Ausgabe 
22.12.1914
 
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Drgtlir für die Interessen des werktätigen Volkes

D* Cbttbelflldt» v»lti>,cln,n, erlchetnt leben Wkrttatz vdcnd tn «leken. Der «bonnementtpret» beträgt wcchentlick) IS P!g »anallick, 80 «fi ftnfdiL «rmactloün. Dur» die «oO bezogen i»er1eIiäbrl.l«Mt

8tedalii»n und Lrpebttto»

Siede». Bobnbotdrade 22. «cke Lbwenaalie. Televb»» 2008.

anftratr tosten die 8 mal grspall. rtalanetjcUe ober deren Raum lb «I» Oci orösiercn Aufträgen Rat att. Anzeigen wolle man dis abends 7 für die tolgenbe Kummer »> der Eppedition autaebe»

Nr. 297 Gießen,

Ticnstlils, den 22 . Dezember 1914

9 . Iaiirsslniü

Friedensgerüchte.

AnS Berlin wird uns geschriebcu:

3» Berliner Blättern werben Gerüchte initfictcilt und «atiu ich zugleich dementiert, wonach Bestrebungen im ('lange sein solle», im de» Fcstlandkrieg, fei es mir im C (t c 11 , fei es im C(lcn n n o festen zugleich zu Ende zu bringen, Rach der Kreuzzeitung er. ahlte inan sich am Samstag an der Berliner Börse, das, Grosisücst Grill und Gras Witte in Berlin seien, um wegen Einleitung von iricdcne-verhanülnngcn Fühlung z» nehmen. Ändere Leute wollen igar den französische» Bolschastcr Eambon wieder in Berlin ge­hen haben was recht unwahrscheinlich ist, den» wenn Frant- eich insgeheim Verhandlungen einlcilen wollte, würde schwer- ch einen Mann schicken, de» jedermann in Berlin lennt. Es ist der sehr wohl möglich, dasi diesen (Gerüchten irgend ein Bahr- c i tj* fern zugrunde liegt, möchte er auch noch so klein sein. aS fortwährende Hervortreten von Friedensgerüchten verschieden­er Art legt den ('ledantcii nahe, dasi von vssizicllc» oder nicht- sslzicllen Persönlichkeiten andauernd aus baldige Einstellung der cindscligkcitcn hingcwirkt wird. Lb dabei ein Frieden mit einer lacht allein oder mit allen zugleich angestrcbt wird, mag nach der Person der Vermittler, ihren Verbindungen nnd poli- schen Anschauungen verschieden sein. Bei der grosien Zahl der egncr, der Verschiedenheit ihrer Kriegslage nnd ihrer politische» »Icrcsic» ergibt sich eine grosic Zahl von möglichen Kombinatio- ,'n, die der Phantasie am weitesten Spielraum bieten.

I» der Regel kommt ein Fricdensschlusi zwischen zwei tricq- ihrcnden Staaten erst dann zustande, wenn einer von ihnen die »»öalichkcit, weiteren Widerstand zu leisten, nicht bloß vollkom- cn eingeschcn, sondern auch ösfcntlich ancrkannt hat. 8b wäre ne Täuschung, wenn man annrhmen wollte, dasi einer von den egncrn Deutschlands sich jetzt schon zu cincm solchen Zugeständnis chucmen könnte. Es ist falsch, von einem Zusammenbruch ir russischen A r m e e zu sprechen, wie das in den letzten Tagen elfach geschehen ist. Was zusamuicngcbrochcn ist, sagt »ns die auptquartierkmeldung vom 17. Dezember, das ist d,c russische lsscusivc gegen Schlesien nnd Posen. Zn sonstigen Zusanimen- Ingcn soll man mit dem Wort Zusammenbruch etwas sparsamer ttgeheu und sich bemühen, die Tinge so z» sehen, ivic sie sind, cht wie nian sic gerne haben möchte.

Ein Separatfrieden mit Rnftland könnte heute sicherlich nicht ick dem Diktat Deutschlands »nd Oesterreichs geschlossen werden, ndern nur aus Grund einer Verständigung, bei der es weder ieger noch Besiegte gibt. Mit seinem Abschlnsi iviirdcn die nilral,nächte Rusiland als gleichberechtigte Macht anerkennen, sie urden aber zugleich Strafte srcibckommcn, die »ach menschlichem mcsien dazu ausreichcn müßte», irra » kreich in kürzester stt zu zerschmettern. Dasi aber diese Kräfte auch wirklich an- twendct werden würden, ist kaum zu denken. Den» aus der len Seite würde einem solche» Krieg alle Volkstümlich- it fehlen, auf der andere» Seite würbe Frankreich schon rch die blosic Aussicht, den Krieg ohne russische t>ilfc weiter hren zu müsien, zum Einlenken gezwungen sein. Tenn was ankreich für das Frühjahr von England an Hilfskräften er- >rtet, ist nicht imstande, de» jetzt noch im Osten kämpfenden deut­en Truppe» die Wage z» ballen.

Tatsächlich sprechen die Berliner Gerüchte nicht nur von einem jeden mit .'llusiland, sondern von einem Frieden mit Rusitand

> d Frankreich, sodasi dann nur der deutsch-türkisch englische Krieg rig bliebe. Dieser Krieg könnte dann nicht mehr als Landkrieg f französischem Boden, sondern mir als Tee- und Kolonialkrieg itergcsiihrt werden. ZndcS ist es geradezu ausgeschlossen, l Frankreich in seiner gegenwärtige» Lage den geringste» Schritt

Anbahnung eines Friedens nnlernimmt ohne sich mit England Verbindung gesetzt zu haben, wie cs ja auch trotz des bc- >nte» Charakters der russischen Politik wenig ivohrscheinlia, das, Rnftland hinter dem Rücke» Frankreichs mit Deutschland bandelt. Entweder wird man also von jeder Friedensaltion er der Gegner annchincn müssen. dasi sie im stillen Einvei-

> n d n i s mit den ander» unternommen ist. oder aber selbst nn sie ans eigene Faust erfolgt, ivird man damit rechne» dürfen,

> sie in rascher Folge gleich gerichtete Aktionen auch der anderen gner auSlösen würde.

Ei» Separatst jede mit Rußland ,» dem Zweck,

> Kampf gegen den Westen bis zum W e i si b I » t e n zu führen, re ei» namenloses Unglück für Europa. Besondere rhandliinqen mit irgendeiner Macht, wäre cs selbst Rusila, h, dem Zweck, eine» allgemeinen Frieden zu erzielen, wii:-

aber von der Masie des deutschen Volkes gebilligt werden, e dieser Friede» ausseben könnte, weih freilich kein Mensch, irde es gelingen, den Krieg abznbrcche» »nd auf Grund von reinbarungen einen Zustand in Europa herbeizusübre», der lerndcn Frieden verspricht, so wäre das die grösite und t n de rb a rste Tat der Weltgeschichte. Wer an solche W n >' r nicht glauben kann, der ivird alle» Gerüchten von Separat ' Kollektivfiieden im gca »würliacn Stadium des Krieges mit r stärksten Zweifel begegnen. Er wird sein Lhr auch denen schliesir». die die Dinge so darstcllcn als genügte» die bis- igen Erfolge deutscher Wassen auch nur aus einem der Kricgs- iupläyc schon zur Herstellung des Friedens nach deutschem b o t. Die «ras, der Gegner Deutschlands ist zwar c r uttert, aber nicht gebrochen. Roch weift keiner, wann

> wie Friede» werden soll.

Tie Russen,ncdcrlage in Paris.

Rom, 21. Dez. Aus Paris wird telegraphiert, dasi dort rrmnachrichten über die kritische Lage der Rnsieu, ja io - den angeblichen Fall Warschaus verbreitet sind. Tie ruer Milttärkreise suchen das Publikum zu beruhigen.

Tic behaupte», es handle sich nur u>» taktische Rot- Wendigkeiten »nd eine neue strategische Grnppie- ru»g der russische» Heere.

Pkiantastischc Hoffnungen.

Tie Tnriner Stampa meldet aus angeblich absolut sicherer Quelle, das: zwischen den Mächten des Dreiver­

bandes ein Vertrag zustande gekoinnien sei siir die Teil­nahme von 500 000 Japanern am jkriege in Europa, die bis Ende des nächsten Frühjahres in Europa eintresscn sollen, salls es bis dahin den Verbündeten nicht gelungen sein sollte, die Dei>tsck)en aus Frankreich nnd Belgien zu ver­treibe». Zn diesem Zlveck werden angeblich inzwischen die eine Million Soldaten des Lord Kitchener, ferner die Frei? willigen der Kolonien und weitere 700 000 Inder einkreffen.

Diese, lächerlichen Zahlen angebliclicr Hilsshrnppeu zeigen nur die grenzenlose Verlegenheit der Feinde,

Rach russischen Zeitungsnicldnngeii sioht sich Rusiland ge­zwungen, wegen Mangels an weste reu Rejervcn den Rekniten- Fahrgang 1915 eiNtZuEerujen.

Aus Paris wird gemeldet: Petit Fournal enchstlt tu ver­

klausulierter Form die Rachricht, England habe wertere 80(100 Mann nach Flandern geworfen,

Tie mutmassliche Kriegsdauer.

Ter dänische General Nieuwenhuis veröffentlicht in der Nationa.ftiüi>ndc Betrailstuagen über die mutmaß­liche Kricgsdauer, worin er ausführt, daß die Deut- scheu in Belgien, Frankreich und Polen überall so starke Stellungen einnehmen, das; es für die Treiverbandsmächtc mit sehr großen Opfern verbunden sein würde, die Deutschen hinausznwcrfcn. Es werde sehr lange Zeit erfordern, bis im Westen eine kräftige Rheinfront erreicht »nd im Osten 'Schlesien von den russisckien Geeren überschwemmt werden könne. (Nach der russischen Niederlage in Poleri würde General Nieuwenhuis die Aussichten des Dreiverbandes wohl noch geringer bewerten.) Deutschland habe in der Einjährig.Frciwilligen-Jnstitution einen großen Vorteil. Jährlich würden 10 000 Personen ausgebildct, die mit dem tüchtigen Osfizierkorps zusammen eine ausgezeichnete Re- ferne bilden, um die Offiziersverluste auszufüllcn. Deutsch­land sei bisher imstande gewesen, überall den Gegnern die Ttangc zu lialten. Tic Kricgsdauer werde hauptsächlich davon abhängen, ob dieses Verhältnis fortgesetzt werden und. ob das deutsche Volk unausgesetzt den Mut bewahre» könne. Wahrscheinlich werde der Krieg wenigstens bis in den Sommer hinein dauern.

Die Beschießung der englischen Küste.

ES wiid gemeldet, daß außer den Opfern, die direkt durch die Beschießung getötet wurden, eine Anzahl kranker Menschen irlfolge des Streckens gestorben seien. Im ganzen sind 122 Menschen unigekommen, 175 schwer und 374 leicht verwundet worden. Bei der Leichenschau in Scarborough stellte der Obmann der Geschworenen die Frage, ob man nicht eine Anklage wegen vorbedachten Mordes formuliere» könne. Der Ttaatsanwalt riet jedoch davon ab. da eine gerichtliche Verfolgung, die auf die Anklage hin ein- geleitet ivcrdcn müßte, in diesem Falle nur sehr schwer durch­zuführen sei!

Die Kreuzzcitung meldet: Ter gesamte durch die Be­schießung von Hartlepool »nd Scarborough verursachte Materialschaden wird, soweit er Gebäude und Einrichtungs- gegenständc betrifft, auf über 20 Millionen Mark geschätzt.

Prestftimme».

Tie englischen Blätter schwelle» mich immer von Entrüstung d-arnber, dasi .unbesestigtc" Städte an der englische» Oirknstr von den Deutschen beschossen ivonden seien, nxn,-gleich sie selber sagen, dasi hauptsächlich in Scarborough die Hauser gelitten hätten, die hinter der Küstenartillerie ständen. Ta die Engländer die Kabel vollständig beherrschen nnd sie vorläufig ollem die Rachrichten Amerika übermitteln, so ist es ihnen gA,innen. die dortige Meinung bis jetzt zu beciirflusse» und auch Blätter wie der Rervnork American äusicrn sich ähnlich wie die englische Presse, indem sie davon sprechen, dasi die Beschießung von unbefestigten Städten und das Töten ihrer Einwohner keinen strategischen Wert habe und ungesähr genau so sei, wir wen» man die Badeorte bcschiesien wollt«, die der Stadt Rcwpvrk vorgelagert sind. Die Eocuinq Mail sagt, dasi die Be­schießung keine glätizcnde Waisen tat, sondern einfach ein Mord gewesen sei. Wenn erst die Amerikaner Mitteilungen von Deutsch­land erhalten habe» ivcvden. wird sich wchl auch eine andere Auf­fassung dieser Beschiehuitg tundgeben.

Neue Panik in Hartlepool.

Wie die Bosiische Zeitung meldet, berichtet die Times von einer ncucn Panik in Hartlepool. Tie Behörden hatten den Lcwoh,u.ii! der Tradt durch Schutzleute mittcilcn lassen,

daß vorläufig niemand sein Hans verlassen dürfe. Einige der Schutzleute gaben sogar den Rat, sich nach de» Abhängen zu flüchten, da eine neue Beschießung zu erwarten sei. Die Arbeiter wurden von den Schiffswerften nach Hanse geschickt * und die Folge war eine große Panik. Kinder und Frauen wurde» eilig aus der Ttadt gcsckiaftt. Arbeit. Verkehr und Geschäfte stockten den ganzen Tag. Die Eisenbalmdirektion mußte Ertrawagc» und ganze E'trazügc einstellen, um die Flüchtenden sortzusckxissen. Der Bürgermeister von Hartle- Pool hat heute eine Bekanntmachung erlassen, in der von einem Mißverständnis die Rede ift. Einige Todesfälle im, Hospital haben die Zahl der Todesfälle für West-Hartl.'vo-s allein aus 03 erhöbt.

Der Krieg im Orient.

Im Kaukasus.

Konstaiitiiiopel, 20. De,;. (\V. B.) Amtlstlier ?(erstht. Unsere

siegreich gegen Kotnr vorrückende» Truppen eroberte» einige cstigel. die die Stadt l>eherrsche».

Konstantinopel, SO. Dez. (T. U.) Ti« Reis« des Zaren »ach Wladtkaivkas wird als «in «seichen dasiir angesehen, dasi Rusiland die Lage int Kaukasus für gefährdet hält. Man glaubt jedock) nicht, das; die Reis« einen Erfolg hat.

Aegypten unter englischem Protektorat.

Tie Verklärung Ver cuglischen Regierung.

London, 10. Dez. <>V. I!. Nichtamtlich.) Das Presse bureau teilt mit: Der Staatssekretär des Aenßern zeigt an, daß angesichts des Kriegszustandes, der aus der Aktion der Türkei hcrvorgcgangen, Aegypten unter den Sckmtz Seiner Britischen Majestät gestellt sei und hinsort ein britisches Protektorat bilden werde. Tie Suzeränität der Türkei über Aegypten sei daniit beendet. Die britifdje Regierung »Derbe alle notwendigen Maßregeln zur Verteidigung Aegyptem- und zum Schutze der Einwohner und ihrer Interessen er- greisen. Oberstleutnant Sir Arthur Henry Mac Mahon ist zum britiick>cn Obcrkomniissar für Aegypten ernannt tvorden.

London, 21. Dez. (T. l T .) Nach offiziellen Mitteilungen, hat Prinz Husiein dem fortgesetzten Drängen der Engländer nachgegebcn und den Titel eines Sultans von Aegypten on- genommen.

(Hit stegreiches Gefecht bei Lüdcritzbucht.

Kapstadt, 20, Dez. (»'. li. Nichtamtlich.) Meldnn - des Rcuterschcn Bureaus: In lssarnb, 30 Meilen östlich von Lüderitzbncht, hat am 16, Dezember ein (ßeseckit zwischen vor- dringenden englischen Truppen unter Sir Duncan Mackenzie und deutschen Truppen stattgcfnndcn. Ter Kampf, der über zwei Stunden dauerte, endete mit dem Rückzüge, der Engländer.

Tie aufständischen Buren vor Bericht.

Pretoria, 20. Dez. (»'. li. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterfchen BureauS: Ter erste Fall vor dem zur Ab­urteilung der Aufständischen eingesetzten besonderen Kriegs­gericht wurde vorgestern abgeschlossen. Ter Bur va» der Linden wurde wegen des Versuchs, einen Ausstand zu organi­sieren, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Meldung des Rcutcrschrn Bureaus aus Pretoria: Der letzte Führer der Aufttändischen im Freistaate, E o n r o y. wurde gefangen genommen.

Aus Pretoria meldet das. Reulcrbureau: Der Bureit- sührer Kauptmann Fouric, ist voni Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden. Er wurde gestern erschossen. Sein Bruder, Leutnant Fourie, wurde ebenfalls zum Tode ver- urteilt. Das Urteil wurde jedoch in eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren umgcwandelt.

Die drei nordischen Könige.

Die Begegnung der Könige von Dänemark, Norwegen und Schweden ist beendet. Folgendes nichtssagende Eom- muniquk- ist gestern abend nach der Abfahrt des dänischen und norwegischen Königs veröffentlicht worden:

Die Zusammenkunft wurde mittags den 18. Dezember mit einer Rede des Königs Gustaf eröffnet. Der Köniss hob darin den einträchtigen Willen der nordischen Reiche zur Neutralität hervor und betonte, wie wünschenswert ein Fortsctzen gemeinsamer Arbeit zwischen den Rcickien zum Nutzen ihrer gemeinsanren Interessen sei. Der König er­klärte ferner, es sei das lebhafte Gefühl der Verantwortung vor der ganzen Welt gewesen, »nd die Besorgnis, irgend etwas, was zum gemeinsamen Nutzen der drei Völker ge­reichen könnte, z» versäumen, das ihn bewogen habe, ö,/ Monarchen Dänemarks, »nd Norwegens zur Beratung ein-