn Gruben und den Ausbau des Elektrizitätswerkes in Wölfersheim verhandelt. Es werden hierfür zusammen etwa Lüg 000 Mark verlangt.
Abg. Dorsch (Bbd.) führt aus, daß cs bei dem Ankauf des Werkes hauptsächlich daraus ankomme, die Kohlenvorräte zu erwerben, damit sür den große» Betrieb sür lange Zeit ausreichendes Betricbsmatcrial vorhanden sei. Selbstverständlich müsse der Erwerb des Reichstnms unter der Erde so billig wie möglich erfolge». Er fragt weiter an, ob die Beaniten Hit übernommen und ob das alte Werk weiter betriebe» werde. Bei ihm kommen zwei Seelen zur Geltung und zwar zunächst der Abgeordnete, der im Interesse des elektrischen Betriebes und den Ausbau des Werkes sich den Kohlenbedars sichern möchte, dann aber auch der Landwirt, der zur größten Vorsicht bei der Geuehinigung weiterer Seilbahnen rät, da d:e jetzigen Zustände schon große Mißstimmung hervorgerufen haben.
-.ibg. Dr. Weber (Bbd.) tritt sür die Regierungsvorlag- cin mit den Zusätzen des Ausschußantrages.
Abg. Böhr (Bdd.I bringt Beschwerden vor, daß bei dem


