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Sir. »___ ______
Hjslscher GefangenIchaft.
(Schlich.)
Cs war in der Nacht zmn 10. Dezember, als sich die Divi- i'on auf dem Napoleonsplatz versammelt«; sie bestand aus 9 Bataillonen, die zusammen kaum 3909 Mann ausmach:n von Artillerie und Kavallerie war keine Spur mehr. Di« Kosaken , alten sich schon mehrmals in der Stadt gezeigt, dach immer wieder bei Annäherung von Infanterie zurückgezogsi; die gange Kegend wimmelte von ihnen; deshalb gingen Detache. ments an die Tore, während die Division aus dem Platz biwakiert«.
Morgens den 10. Dezember um 8 Uhr fingen wir an, uns aus der Stadt zu ziehen und auf den Höhen in der Vorstadt Polonta zu formieren; sämtliche Kranke, Offiziere und Soldaten wurden in der Stadt ihrem Schicksal überlassen. Mit einem Pelgschuh aus meinem kranken Fuhr hinkte ich mit fort und übernahm meine Kompagnie, di« nur noch aus 50 Mann bestand. Uns gegenüber war die uns verfolgende russische Ka. rallerie aufmarfchiert; sie bestand au» mehreren Tausend Mann Dragoner und Kosaken, welche sechs Geschütz« reitender Artillerie mit sich führten.
Ein« Kosakenreihe hatte uns schon seit einer Stund« in unserer linken Flank« tourrnert und hielt di« Höhen links an der Straße, di« nach Kowno führt, besetzt.
Nachdem in der Vorstadt noch einige Wagen des Kaiserlichen Schatzes von den Traineurs geplündert worden waren und di« ganze Schar der Flüchtigen auf der Straße fortzog. singen wir an, uns in einer geschlossenen Kolonne zu bewegen und dem Zuge zu folgen. Sogleich gab die russische Artillerie uns das Geleit durch einen Hagel von Kartätschen, di« uns mehrere Leute wegrasftcn.
Di« Kavallerie bewegte sich nun hinter uns, ohne je in unsere Schußlinie zu kommen, obfchon ich überzeugt bin, daß ein einziger kühner Angriff unser geschwächtes, zum Teil mutloses Häuschen vernichtet hätte.
Etwa drei Stunden mochte sich der Züg von Wilna entfernt haben, als di« Schrecknisse der Gefangenschaft über mich und dar zweit« Bataillon, hei dem ich stand, hereinbrachcn. Das Vataillon wurde durch unseren weisen Herrn Obersten in einer Vertiefung unter dem nichtigen Vorwände, vor der Artillerie geschützt zu sein, aufgestellt. Auf einmal brach «in feindliches Dragoner-Regiment, dessen Annäherung wir gegen der Höhe nicht hatten sehen können, auf uns ein. Der gui« Bataillons-Kommandeur. auf einen solchen nicht gefaßt, ver. !or den Kopf und kommandierte, anstatt das Bataillon in Karre« zu formieren, den Fiankenmarfch, und bracht« dadurch Verwirrung und Bestürzung unter bi« Leut«. Sogleich hatte ans di« Kavallerie umzingelt und hieb mft Nachdruck von allen Seiten «in, während di« übrigen Bataillon« der Arriere- Garde in großer Geschwindigkeit sorteilten und uns unserem Schicksal überliehen. Das Gemetzel war umso größer, als wir den Dragonern nur ein höOt unwirksames Feuer entgegenstellen konnten, denn durch den starken Schnee waren unsere Gewehr« so verrostet, daß di« wenigsten losgingen; auch konnten di« Leute wegen der Kälte und der erfrorenen Finger nicht einmal wieder laden. Wir wurden säst all« verwundet und gefangen; dasselbe Schicksal teilte uns zuliebe «in Bataillon des 29. französischen Regiments. Nachdem wft von den Dragonern geplündert und gemißhandeft waren, fielen wir den hinten nachztehendrn Kosaken in di« Hände. Palirons bei der geringsten Gegenwehr, sind sie desto grausamer im Rauben und Qualen, Diese feigen Unmenschen nahmen uns nun noch den Rest unserer Kleidung, einigen sogar di« Hemden und Irie- ten un» unter den fürchterlichsten Kantschuhiedin in einem Haufen zurück, General Platow, welcher die Russen komman. vierte, ging kalt an UNS vorüber, ohne di« geringste Verfügung »nscreiwegen zu treffen, und wir blieben, vor Kälte klappernd,
Jfeu« Tageszeitung. Mittwoch, den 7. Jaguar 1914«
in den Händen unserer Peiniger, welche uns in «in feitwäris liegendes, zerstörter Dorf führten, wo der Anführer ein Haus in Brand stecken und uns um dieses Feuer lagern ließ.
An unsere Verpflegung, an ein Verbinden der Wunden oder Bedecken der Blößen dachte keiner der abscheulichen Kosaken; ruhig fütterten sie ihre Pferd«, wühlten in unseren Lumpen herum, ob noch etwas von Wert versteckt wäre und gaben uns unter taufend Flüchen und Hieben eine magere halb verwitterte Pferdekeule, die wir an langen Stöcken in den Flammen des Gebäudes briete« und gierig verschlangen.
Die fürchterlichste Nacht, die ich je durchjammeri«, brach nun an und mft ihr wuchs die Kälte zu einem außerordentlichem Grade. Unser« Leiden schildert keine Sprache.
Da; Mnumern der Verwundeten, die Seufzer der Sterbenden drangen zum Himmel, Beistand vom Allgüttgen er. flehend.
Endlich nach zwölf durchwachten langen Stunden verkündete das matte Flimmern der Stern« den herannahenden Morgen des 1. Dezember. Die Kälte ließ etwas nach, denn wir empfanden die Wohltätigkeit unseres brennenden Hauses in weit höherem Grade. Die Kosaken kamen allmählich auch heran und fingen ihr gestriges Geschäft wieder an, uns durch Tritte und Stöße zu mißhandeln. Der Hunger stellte sich mit gräßlicher Stärke bei uns ein, und ich will es nt« vergessen, wie ein Füsilier meiner Kompagnie, Bonneberger hieß er, «in erhaltenes Stück Brot mit mir teilte; dankend versprach ich, es in glücklicheren Zeiten diesem braven Jungen zu vergelten, doch er starb einige Wochen darauf in Wilna den scheußlichen Hungertod so vieler Tausende.
Es war 2 Uhr nachmittags geworden, als unser Wächter, ein Kosaken-Offizier, den Kantschu zum Zeichen des Aufbruches schwang. Wir mußten uns in Reihen stellen, wurden, mit echt russischer Unbehokfcnheit zu wiederholten Malen gezählt und hieiaus gegen Wilna transportiert. Man führte uns über «inen Platz, wo unser« sämtlichen Equipagewagen zerstreut herumstanden. Die herumgestreuten Trümmer der Koffer und Mantelsäcke gaben uns di« traurige Gewißheit von dem Ver. lüfte unsere; Eigentums, der mich leider sehr cmpsindlich traf, denn nebst mehreren hundert Talern in Geld verlor ich cin« mir unersetzliche Korrespondenz mit vielen mir teuren Menschen der Heimat, mehrere nnschätzbacc Andenken und mein sorgfältig geführtes Tagebuch. Mit schmerzlichen Empfindungen wandt« ich nochmals meinen Blick nach meiner mühselig ersparten, jetzt vernichteten Habe und zog niedergeschlagen über di« Leichensaat der Felder dem gestern verlassenen Wilna entgegen. Abends langten wir in der Darstadt Polanka an und mußten «in« grausam lang« Zeit tm Freien stehen, so daß meh. reve Soldaten hier schon vor Kalt« und Entkräftung starben. Hierauf wurden die Offizier« abgesondert und unserer 40 in «ine kleine erbärmliche Stube eingekerkert, wo niemand sitzen oder liegen konnte; die Gemeinen kamen in ein leeres Kloster. An Lebensmittel war nicht zu denken; gefrorene Ebereschbee- ren, deren ein Trog voll in unserer Stube stand, muhten unseren wütenden Hunger stillen; fo durchwachten wir die zweite qualvoll« Nacht, gedrückt und getreten von der für den Raum unverhältnismäßig großen Mcnfchenmasse.
Den 12. nachmittags wurden wir endlich hervorgeholt uns nach Wilna hereingebracht. Aber, gütiger Himmel. in welchem Zustande sahen mir diese vor drei Tagen noch so blühende Stadt wieder! Verwandelt in «ine Pestgrube, ein Tummelplatz der viehischen, gottlosen Leidenschaft! — Da, scheußlichste Opfer der Rache hatte wohl die Bewohnerschaft borge, brachte 8909 Unglückliche, größtenteils Franzosen, lagen gewürgt von den Händen der Bewohner umher. Wenige Stun- den, nachdem sich die Arriere-Earde aus der Stadt gezogen hatte, fielen die wütenden Bewohner mcuchelmördeiisch über di« zurückgebliebenen Verwundeten und Kranken her, stürzten sie aus den Fenstern und erschlugen sie auf den Straßen, indem
sie sich zu allen Schandtaten fortrcihen ließen, deren nur ent- m«nicht« W.sen fähig sind. Teuflisches Hohngelöchtcr schollt! uns seitens dieser feigen Henker entgegen, als wir durch die Straßen zogen und auf di« Hauptwachc gebracht wurden, fr.:; erhielten wir zum Aufenthalt zwei mit steinernen Fußböden versehene Gemächer, die man vor kurzem nur den groben Der. trechrrn anwies, und «ine Wall)« von russischer Infanterien Feuerung und Stroh blieb uns vorenthalten. Es waren gcgei 8» Offiziere, di« hier eingesperrt wurden. Die Wache uuterzo,' uns ebenfalls den gröbsten Mißhandlungen. An diesem Abend wurde etwas Brot und Branntwein verteilt, aber kaum hin reichend, um unser elendes Dasein zu fristen. Hier lagen tu,, sechs Tage, ohne daß sich irgend jemand um uns bekümmerte, außer dem schon erwähnten Röhr; dieser besuchte uns, bedauerte unser Schicksal und erlangte von dem General Kutu- sow die Erlaubnis, uns des Mittags etwas Eisen schicken zu dürfen. Röhr war der erste uns einzig« Tröster unseres Zain, mers. Distribuftonen von Seiten des Gouvernements blieben entweder ganz aus oder wurden von der Wache «inbehalten und unterschlagen, die überdies im Instinkt ihrer National roheit alles tat. was unsere Lage noch unerträglicher machen konnte. Nach einigen Tagen fing nun auch bei uns der Tot an, einzukehren und viel« wurden ein Raub desselben. Die oft noch warmen Leichname wurden entblößt entweder zum Fensirr hinaus auf die- Straße oder in den Hof geworfen, wo sie verwcfend noch Wochen lang liegen blichen. Die eigene Not und Hilflosigkeit verdrängte fast jede Teilnahme an den Qualen des besten Freundes. Dumpf und fühllos sah man dic nächsten Bekannten dahinsterben, ohne im geringsten durch de ren Leiden ergriffen zu werden. Di« Prüfung ging über Ve, mögen selbst des glaubensstärksten Mannes unv manche, fromm« und ergebene Christ verzweifelte an der ewigen Liehe; meine anspruchslose Schilderung, die nur ein schwaches Abbild des Erlebten bietet, würde auch bei Benutzung grellerer For. ben darauf verzichten müssen, das ganze Elend jener Zeit erschöpfend vorzuführen.
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Bad Münster a. Stein, 14. Juli 1912.
(gez.) PH. Mehl
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