Ausgabe 
28.9.1914
 
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Organ für die Interessen des der Provinz Oberheffen und

werktätigen Volkes der Nachbargcbiete.

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Redaktion and Ervedition Bietzen, Babnbokliraiic 23, (f<te Liwengasie. relevdon 2008.

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Nr. 224

Gießen, Montan, den 28. ScPtciiUicr IN!4

ö. Jahrgang

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Brutalität als Staatsprinzip.

Die Grundzüge seines Wesens, wie er sie im Frieden be- tätigt, kann ein Staat auch im Kriege nicht verleugnen. Je mehr er sich im Frieden bemüht, seine Bevölkerung nach srei- heitlichen Grundsätzen zu regieren llnd sie zu menschlicher Gesittung anzuleitcn, desto stärkere Gewähr wird er auch da­für bieten, daß sich seine Kriegführung in den Schranken der Notwendigkeit hält und alle Ausschreitungen zu sinnloser Zerstörungssucht und Mordlust vcrincidet. Wenn wir die Berichte von Kriegsgreucln kritisch uachprllfcn und solche Prüfung ist in allen Fällen dringend geboten werden wir uns immer fragen müssen, ob denn das Bild der feind­lichen Kriegführung, das sich da ergibt, auch mit dem über- einstimmt, was wir von den Rcgierungsgrundsätzcn des kriegführenden Staates zu Friedenszciten erfahren haben, und je größer diese llebereinstimmung ist, desto eher werden wir geneigt sein, den Berichten, die uns von verübten un­menschlichen Taten erzählen, eine gewisse Glaubwürdigkeit bcizumessen.

Man inuß nicht alles glauben, was aufgeregte Phantasie über die Greucltaten der zarischcn Soldateska in Ostpreußen erzählt. Aber man wird ohne weiteres zugeben, daß von allen Feinden, die Deutschland umringen, das zarischc Ruß­land derjenige ist, von dem man sich die allerschlimmsten Dinge vorsehen muß. Es kann eben niemand aus seiner Haut heraus, und man kann von den russischen Großfürsten nicht erwarten, daß sie die Bevölkerung eines' feindlichen Staates besser behandeln werden als ihre eigenen Unter­tanen.

Die Gewalt, die das letzte Wort jedes Staates ist, ist Rußlands erstes und letztes Wort zugleich. Der Zarismus kennt kein anderes Regicrungsprinzip als die Herrschaft durch Schrecken. Wenn sie . erfahren, daß der russisch: General Postowski den Befehl gegeben hat, alle Förster von Romintcn zu erschießen und im Falle von Angriffen der Zivilbevölkerung alles mitleidlos zu vernichten, die ganze Be- völkerung zu töten und ihr Eigentum zu verbrennen, so klingr uns diese Nachricht nicht unwahrscheinlich, da der Zarismus bis in die letzten Jahre hinein mit ähnlichen Mitteln gegen seme eigenen unglücklichen Untertanen vorgegangen ist. Tie Kosakengrcuel der Revolutionszeit, die Judenverfolgungen, die ebenso scheußliche wie sinnlose Massennietzelei, die auf den Lenagoldfeldern verübt worden ist, liefern nur Bilder, die mit den neuesten Berichten aus Ostpreußen verzweifelte Aehnlichkeit haben. In manchen Fällen mag der Kulturchr- geiz des Russentnms.zn lobenswerter Zurückhaltung führen, und so ist das einwandfreie Verhalten des zarischcn Militärs in manchen Orten anerkannt worden, während sich an an­deren wieder die Wahrheit des französischen Sprichworts mit erschreckender Deutlichkeit erwiesen hat: Wenn man den

Russen kratzt, kommt der Tatar zum Vorschein.

Auf ein anderes Blatt als die grausamen Befehle der militärischen Oberleitung gehören die Entsetzen erregenden individuellen Akte der Grausamkeit, die von einzelnen russi­schen Truppen oder einzelnen russischen Soldaten begangen worden sein sollen. Wenn cs wahr sein sollte, daß russische Soldaten Frauen mißbraucht, ermordet und verstümmelt haben, so wird es auch in Rußland unzählige Menschen geben, die solche Bestialität nicht anders beurteilen als wir. Auch die militärische Oberleitung wird sich hüten, solche Taten zu billigen und vor der Welt die Verantwortung siii sie zu übernehmen. Wir wissen aber auch, wie gerne man in Rußland beide Augen zudrückt gegenüber Ausschreitungen, die von rohen Anhängern des Zarismus an Andersgesinnte:, verübt werden. Es war doch kein Einzelsall, wenn der Petersburger Untersuchungsrichter die Plünderer der dcut- scheu Botschaft unter feierlicher Anerkennung ihreredlen vatriotischen Motive" aus der Haft entließ. Bei den Juden­verfolgungen, die das unauslöschliche Brandmal Rußlands mlden, hat sich regelmäßig nicht nur kein Richter gefunden er verurteilte, sondern auch kein Staatsanwalt, der anklagte, mcht einmal ein Polizist, der die Ermordung unschuldiger r>rauen ung Kinder zu hindern suchte.

-vn der Seele des russischen Volkes streiten sanfte Gut- mu igkcit und ursprüngliche Roheit miteinander. Die erste hat in der ehrwürdigen Gestalt Leo Tolstois ihre edelste Ver- l; Qr n 8 ^"vden, aber die zweite ist unter der Herrschaft des Hauses Romanow das leitende Staatsprinzip geworden. Wenn Philipp feine Spanier stolz liebte, so liebt Nikolaus seine Russen roh, denn nur ein rohes stumpfes Volk kann die zarische Gewaltherrschaft ertragen, gegen die sich alle mensch­liche Gesittung in ständiger Revolution befindet.

Wir wundern uns also nicht, daß Rußland nach außen auftritt, wie es im Innern ist. Wir hegen auch keinen Haß gegen das russische Volk, das sich nach seiner Befreiung aus zarischer Knechtschaft dank seiner vielen vortrefflichen Eigen­schaften als ein großes Kulturvolk betätigen wird. Aber Haß, unauslöschlicher Haß gegen das zarische S y st c m , diesen Feind des russischen Volkes und aller Völker! Mit ihm und mit ihm von all den Feinden allein darf cs in Ewigkeit keine Versöhnung geben!

Das letzte französische Bnlleti».

Paris, 25. Sept. (Judir. Priv.-Tel.: Ctr. Frkst.j In den ichten Bulletins heißt es: Im Zentrum haben die Deutschen östlich der Argonncn und auf dem Maasufer den Angriff mit besonderer Wucht fortgesetzt. D>e Kämpfe dauern mit wechselndem Erfolge an. In der Gegend von Nancy versuchte der Feind wiederum aus französisches Gebiet einzudringen und die leichten Tcckungsabtei- lnngcn zuriiikzudrängen. In den letzten Stunden trat im Zen­trum und auf dem französischen rechten Flügel Ruhe ein, während aus dem linken Flügel die Kämpfe heftiger wurden.

General Frcuch über Die Kämpfe an Ver Arsne.

T. U. Haag, 25. Sept. General French erstattete Bericht über die Vorgänge an der Aisne bis zum 17. September. Seine Aus­führungen besagen kaum mehr, als über die Operationen bereits bekannt ist. Cr betont gleichfalls, daß es ein Irrtum gewesen sei, von einem Rückzugsgefecht der Deutschen zu sprechen, daß die Deutschen vielmehr in ausgezeichneten Stellungen auf den Höhen am rechten Aisneufcr stehen. Tie deutschen Haubitzen beherrschen von dort aus das ganze Flußtal. Die Engländer haben schwer gelitten. Der Bericht sagt über die deutschen Truppen: Sie sind gut ausgebildct, lange vorbereitet, tapscr im Kampfe, geschickt, mutig, aber nicht wählerisch in den Mitteln, um zu siegen. Sic kennen nicht die Gesetze desFair Play" und schrecken vor nichts zurück. Zwar sind viele Erzählungen über ihr Betragen über­trieben und ihre Maßnahmen, um sich vor Angriffen der Zivil­bevölkerung zu schützen, berechtigt, aber doch sind Grausamkeiten von ihnen verübt worden.

Unsere Ulanen in» Nordwester» Frankreichs.

WB. London, 25. Sept. Die Times meldet aus dem Nord­westen Frankreichs: Am 22. September hat eine Abteilung Ulanen nachmittags die Brücke bei Miramont zwischen Amiens und Arras gesprengt.

Don besonderer Wichtigkeit ist nus der inimer noch sehr spärlichen Reihe der heute vorliegenden Meldungen der Be­richt des deutschen Hauptquartiers über den gelungenen Turchbruchsvorstotz bei St. Mihiel, etwa in der Mitte zwi­schen Verdun und Toul. Damit ist in den östlichen Sperr­fortgürtel gerade an der Stelle, die für das Vordringen un­serer Truppen in das Reimser Schlachtenzentrum von be­sonderer Bedeutung ist, Bresche geschlagen worden. Die Be- dclilung eines Durchbruchs bei St. Mihiel und eines dortigen Ucöergangcs deutscher Truppen über die Maas ist bereits vorher schon von der französischen Presse zugegeben worden: denn diese hat die deutschen Angriffe auf Verdun so beurteilt, daß diese Angrisse die im Woävregebiet stehenden französi- scheu Truppen zur Hilfe herbcilocken sollten, so daß sich dort den Deutschen bei St. Mihiel eine Bresche öffnen könnte. Diese gefürchtete Bresche ist nun also geschlagen und zwar an einer Stelle, die wie der Namen des Sperrforts Eanip-dcs- Roniains schon zeigt, bereits von den alten Römern in ihrer strategischen Bedeutung erkannt worden ist, und wir dürfen hassen, daß nunmehr auch die Entscheidung in der Mitte der Schlachtfront, aus der in den letzten Tagen offensichtlich auf Heiden Seiten Abwarten der strategische Grundzug war, sich beschleunigen wird. Und zwar zu unseren Gunsten umw- mehr, als auch auf dem rechten Flügel die deutsche Offensive nach dem Bericht des deutschen Hauptquartiers, wie nach jenem der Times über das Vordringen deutscher Ulanen wieder vorwärts geht.

Auch die englischen Blätter, die bisher nur von einer Flucht der Deutschen in Frankreich sprachen, sangen nun an, die Lage anders zu beurteilen. Das kann man zwischen den Zeilen des oben abgcdruckten Berichts des englischen Ober- bcschlshabers lesen: das gibt aber auch die angesehene mili­tärische Zeitschrift Land and Water zu, in der Belloc schreibt, die jetzige Stellung der Deutschen sei eine der besten Tevensiv- stcllungen von ganz Westeuropa. Sie sei mit großer Sorg- falt ausgesucht und entspringt nicht dem Zufall und eiligem Rückzug, sondern sei die Linie, aus die die deutschen Befehls­haber von vornherein entschlossen waren, sich zurückzuziehen da es die beste Verteidigungslinie zwischen Paris und der Maas ist. Die ganze Form der Stellung niachc einen Angriff auf sie äußerst schwer. Auch die Times meint, daß ein An- griff auf die Stellung viele Menschen kosten würde, weshalb versucht werde, die Deutschen in der Flanke zu umgehen. Das sollte durch einen Angriff bei St. Quentin geschehen, der mit ganz frischer, Truppen unternommen wurde. Dieser Ver­

such ist aber bekanntlich durch den rechten deutschen Flügel vereitelt worden.

Auch von französischer Seite, so von Oberst Russet in det Libcrtö, werden die Stellungen der Deutschen mit neuen Einzelheiten als riesig stark geschildert, worin einer der Gründe liegt, daß die Franzosen sie nicht stürmen wollen. Es heißt, die Deutschen befänden sich in Steinbrüchen, die angeb­lich vor zwei Jahren von einer deutschen Gesellschaft aufge- kauft und vollständig zur militärischen Verteidigung herge­richtet wurden. Mehrere sorgsam vorbereitete Verteidigungs­linien liefen parallel hintereinander. Auch die Taktik des sich unsichtbar machen findet bei den Franzosen, wenn auch widerwillig, Anerkennung. Ein im Felde stehender franzö­sischer Journalist sagt darüber: Die Taktik, zu sehen, ohne selber gesehen zu werden, entspricht vollständig dem deutschen Charakter und ist durchaus nicht zu verachten. Tie Reiterei verschwindet, kaum daß sie aufgetaucht ist. Wenn die In­fanterie aus ein paar hundert Meter herangekommcn ist, fängt sic mit Maschinengewehren an zu schießen, ohne sich sehen zu lassen. Sie versinkt in ihren Laufgräben, wo sie sich ungesehen bewegen kann, und maskiert sich hinter Hecken und Zweigen. Ihre Ilniform verfließt mit der Farbe der Erde und bildet immer eine nahe, aber nie greifbare Gefahr. Entdecken die Franzosen endlich die Laufgräben, so sehen sie die Feinde sich erheben und fliehen. Das ist aber nichts als eine List, um die Franzosen anzulocken, um sie dann mit dem Feuer der furchtbaren Maschinengewehre der weiter hinten verborgenen Infanterie-niederzumachen. Der Kamps ist für die Franzosen gleichsam die Verfolgung eines Gespenstes.

Der Dom von Reims.

London, 25. Sept. Die Times schreiben ans Reims, cs scheine, gar kein Grund für die Befürchtung vorhanden zu fein, daß ine Kathedrale nicht wieder hergestellt werden könne.

Köln, 25. S-ept. Die Kölnisch« ZeiNrng meldet aus Berlin, daß die aus französischer Quelle verbreitete Nachricht, der Papst habe bei Kaiser Wilhelm oder der deutschen Regierung Verwahrung wegen der Btschädigung der Ägthodral« tn Reims eingelegt, unzutreffend ist. Richtig ist, dgß durch den preußischen Gesandten bei der Kurt« der Papst über den wirklichen Sachverhalt unterrichtet wurde und sich über di« erhaltene Aufklärung befriedigt geäußert hat.

Ein deutscher Krankentransport von Fra ktircnrs überfallen.

Berlin, 25. Sept. (Amtlich.) Nach einer dem Chef deS Fcldsanitätswcseiis vorliegenden Meldung ist im Etappen­gebiet eine Krankcntronsportabtcilung, die mit der Hcrbci- schaffung verwundeter Franzosen beauftragt war, am 23, September, vormittags von französischen Franctireurs über- fallen worden und bat dabei an Verwundeten und Toten einen Oberarzt und sieben freiwillige Krankenpfleger ver» lorcn.

Deutsche Gefangene in Irland?

WB. London, 25. Sept. Wie die Times meldet, sind am 22. September 4M deutsche Gefangene nach Irland befördert worden.

Wie Frankreich zun» Krieg gerüstet hat

WB. Wien, 25. Sept. (Nichtamtlich.) Der während des Krieges gefangene, aus Frankreich zurückgckchrte Qbcringcnicur Christen, welcher vor dem Kriege bei dem staatlichen Kraftwerk an der Rhone angcstcllr war, berichtet über feine Wahrnehmungen und Erlcbnisic in der Rcichspost, die dazu schreibt: Christens Aussagen sind insbesondere charakteristisch für die frühen Kriegsvvrbc- reitnngen Frankreichs, die selbst unserem Ultimatum an Serbien vorausgingen. Christen hatte Anfangs des Jahres Gelegenheit, mit dem inzwischen ermordeten Tozialistenführcr Jaurcs zu sprechen, der ihm schon damals im Verlauf des Gespräches mit- teillc, Frankreich hätte sich mit einer Macht zu Lande und zur See vcrbuudeu, um in naher Zeit Deutschlands Ende herbeiznführcn. Damals, erzählt Ehristcii, habe ich dieser Unterredung mit Jaurcs noch gar keine Bcdcutbug bcigcmesien. Erst als ich am 18. Juli auf einer Dienstreise bemerkte, daß in den Vogesen größere Truppcnmasicn zusammcngezogen wurden, erinnerte ich mich der Vorhcrsanuugcn Janrös. Am 21. Juli wurde bereits der Kriegs­zustand verkündet. Am 27. Juli bekam ich vormiltags meine Papiere mit der Aufforderung, Frankreich zu verlassen. Der Bahn- vcrkehr war aber bereits für Zivilpersonen gesperrt. Nachmittags wurde ich verhaftet und zusammen mit 179 Deutschen, Qestcr- rcichern und Ungarn in einen Keller gesperrt. Am nächste» Morgen ging cs unter Bewachung nach Toni. Auf dem Wege durch die Stadt wurden wir voni Publikum mit Steinen, Kies und Kot beworfen. Am Abend wurden wir in einem Eiskesser auf Stroh untcrgcbracht. Vom 2. August an wurden wir unter Kolbenstößen und Ohrfeigen gezwungen, um Toul Schanzen zu graben und Stacheldrähtc zu ziehen. Tie Schauzgräben hatten eine Breite von 1,30 Meter. Sic wurden mit Ttachcldraht be­spannt. Unter uns befand sich auch ein gewisser Pank Chamber, Prokurist der Deutschen Woüfabrik Schlumberg in Bclfort, der 80 000 Francs Silber seiner Firma bei sich hatte. AlS er sich gegen die Wegnahme des Geldes wehrte, wurde er hinter die Zitadelle geführt, mußte sich dort fein Grab selber schaufeln und wurde dann kurzerhand niedergcschosscn. Am 10, August hörten wir Kanonen­donner, und Schrapnellkugeln prasselten auf das Dach. Am nächsten