Ausgabe 
15.9.1914
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberheffen und der Nachbargcbicte.

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Nr. 213

Gicßcn, Dmistag, Den 15. September 1914

9. Jahrgang

Krieg und Revolution.

Revolution in Paris! Revolution in Petersburg! Revolution in Berlin! So wurde in allen Hauptstädten Europas zu Kriegsbcginn von geschäftigen Zeitungsvcr- käuseni ausgeschrien! Polen, Finnland, ganz Rußland hat sich erhoben, in Berlin sind erst Liebknecht und Rosa Luxem­burg, dann sämtliche sozialdemokratische Reichstagsabgeord­nete erschossen worden. In Oesterreich weigern sich die Tschechen zu marschieren, man hat ihre Abgeordnete teils verhaftet, teils erschossen, in Paris toben schweren Strahen- kämpfc, die Schwarzcmecrflotte meutert kein Wort von alledem war wahr! Uebcrall nahmen die Leute den Kuhfuß auf die Schulter und machchierten. Ueberall herrschte natio­nalistische Erregung, ja man versichert uns, daß in Rußland die Wogen der patriotischen Begeisterung besonders hoch gingen. Mit dem Kriegsausbruch schien überall jede revo- llutionärc Bewegung wie fortgeblasen.

Und nichts ist selbstverständlicher als das. Tenn sobald der Krieg ausgebrochen ist, erscheint jede revolutionäre Be­wegung als Begünstigung des äußeren Feindes. Und da kein Volk den Feind im Lande zu sehen wünscht, würde jedes Volk nach dem Kriegsausbruch mit den Revolutionären höchst unsanft verfahren. Es würde solcheinneren Feinde" ein­fach als Bundesgenossen des äußeren Feindes betrachten und dementsprechend behandeln.

Hierbei ist das Wort Revolution natürlich im Sinne -einer gewaltsamen Erhebung verstanden, nicht in dem Sinne einer friedlichen Umwälzung, in dem cs die Sozialdemokratie stets aufgcsaßt hat. Gewaltsame Erhebungen nach dcni Kriegsausbruch sind in zivilisierten Staaten etwas Undenk­bares, sie, sind, wie die Erfahrung zeigt, selbst in Rußland unmöglich. Das russische Volk hätte sicher von allen Welt- kricgsvölkern den meisten Anlaß, in einem eindringenden äußeren Feind den Befreier zu begrüßen, und daß solche Strömungen unter seiner Oberfläche wirken, ist durchaus wahrscheinlich. Sie sind aber nicht stark genug, um sich gegen- über der nationalistischen Hochflut offen ans Tageslicht wagen zu können.

In einem späteren Stadium des Krieges oder gar nach dem Friedcnsschluß wird es mancherorts vielleicht anders nusschcn. Tenn ein Volk, das von seiner Regierung von Niederlage zu Niederlage geführt worden ist, hat allen Grund, das System, dem es das Elend eines verlorenen Krieges verdankt, so gründlich wie möglich zu revidieren. Ob freilich auch in solchem Falle gewaltsame Methoden Vorteil ver­sprechen, ist eine Frage für sich. Wie furchtbar hat das ge­schlagene fianzösischc Heer 1870 unter den Kommunarden, wie das geschlagene russische Heer 1005 unter den. Revolutio­nären gewütet. Die furchtbare Schlagkraft geschlossener militärischer Verbände wird uns gerade durch den gegenwäc- tigeu Krieg mit furchtbarer Deutlichkeit bewiesen. Die deutsche Armee, so groß sic auch sein mag, bleibt doch in Frankreich eine Minderheit, der sich der geschlossene Wille einer bis an die Zähne bewaffneten Dierzigmillionen-Nation entgegensetzt: und doch kann sie immer weiter ins Land cin- dringen und sich dort behaupten! Wie muß sich da erst die Rechnung stellen, wenn die bewaffnete Organisation des Militarismus einer wehrlosen Volksmasse gegeniiber steht, die keine andere Waffe hat als die Verzweiflung?

Jede Armee kann, solange sie geschlossen ist, den Versuch ltzincr gewaltsamen Erhebung Niederschlagen. Aber auch wenn in ihren Reihen Meuterei ausbricht, bleibt der Vorteil bei den geordneten Verbänden, deren Zusamenfassung der aufgelösten Elemente Herr bleiben wird, solange sich diese nicht in erdrückende« Uebcrmacht befinden. In der russischen Revolution ist es mehrfach vorgekommen, daß die eine Hälfte eines Regiments meuterte, während die andere der Fahne treu blieb. Die Meuterer wurden dann von den Treuge- bliebenen regelmäßig zusammengeschossen.

So wenig also auch die Entfaltung des kriegerischen Apparats die Entstehung und den Erfolg gewaltsamer Er­hebungen begünstigt, so bleibt es doch nicht weniger wahr, -daß der Krieg schon oft der Bahnbrecher revolutionärer Be­wegungen gewesen ist. Denn das Elemcntarereignis eines öcrwgcs ruft solche Veränderungen der gesamten Verhältnisse ^sdor, er erschüttert das Seelenleben aller Einzelnen so tief, -daß durch ihn Mx im Lause der friedlichen Entwicklung cnt- ftnnoenen fragen in Fluß gebracht und zu rascher Lösung gebracht werden können. Die Gewalt übernimmt hier die Rolle des Geburtshelfers, aber trostlos wäre der Gedanke, -daß sie in allen Fragen des politischen und wirtschaftlichen Innenlebens der Völker das letzte Wort zu sprechen hätte.

Der Äricg.

Hat doch sie selbst in unserem Zeitalter der Technik und Or­ganisation aufgehört, etwas rein Körperliches zu sein, auch sie verdankt ihre Kraft dem Geiste, der sie ordnet.

So sind cs letzten Endes doch die geistigen Kämpfe, in denen das Schicksal der Völker entschieden wird. Es sind nicht die großen Kanonen, die das letzte Wort sprechen, son­dern die großen Ideen. Auch eine siegreich hcimkchrende Armee von einer geschlagenen nicht zu reden wäre nicht imstande, an dem eigenen Volke etwas zu verüben, was von der übergroßen Mehrheit als offenbares Unrecht empfun­den würde. Sobald eine geistige Bewegung einen gewissen Grad erreicht hat, entstehen auch gewisse moralische Hem­mungen, die jeden Mißbrauch der Gewalt gegen sie aus- schließen. Vollständig ohnmächtig bleibt schließlich die bloße Gewalt gegen Notwendigkeiten, die jeden Mißbrauch Gvn Gewalt gegen Notwendigkeiten, die sich aus der wirtschaft­lichen Entwicklung selbst ergeben. Eine Wirtschaftsordnung, die ökonomisch nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, läßt sich auch nicht militärisch stützen.

Wir dürfen aber darauf vertrauen, daß der größte Krieg, den die Welt gesehen hat, auch die tiefstgreifcnden Umwäl­zungen im Innern nach sich ziehen wird. Und diese Umwäl­zungen können sich nicht zum Schaden eines Volkes vollziehen, das für die Aufrechterhaltung seiner Existenz nach außen eben erst das Leben in die Schanze schlug!

Neber die Kämpfe östlich vor Paris

von denen der Generalquartiermcister am vorigen Freitag meldete, schreibt der Kriegsberichterstatter der Fr. Ztg. aus dein Großen Hauptquartier-noch folgendes: Als die rechte Flügclarmee östlich von Paris ankam, erfolgte am 5. Sep­tember ein Ausfall starker französischer Kräfte aus Paris auf die Linie Crepy en ValoisMeaux. Dieser Ausfall, der bei den Franzosen durch sehr starke Artillerie, zum Teil durch aus Paris mitgeführte schwere Batterien gestützt wurde, wurde von den Deutschen zurückgeworfen, die auf Paris nach- drängten. Im Anschluß an diesen Ausfall erfolgte südöstlich von Paris ein Vorstoß sehr starker englischer und französischer Kräfte auf die Linie MeauxMontmirail; auch diesem über- legencn Angriff hielten die deutschen Truppen stand, waren jedoch genötigt, ihren rechten Flügel zurückzubiegen. Der Angriff der Franzosen und Engländer war durch, die hart­näckige Gegenwehr moralisch vollkommen gebrochen, so daß die Deutschen ihre rückwärtige Bewegung am rechten Flügel ausführten, ohne daß die Franzosen nachdrängten. Die erste deutsche Armee allein nahm trotzdem 4000 Gefangene und 50 Geschütze mit.

Von den anderen Armee liegen hierüber noch keine Be­richte vor. Die schwersten Kämpfe spielten sich am Abschnitt des Petit Morin ab.

Tie Kämpfe in feindlicher' Darstellung.

T. U. Rom, 12. Sept. (Gtr. Sin.) Die Tribuna erhält aus Paris folgende Darstellung der Operationen im Marnetal: Die Operationen begannen am Sonntag. Tie Schlacht dauert seit fünf Tage» ununterbrochen fort. Fachleute halten die Entscheidung für bevorstehend. An der 250 Kilometer langen Front stehen ans beiden Seiten nahezu 1% Million Streiter. Der deutsche rechte Flügel unter General von Kluck hat sich südlich der Marne, entlang des Morintals befestigt. Seine Stützpunkte sind im Westen Meaux, im Osten Vitry lc Francois. Nördlich dieser Ortschaft hat die Armee des Generals von Biilorv Stellung genommen, zwischen Reims und der Argonne die Armee des Generals von Sausen. Aus französischer Seite stehen zwei Armeekorps nördlich Tezannc- Vitrp. Dieser rechte Flügel ist in der Frontlänge an Verdun, Toui, Epinal angelchnt. F» der Hänptsrvnt känipfcn vier Armee­korps. Die Generale Gallien! und French hatten den Befehl, den rechten Flügel der Armee von Kluck zu bedrohen und einen Front­angriff ans dessen Stellung zu erleichtern, von Kluck, der die Ab­sicht Joffrcs erriet, wollte seinen rechten Flügel verstärken, wurde aber von den Pariser Truppen angegriffen und zog sich später zwischen Fort Gauchcr und dem Petit Morin zurück. Ter Kanonen­donner verzieht sich nach dem Nordostcn.

U. Rotterdam, 12. Sept. <Etr. Sin.) Ein englischer Kriegs­berichterstatter in Paris schreibt, die Verbündeten würden alle Kräfte aufbictcn, um eine Vereinigung des nördlichen deutschen Heeres mit dem durch den Argonncr Wald anrückcndcn sowie mit dem dritten bei Verdun stehenden Heere zu verhindern. Die Ent­scheidungsschlacht werde weiter östlich, etwa bei Verdun slattsinbcn. Derselbe englische Korrespondent sah im Tale des Grand Morin eine lange Reihe Londoner Omnibusse mit französischen Broten. Käse und Kohle. Ein anderer englischer Korrespondent meldet: Der Aufmarsch der Verbündeten erfolgt in einem großen Kreise von Norden ans in der Richtung der Nachhut des rechten deutschen Flügels.

Turkos als Netter französischer Zivilisation.

Amsterdam, 12. Sept. Ter Pariser Korrespondent des Londoner Dailt, Telegraph schreibt: Während der letzten Tage zogen Tausende von Turkos aus ihrem Marsch von Marseille nach der Front durch Paris. Das Publikum war bccgistcrt. Frauen und Mädchen warfen ihnen Blumen und Bonbons zu und viele kützten die

schwarzen Soldaten. Die Turkos machten Gebcrdcn mit der Hand nach der Kehle, ivomit sic ausdrücken wollten, was das zukünftige Los der deutschen Soldaten sei.

Tie Zensur in Paris.

Kopenhagen, 11. Sept. (Gtr. Jrkst.) Der Politiken wirb nach

der Fr. Ztg. aus Paris gemeldet, daß die Zensur schärfer als jemals sei. Täglich fänden sich in den Zeitungen gähnende leere Spalten. Viele meinten, die Tageblätter würden cingehen und durch offizielle Bulletins ersetzt werden.

Kopflosigkeit der französischen Finanzwelt.

Stockholm 12. Sept. (Ctr. Bin.) Mitteilungen aus

schwedischen Handelskreiscn bestätigen, daß man in französi­schen Finanzkreiscn offenbar den Kopf verloren hat. Selbst die dringendsten Anfragen an französische Häuser bleiben un­beantwortet und die französischen Banken zahlen nichts mehr ans.

Volksnnruhen in der Hanptstadt

Frankreichs?

Rom, 12. Sept. Der Corricre dclla Sera meldet aus Paris daß cs nach der heimlichen Abreise der Regierung nach Bordeaux zu Volksunruhc» gekommen sei. Alle Fenster der Ministerien, sonst, des Elisices seien zertrümmert worden. Die Polizei sei nicht ei» geschritten und eine grobe Anzahl Reservisten habe an den Tumulte,, tcilgcnommcn. Das Wachtkorps aus der Place de Tivli habe mit der Menge fraternisiert. Die Erregung in der Bevölkernna lei «ir. geheuer.

Dnm-Dnm ausVersehen"?

Wie die Köln. Ztg. meldet, bestreitet die französische Re­gierung entschieden, daß die französischen Soldaten mit Dum- Dum-Gcschossen ausgerüstet wurden, was schon die Unter­suchung der verwundeten deutschen Soldaten beweisen könne. Möglich sei es aber, daß an einige Soldaten unbeabsichtiger- wcise Schachteln mit Dum-Dum-Geschossen verteilt worden sind. Aus den Rechnungen des Kricgsministeriums sei jeden- falls ersichtlich, daß seit 16 Jahren keine Rede mehr von der Anfertigung verbotener Patronen sein könne. Wenn die Franzosen selbst sich so unschuldig fühlten, wie ihre Regierung jetzt tut und zwar angesichts der unbestreitbaren amtlichen Feststellungen Deutschlands dann hätte Poincarö besser daran getan, wenn er nicht nach Art des fliehenden Ver­brechers an den amerikanischen Präsidenten Wilson tele­graphiert hätte, nicht die Franzosen, sondern die Deutschen verwendeten Dum-Tmn-Gcschosse und suchten nun die Wahr­heit zu verdrehen, um neue Barbareien begehen zu können.

Spielen die Brüsseler mit dem Feuer?

Nach überciustimni-cnden Meldungen aus Brüssel scheint di« Brüsseler Bevölkerung die deutsche Besatzung keineswegs s-o ruhig hiiizunehmen, wie cs zuerst den Anschein hatte. Wie der nach Brüssel zurückgekehrlc iangjährige Korrespondent der KAmschen Voiköztg. meldet, ist die Stimmung der Bevölkerung andauernd in hohem Grade gereizt. Der Versuch der Herausgabe einer drei­sprachige» Tageszeitung sck>eitcrte an einer Gegeiimaßregel des Bürgermeisters Mar. Er lieh durch seine im Amt gebliebene Polizei die Zcitungsvcrläuser verhaften und die Blätter beschlagnahmen, weil die Angabe eines Druckers sehltc: dieser ist inzwischen ermit­telt und vor den belgischen Untersuchungsrichter geladen worden. Der Bcrichierstatter der Köln. Volksztg. teilt dann mit, das; Mar den deutschen Militärbehörden osten mit der Revolution Brüssels bedroht habe, falls ihm ein Haar gekrümmt werde:Wenn Sie es wollen, können Sic die Revolution binnen zwei SNinden haben!"

Inzwischen werden in Brüssel in aller Heimlichkeit Tagcsblät- tcr verkauft: auch der jetzt in Gent erscheinende Pcuple ist da- runter. Vielfach findet man in den Blättern irreführende und ge­fährliche Nachrichten. Tie Kölnische Zig. veröffentlicht folgende Ab- schrijt eines am 5. September In Brüssel verbreiteten Flugblattes mitLebten KrieqSnachrichten":

Aus der Times vom 29. August: Die Russen rücken-, «ach Berlin vor, sie stehen 50 Kilometer davor: Marsch der Russen aus Danzig.

Aus der Times vom 29. August: Die Serben besetzen Men: großartige Begeisterung in Serbien: Aufstand in Oesterreich: tue Tschechen meutern und erschichen ihre Ossizicre.

Aus dem Matin vom 39. August: Rothschild stellt Belgien 50 Millionen zur Verfügung: der Vogesenkamm ist von den Franzo­sen besetzt.

Aus dein Dtaiin: Der Verrat Hollands bestätigt. ,r»lg«:

Holland wird ausgehungert: die englische Flotte besetzt die Häsen.

Halbamtlich: Tie französischen Truppen, die von den itaRenii« scheu Küsten kommen <!> siiid im Anzüge, um den Verbündeten in Belgien Hilfe zu bringen: 200 000 Ftaliencr sollen gegen Oester­reich-Ungarn inarschicren."

Tab derartige Flugblätter die Bevölkerung aufs äußerste er­regen, ist klar. Es ist nur nicht abzusehen, welchen Zweck die Ver­treter der städtischen Bchördeii Brüssels mit der Duldung dieses Un­fugs verfolgen. Wie die Dinge jetzt liegen, wird gewaltsamer Widerstand der Brüsseler Ziviibehörden nur zur Folge haben, daß auch diese Stadt mit ihren jckchnen Bauwerken »nd daß unzählige Privatleute Opfer des Krieges werden.

Der Reichskanzler gegen die englische Nentralitötskienchelei,

W. B. Kopenhagen, 13. Sept. Ritzaus Bureau hat vom Reichs­kanzler v. Bethmann-Hollweg nachstehende Mitteilung erhalten: