Ausgabe 
23.11.1913
 
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ie Tränen des HErrn sind die Freuden der

Welt. Augustin. * sah die Stadt an und weinte. Weil

Er sah, weinte Er; wir, weil wir nicht sehen, weinen wir auch nicht. Sähen wir unserer Stadt, unserer Seele Jammer, dann würden auch wir Tränen vergießen. Das Auge ist's, welches sieht, und dasselbe Auge ist's, welches weint; wer sein Auge zur Blindheit der Verstockung geschlossen hat, mag weder sehen noch weinen. Joh. Gerhard.

Die heste Saison.

Drei Kellner pilgerten zusammen über den

St. Gotthard. Sie machten es nicht wie viele ihrer Kollegen, die mit der Eisenbahn die schönsten Gegenden durchfliegen, um dann an der Reviera wochen- und monatelang in schlechten Herbergen ihr Geld zu verzehren; nein, sie wollten sich an den Wundern der Schöpfung erfreuen.

Das war meine beste Saison, sagte der erste.Ich war Zimmerkellner in dem großen Etablissement zu M. und habe volle 4000 Franken verdient. Noch ein solches Jahr und ich kann mich selbständig machen!

So weit habe ich es freilich nicht gebracht, sagte der andere,und doch war es meine beste Saison. Ich war in einem Berg-Hotel angestellt. In der Frühe eines schönen Morgens brachen einige Familien auf zu einer einsamen Gebirgstour, und ich sollte ihnen das Mittagessen an einen be stimmten Platz bringen. Aber bald bedeckten dicke Nebel Berg und Tal, und ich fand die Gesellschaft am verabredeten Orte nicht. Endlich, nach langem Suchen und Rufen, endeckte ich die Verirrten dicht vor einem Abgrund, der ihnen durch die Nebel verborgen war. Gottlob, ich kam zur rechten Stunde. Das Wonnegefühl, der Retter dieser Familien zu sein, entzückt mich noch heute und gibt mir mehr Befriedigung als der reichste Ver dienst und der gute Lohn, an dem sie es nicht fehlen ließen!

Und wie war deine Saison? so wandten sich beide jetzt an den dritten. Dieser zog eine pracht⸗ volle goldne Uhr aus der Tasche, in deren Inne⸗ rem die Worte eingegraben waren:Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. Erzähle, wie du zu der Uhr gekommen bist? sagten die Freunde.

Ja, Freunde, das ist eine ernste Geschichte. Auch ich war im einsamen Berg-Hotel und hatte einen schwerkranken Herrn auf seinem Zimmer zu bedienen. Eines Tages fühlte er sein Ende nahen und verlangte nach dem Pfarrer. Aber das nächste Kirchdorf war weit und der Pfarrer obendrein verreist.Ist denn kein Mensch hier, der einen Sterbenden trösten könnte? Ich wußte niemand. Kellner, sagte er und ergriff meine Hand,sagen Sie mir ein Wort zum Trost und Heil! Mir trat der Angstschweiß auf die Stirne. Plötzlich kam mir ein guter Gedanke. Ich eilte auf mein Zimmer; ganz unten in meinem Koffer lag die Bibel meiner seligen Mutter. Ihre Lieblings⸗ sprüche hatte sie alle unterstrichen. Ich las sie nacheinander dem Sterbenden vor, der immer noch mehr verlangte, bis ich an den Spruch kam: Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Den mußte ich wieder und immer wieder vorlesen.Nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, wiederholte er leise. Dann ergriff er meine Hand:Kellner, Sie waren das Werkzeug in Gottes Hand, meiner Seele den Frieden zu geben, daß ich ruhig und selig sterben kann; nehmen Sie diese Uhr als Andenken. Sie leite Sie durch die Zeit hin bis zur ewigen Seligkeit! Freunde, jetzt kommt die Bibel nicht mehr aus meinen Händen. Eine neue Welt und ein neues Leben ist mir aufgegangen. Früher kam ich mir oft wie der unnützeste Mensch auf der Welt vor. Jetzt weiß auch ich, daß mein Erlöser lebt. Ich danke Gott für diese Saison. Sie war von allen meine beste.

In unlere lieben sIlifurbeiter.

Es nahen jetzt die langen Winterabende und damit die Zeit, wo man für unser Aufwärts be sonders werben soll. Probenummern können Sie stets gratis von uns haben. Auch ist es jetzt Zeit, daß wir den Neukirchener Abreißkalender für 1914 verbreiten. Weil der Reingewinn unsrer Mission zugute kommt, bitten wir, den Kalender sowie andere Bücher und Schriften bei Ihrem Prediger oder Stadtmissionar am Orte zu holen. Sollte dies nicht gehen, so wenden Sie sich direkt an unsre Buchhandlung der Pilgermission Gießen. g

Redakteur: Stadtmisstonar Herrmann⸗Gleßen. Mitarbeiter:

Pfarrer Sperber-Cassel Pfarrer Mockect-Frankfurt a. M.,

und die Prediger der Pilgermisston. Verlag der Buchhandlung der Pilgermisston. Druck von Otto Meyer, Gießen.