2. Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
Ür. IIH
Sams'ag, den 11. Februar 1911.
7, ^ntirniiiio
rUochenschau.
Parlamentarische». — Tie Thronrede in Euglantz. — Rücktritt Moloiojnu’#. — Ministerkrise in Sdnutbm. — Bom Balkan.
fragen der inneren Politik sind augenblicklich Gegen- stand der Debatten sowobl im Reichstage, »vie itn vreutzischen »bgeordneteiihaiile. Mit der breitesten Ausführlichkeit wird am Königsplatze der Etat des RcickiSamt de? Innern behandelt, »nd »ach der mehrwöchentlichen allgemeinen Aussprache beeilt man sich auch bei der Einzclberati.ag nicht londerlich. DaS gleiche ist auch in der Prinz-AIbrechtstraße der Hall, wo man beim Etat des Ministeriums de? Innern recht »»eit auS- bolt. Den Rekord schlug in dieser Woche der sozialdemokratische Abgeordnete Hoslmann, der säst fünf Stundcn lang sprach und noch länger geredet haben würde, wenn nicht die Stenographen am Ende ihrer physischen Kräfte angelangt gewesen wären und Herr Hossmann diesem Umstunde nicht tätte Rechnung tragen niüsscn. Aus den Inhalt der Hofs- inann Ickten „Rede" einzugehcn, verlohnt sich nicht, er über- fot sich in Gemeinheiten. Herr Hossniann bat seiner Sache übrigens einen schlechten Dienst erwiesen. Er bat vergessen, tze.ß er nicht im Rcickistig ist »nd im preußischen Landtage herrschen andere Sitten. Es wird Sorge getragen, daß in Zukunft ein derartiger Mißbrauch der Redefreiheit nicht riebr vorkonnnen kann.
Parlamcntsrrössnung gab es diese Woche in England, cknd die ans dieser Veranlassung gehaltene Thronrede ist in mancher Hinsicht recht bemerkenswert. Insbesondere darf rn,t Genugtuung konstatiert toerdrn, das, der dentsch-eng- 'ischen Verhandlungen wegen Mesopotamien besonder» »nd nt sretindschiftlicher Wtise gedacht wird, während die Zelt noch gar nicht so fern ist, wo in englischen Thronreden de» Vcrhältnisses zu Deutschland überhaupt nicht gedacht wurde, sondern dies im Bausch nnd Bogen mit den übrigen Mächten abgemacht wurde. Weiterhin wird auch der Intimität mit Frankreich gedacht, im übrigen beschäftigt sich aber die Thronrede vorwiegend mit ancdrcn Dingen der Außenpolitik, insbesondere der Balkansrage, die ziemlich optiniistisch in den Darlegungen beleuchtet wird. Dem glänzenden Bilde der Außenpolitik entspricht aber keineswegs das der inneren, und die Aeiißerungen, die in der Thronrede über die Homerule- Bill falle», klingen recht tvenig zuversichtlich. ES geht daraus die große Beklemmung hervor, von der in dieser Hinsicht die leitenden Stellen befallen sind, und rS ist so keineswegs ganz von der Hand zu weise», daß die schlinimcn Bcsllrchtnngen ker Regierung bis zu eine,» gewissen Grade zutrcssm wer- I
den. Jedenfalls geht man jenseits deS Kanals auf dem Gebiete der inneren Politik schweren Tagen entgegen.
Nicht vor den« Parlament, sondern vor den gegen ibn an- gczrttelten Intrigen streicht jetzt Herr Kokozew die Segel. Bereits vor mehreren Wochen wurde der Rücktritt des rus- silchen Ministerpräsidenten angekündigt, ohne daß die Nachricht viel Glauben fand, zumal sie au» der französischen Presse kam. Nunmehr bestätigt sich aber die Demission, der Minister hat es satt, stets und ständig die Treibereien seiner panslavistischen Gegner durchkreuze» zu müssen und will es vorziehen, auf einem angesehenen Botschasterposten für sein Vaterland wciterzuwirken. Sein Rücktritt ist recht bedauerlich, denn Kokowzew war ein gemäßigter Politiker, der nach Möglichkeit die Gegensätze auszugleick>en suchte. Jnsbeson- dcre war er auch Befürworter einer möglichsten Anlehnung an Deutschland, und wenn i» der letzten Zeit eine Schwenkung zu verzeichnen war. so zeigte sich darin das Sinken seines Einflüsse» auf die russische Politik, da die Gegner eifrig am Werke waren, seine Stellung zu untergraben.
Eine Krise hatte in dieser Wockie auch Scktveden zu ver- zeichnen, wo das liberale Kabinett infolge seiner Disscren- zen mit dem Könige zurückgetrcten ist. Angesichts der erpo- nicrten Lage des Landes ist man auch dort jetzt dabei, die Wehrkraft zu Wasser und zu Lande zu verstärken. n»r gehen die Meinungen über Umsang und Tempo auseinander. Die weitergebenden Wünsche des Königs werden n, mentlich von der Landbevölkerung gebilligt, deren 30 000 Vertreter König Gustav eine stllrniisck>c Huldigung darbrachten. Die bei dieser Gelegenheit gefallenen Worte des Monarchen waren aber nicht nach dem Herzen des Ministeriums: es kain darüber zu Auseinandersetzungen, die mit dem Rircktritt »er Negierung enden mußten.
Auf dem Balkan ist die Lage ziemlich unverändert, höchstens, daß jetzt die Situation in Albanien einigermaßen geklärt erscheint. Die Gegensätze sind dort wohl nunmehr aus- geglichen »nd Essad Pascha, der allerlei Winkelzüge gemacht bat, begibt sich jetzt selbst auf die Reise, um an der Spitze einer albanischen Deputation dem Prinzen offiziell die Krone anzutragen. Hoffentlich ist diese Gesinnung von Dauer, damit ein böses Schicksal dem Prinzen erspart bleibt, der mit der Uebernahme der Regierung ein Kulturwerk zu verrichten glaubt. In der ägäischen Jnselsrage dagegen ist noch immer keine volle Einigung erfolgt, die Diplomaten schreiben sich an diversen Noten nach wie vor die Finger wunde. Dagegen scheint eine Verständigung über die Wirt- schastliche Aufteilung Kleinasiens nicht im weiten Felde zu stehen. Deutschland und England sind sich in Gemeinschaft mit der Türkei ziemlich einig, dagegen wird von der fran-
zosisck»en Presse ausgesprrngt. daß die Verimndlunge» zwischen Paris und Berlin noch »reit vom Sciilusse seien. Run, Deutschland bat Zeit zu ivartcn. und es tvärr sehr gut, wenn in der Wilbelmstraße sorgfältig geprüft wird da- init man sich nicht überS Obr bauen läßt.
ProreK (Grittirntnlb lüiiihlcv.
Gießen. 18. F '-ruar 1914.
Au» der Begründung des Urteil«:
Grnnrwnld Winkler.
Da» Gericht sah in dem in der Presse wiederholte» Voi- würfe: Grünetvald sei nicht entschlossen, für seine HandUin- gen rinzustcben, und habe damit bewiesen, wie rerb> er — Winkler — mit seiner Behauptung habe, wenn er da» Verhalten Grünetvald» als einen Akt der „Feigheit" bezeichne, eine schwere Beleidigung im Sinne der §j* IR!, 200 Sir. G. B Der von dem Angeklagte» gesührtr Wahrheitsbeweis: daß Grünewald in früheren Fälle» eben falls den an ihn er- gangene» Forderungen ausgcwickn'n sei. konnte das Gericht nicht als zur Bewertung der Frage: ob Grünewald im Falle Winkler „feige" gehandelt habe, für tauglich erklären.
Da» Gericht hat vielmehr die Ueberzengung gewonnen, daß der Privatkläger möglichst einem Duell answeichen will- daß er aber, wenn die» mit „Anstand" nicht möglich lei. auch für eine Austragung bereit sei. Dies habe er auch in der Unterredung mit Amtsrichter Schneider zu eikenncn ge- glbcn. Zwar erachtete das Gericht die Begründung der Ablehnung des KartellträgcrS Landry als zu jung, nicht als glücklich getvähO, zumal Grünetvald in ciiicui srüliercii Falle (Metz) ebenfalls bnrch ein«), Studenten eiwe Foidernng baße «Herdringen lassen. Durch Zeugen, «vie Wasta« Iw. Bepp und Professor l>r. Poppert, sei auch der Eintvnnd Winklers, Grüncwald habe zwar seine Maßnahmeii nur in Szeiic ge- seht, um eine ernstliche Absicht vorzutäuschui, »ntkrästct, und diese Entkräftung werde auch durch den Aiiilsrichter Schneider insofern unterstützt, al» dieser nicht den geriiigslc» Zweifel hatte, daß Grünew>ild der Austragung der Forderung aus dem Wege geben wolle. In de» Kreise» der Duell- anhänger selbst gäbe c» eine ganzc Reihe von Männern, die die Ausfassung WinklerS: daß durch eine Ablehnung eines Kartelltiägers (liier Sntibrt)), Duellanhänger „latissaktiovs- »usähig" würde», nicht teilen. Die Eigcnsckiast der „Satis- faktionssähigkeit" gehöre nicht znin Begriffe der Eine »nd lei nicht als ein fittlirfjer, sondern als ein sozialer Wert, anzu- scben. Sie konime je »ach der Stelliing i» der Gesellschaft jedem hieriiach Geeignete» zu, ohne Rücksicht auf seine Slellungnoluiie ziii» Duell. Diese . Rechts'frage flirte zu
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