Ausgabe 
7.9.1914
 
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MkWsche VolkszeituW

Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhesien und der Nachbargebiete.

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Nr. 206

Gicßcn, Montag, Den 7. September 1914

9. Jahrgang

Krieg und Fortschritt.

Was ist der Krieg für den menschlichen Fortschritt? Die einen sagen, der Krieg ist ein Rückfall in den Urzustand der Menschheit, ist die schonungslose Vernichtung aller in Jahr­zehnten geleisteten Kulturarbeit. Die anderen meinen, der Krieg ist der Sturm, der alles Morsche hinwegfegt, allem Kommenden, Kräftigen die Bahn bricht, er ist der Hebel des menschlichen Fortschritts.

In Friedcnszeitcn haben manche Politiker nach dem Krieg gerufen, weil sie von ihm die Vernichtung der Sozial­demokratie erwarteten. Fürst Bülow hat aber als Reichs­kanzler einmal gesagt, keine Regierung könne den Weltkrieg wollen, denn jede Regierung wisse, daß der Weltkrieg nur der Sozialdeniokratic zugute kommen würde.

Soweit gehen die Meinungen auseinander.

Die größten Fragen der Menschheit werden nicht i n dem Weltkrieg, sondern nach ihm entschieden werden. Schon Lichtenberg hat treffend bemerkt, es komme nicht darauf an, daß in einem Reiche die Sonne nicht untergeht, sondern darauf, was sie bcscheint. Es nützt wenig, Angehöriger eines großen siegreichen Staates zu sein, wenn man dabei wirtschaftliche Not und politischen Druck erleidet, und man kann sich leicht damit abfinden, einem kleinen, mit keinem Kricgsruhm geschmückten Lande als Bürger anzugehören, wenn man dort frei und in seiner Existenz gesichert ist. Viel wichtiger als die Frage nach der künftigen Landkarte Europas ist die Frage nach seinen künftigen wirtschaftlichen und poli­tischen Zuständen.

Nach 1815 kam die Heilige Allianz. Nach 70/71 kam das Sozialistengesetz. Was kommt nach 1914? Diese bange Frage hört man da und dort aufwersen.

Aber 1815 gab es noch keine Organisation, keine politische Presse im heutigen Sinn, kein Parlament. Dem Volk fehlten alle Waffen, um die Ausnutzung des Sieges auch die Reaktion abzuwehren.

Und in den Siebzigerjahren tvar die Sozialdemokratie eine kleine Partei, die, schutzlos den tollsten Verleumdungen preis-gegeben, einein niächtigen Gegner gegenüberstand. Und auch d e m ist es nicht gelungen, sie niedcrzuhalten.

Noch kein großer Krieg ist in einer Zeit geführt worden, in der das Organisationswescn und die Aufklärung der Massen einen relativ so hohen Stand erreicht hatten wie vor dem Ausbruch des Weltkriegs. Darum gehen alle geschicht­lichen Vergleiche fehl. Wir erleben etwas Ungeheures, und noch nie hat die Welt einen Krieg von ähnlichen Ausmaßen unter ähnlichen Umständen losbrechen gesehen.

Aufwärts oder Abwärts! Tie großen Entscheidungeii be­reiten sich vor, vor denen die Bedeutung der Völkerwanderung und der Kreuzzüge verblaßt. Diese Elementargewalt wird uns entweder mit allem, was wir gedacht, getan, gewirkt, in den Abgrund schmettern oder sie lvird uns mit sich sortrcißcn, weiter und höher hinauf, als wir es noch vor kurzem in den kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hätten.

Wohin der Weg geht, wird das Volk selbst entscheiden. Es wird nach dem Kriege zeigen müssen, ob cs versteht, auch im Frieden zu siegen!

Paris hört schon de» Kanonendonner! Amiens in deutschen Händen.

Wie der Lokalauzeiger aus Rotterdam erfährt, hat der Bcrjcht- erstattcr der Times solacndcs an sei» Blatt gemeldet:Das Lome- tal wurde vou den Frau,ose» nusgcgcbcn. Amte n ö i s» i» deutschen Händen. Nachdem ei» blutiger Kamps gclicsert und die Engländer aus La Acre zurückgezogen worden waren, wurde dieses Tvort von den Deutschen genommen. Ter dreitägige Kamp? bei Amiens erreichte seinen Höhepunkt in einem blutige» Geseiht bei Bioreul wo der Erfolg wieder aus deutscher «eite war. Die Verbündeten zogen sich i» guter Ordnung zurück."

Der Daily Ehroniclc meldet, das, sich deutsche Truppen schon bei Ereil zeigte», und sogar bei Scnlis, so daß der K a n o n c n d o n n e r bereits in Paris zu v c r » c h in c n sein dürste.

Während dem Mailänder Eorriere della Sera berichtet tüird, daß die Franzosen Paris preisgcben und ihr Ver- ^wigungszentrum in das Gebiet von Morvant zwischen -V/ion und Ncvers verlegt haben, so daß daS Oisetal jetzt offen '---'at.nach einer Privatnieldung der Fr. Ztg. General lpnllieni folgende Proklamation an das Heer inParis und die Einwohner von Paris erlassen:

Tie Mitglieder der Regierung der Republik habe» Paris verlassen, um aufs neue die Landesverteidigung zu entflammen. Ich haste j> cn Auftrag, Paris gegen den Ein­dringling zu verteidigen, und werde diesen Auftrag bis zum äußersten ausführcn."

Die Pariser Presse soll einstimmig der Ansicht sein, daß das verschanzte .Lage; üan Pqxis lange widerstehen wird. Ob

Der Krieg.

das nach den Erfahrungen von Lüttich, Nan>ur und Givet wirklich der Fall sein wird, darüber dürfte uns die nächste Zukunft schon Aufklärung bringen. Jedenfalls aber glauben wir nicht, daß die französische Armee ganz kampflos die Hauptstadt aufgcben sollte. Das wäre unter dem schier Un- glaublichen, das uns der diesmalige Krieg allerdings schon gebracht hat, wohl das Unglaublichste. Wir würden in einer solchen Maßnahme nur das untrügliche Anzeichen dafür er­blicken können, daß die französischen Gewalthaber ohne Rückt sich auf die wahren Interessen ihres Volkes entschlossen wären, den Kanipf bis zum Weißbluten zu führen.

Die Flucht aus Paris. »

Der Pariser Korrespondent her römischen Tribuna schildert sehr anschanlich in einem Briese von, I, September die Flucht der gesamten Aristokratie auS den Pariser Vorstädten, namentlich aus dem Faubourg Tt. Germain und Tt. Honorc. Die entfloh aus Automobilen, di« hoch bepackt waren mit Koffern und Hausgeräten, nach dem Süden. Gleichzeitig find »am Norden zahlreiche Flücht­linge ans de» Departements Tn Nord, Pas de Calais u. a, in Paris «ingctroffcn. Sie wurden gespeist und mttcrgebracht. Bald begann der Kampf um die Lebensmittel. In ivenigen Stunden ivarcn alle Geschäfte leer. Selbst das große LebenÄinittelhaus Patin mntzde schließen. In den Restaurants stiegen di« Preise fast aus das Dreifache.

Boulogne sur-Mer geräumt!

Ein Londoner Blatt vom 29. August bringt, der B. Z. ani Mittag zufolge, eine Central Ncws-Depeschc, die vom offiziellen Zensnrbnrean zugelassen wurde, des Inhalts, daß Boulogne-sur-Mer von den verbündeten Truppen geräumt wurde.

Boulogne, einer der bedeutendsten Hafenplätze Frank­reichs und mit Calais zusammen der wichtigste Ucbcrsahrts- platz nach England, der Hasen, durch den das englische Expe­ditionskorps den französischen Boden betreten hat, soll von den verbündeten Truppen unserer Gegner geräumt worden sein! Die Nachricht ist amtlich noch nicht bestätigt, aber sie hat nach der Frkf. Ztg. viel Wahrscheinlichkeit für sich, nach- dein der ganze Nordwcstcn Frankreichs in deutsche Hände ge­raten ist und die Franzosen sich um Paris oder mehr nach dem Süden? zu sammeln scheinen. Daß diese Stadt von 45 000 Einwohnern, obwohl sic Festung ist, im Stich gelassen worden sein soll, das ist weiter nicht wunderlich, da die Fran­zosen, wie schon gemeldet, eine Reihe ihrer Sperrbcfestig- ungen im Norden ebenfalls kampflos aufgcgebcn haben.

Die Wahrheit über Löwe».

Amtliche deutsche Darstellung.

Das deutsche Konsulat ht Rotterdam hat dem Nieuwc Rotter­dam sche Courant folgendes Telegramm des Berliner Ministeriums der auswärtigen Angelegen hei tan zu Berlin vom 30. August mit- gcles'lt:

Die Obrigkeit hatte die Stadt Lowe» übergeben. Montag den 24. August begann in Löwen das Eingnarticren der Truppen, und der Verkehr mit den Einwohner» wurde speimdschastlich. Dienstag den 2S. August nachmittags rückten aus den Bericht vou einem zu erwartenden Ausfall die Truppen gegen Antwerpen aus. Der kommandierende General begab stch j, einem Auto nach der Front. Bloß Abteilungen des Landwchrbataillons Neust für die Eifenbahn- bcwachung blieben zurück. Als der zweite Tel! des Gcncralkvm- mandos den, kommandierenden General z Picrd i <gcn wollic und auf dem Markt antrvt, wurde aus den rundum stehenden Häusern geschossen.

Alle Pferde ivurde» getötet und fünf Ofsszierc verwundet, einer davon schwer. Zu gleicher Zeit ivurde in ungefähr zehn anderen Tiadtteilcn geschossen, ebenso auf Lol da len, die gerade am Bahnhof angekommcn waren, und auf einen ankommenden Militärzug. An einem vorher vcrabrcdctcn Zusammengehen mit dem Ausfall ist nicht zu ziveifelu. Zwei Priester ivarcn bei der Verlegung von Patronen zugegen. Der Straßeickampf dauerte bis Mittwoch den 26. August nackmiittags. ivo cs der tuzwffchcn angekonuncneu Ber- stärkwng gelang. Herr der Situativ» zu werden. Tie Stad! und die nördliche Vorstadt standen an verschiedenen Orten in Brand und sind jetzt wahrscheinlich abgebrannt.

Von der belgischen Regierung war dieser allgemeine Bolksauf- stand gegen den amrückenden Feind schon lange vorbereitet: Waffen- dcpots ivarcn eingerichtet, in denen icdes Gewehr mit dem Namen des Bürgers versehen war, der damit bewaffnet werden sollte.

Etn spontaner Volksanfftand ist auf das Verlangen einiger kleiner Staate,, auf der Haager Konferenz als völkerrechtlich ange- nommen worden, wenn die Waffen sichtbar getragen und die Krieqs- gesctzc befolgt iverdcn, doch bloß, wem, cs gilt, einem hcranziehcnden Feind entgegenzurücken. In diesem Fall hatte die Stadt sich aber bereits übergeben nick, di« Bevölkerung dadurch also von weiterem Widerstand abgesehen: die Ltadt ivar durch unsere Truppen bereits besetzt. Trotzdem fiel die Bevölkerung die Besatzung und di« an- kommcnden Truppen, welche durch eine anscheinend freundliche Hal­tung irregsührt. in Zügen und Autos an kamen, von allen Seite» an und cs wurde ein mörderisches Feuer auf sic eröffnet. Das war also keine erlaubte Kriegslist, sondern eitle verräterische lieber- rumpcliing durch dt: bürgevlnh: Bevölkerung, «ine umso verwerf­licherer Ucbcrfall, als dieser früher schon vereinbart war und gleich- zeitig mit dem Ausfall ans Antwerpen statthaden sollte.

Die Waffen wurden nicht sichtbar getragen^ Krauen und junge

Mädchen nahmen! an dem Gefecht teil und stachen Len Verwundeten

di« Augen aus.

Das barbarische Auftreten der belgischen Bevölkerung in fast allen von uns besetzten Teilen des Landes hat uns nicht allem das Recht zu strengen Ptaßregetn gegeben, sondern uns tm Interesse der Sclbsterhasttmg dazu gezwungen. Der intensive Widerstand der Bevölkerung geht auch daraus hervor, daß tn Löwen mehr als 24 Stunden zur Unterdrückung des Aufstandes nötig ivaren.

Daß bei diesen Gefachten ein großer Teil der Stadt zerstört ivordcn ist, tut uns selbst leid: solche Folgen lagen selbstredend nicht in unserer Absicht, könn-en, aber bei dem schändlichen gegen uns ge­führten Fvan-kttrcirr-Krieg nicht vermieden werden. Wer den gut­mütigen Charakter unserer Truppen kennt, wird nicht im Ernst be­haupten können, daß sic zu unnötiger oder sogar mutwilliger V«r-- nichtung geneigt seien.

Die ganze Verantwortung für das Geschehene trägt die belgische Bevölkerung, die sich selbst außerhalb von Recht und Gesetz gestellt, und die, belgische Regierung, die mit verbrecherischer Lcichfertigkeir di« Bevölkenma mit Anweisungen dem Völkerrecht zum Trotz ver­sehen und zu Widerstand angetrieben hat und die auch nach unseren erncuien Warnungen noch deni Fall Lüttichs nichts getan hat, iw» sie zu einem friedlicheren Verhalten anzuspornen.

Die Schlachten im Südosten.

Da mm die östcrrcichisch-nngarischen Operationen gegen die Russen baldigst ganz enthüllt sein werden, werden nack^ einer Meldung aus dem Kriegsprcssequarticr Angaben mit größter Dollständigkeft in Berichten folgen, deren Veröffent- lichung nunmehr der Sache Oesterreichs nicht mehr schaden kann, auch wenn der Feind davon Kenntnis erhält. Die Schleier heben sich vor dem letzten Akt. Die Lage ist für. Oesterreich-Ungarn weiter gut, die Entscheidung jedoch wird noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Ueber das Ergebnis der Kämpfe in Ostgalizien wird dem Berliner Tageblatt gemeldet: Man hat im Zentrum zwar nicht die Schlacht, aber Zeit gewonnen, um die weiteren Operaftonen reifen zu lassen, und wie in Ostpreußen, hat auch hier die Gebictsräumung nur eine vorübergehende und vorbereitende Bedeutung. Die gesamten in Aktion befind­lichen Kräfte der Russen werden auf 700 000 Mann geschätzt.

Ferner wird dem Berliner Lokalanzeiger aus Budapest gemeldet: Von der Kampffront bei Lemberg fehlen immer noch nähere Nachrichten, doch bereiten sich größere Ereignisse vor. Es werden jedoch wahrscheinlich immer noch einige Tage­vergehen, ehe wir das entscheidende Ergebnis erfahren. Ver­wundete der siegreichen Armee Auffenberg erzählen, wie schwer in dem tiefen Sand das Vorrücken der Truppen war. Die Infanterie konnte nicht mehr als zwanzig Kilometer täglich bewältigen. Der Train konnte nur mit doppelter Bespannung vorwärts. Die Verpflegung der Truppen war ausgezeichnet. Aus ihren hergcrichteten vorzüglichen Stel­lungen konnte die russische Infanterie mit Feuerwirkung nur sehr schlecht hcrausgedrängt werden. Es kam in den meisten Fällen zum Bajonettangriff, vor dem aber fast immer die Russen die Flucht ergriffen. Auch in diesen Kämpfen war cs eine häufig sich wiederholende Erfahrung, daß die polni­schen Soldaten iin russischen Heere einfach ihre Gewehre von sich werfen und sich, wo es irgend angängig, ergeben.

Die Londoner Presse konstatiert einstimmig, daß die Armeen der Generale Auffenberg und Dank! in den letzten Tagen riesige Erfolge erzielt hätten.

BcrnhisittttK in Ostpreußen.

W. B. Königsberg, 4. Sept. Als ein erfreuliches Zeichen der wieder clngctretcucn Beruhigung der Bevölkerung darf es gelte», daß seit dem Siege von Ortelsberg und Gilgenburg die vorher avßcrordentlich starken Abhebungen von Lpareinlagcn sofort a»s- gchört und sogar eincin außerordentlich starken Zufluß von Spar­einlagen Platz gemacht haben. Die Mchreinlagen betrugen gegen­über den Abhebungen an einzelnen Tagen bereits über 160 600 Mark. Nach einer Mitteilung des SenatSpräsidentcn der Freien Hansestadt Bremen hat das dortige Hilfskomitee von den durch freiwillige Beiträge gesammelten Mitteln 100 WO Mark zur Lin­derung der Krlegsnötc in Ostpreußen dem Oberbürgermeister von Königsberg zur Verfügung gestellt.

Die tz'holcra in Warschau.

In Warschau ist die Cholera ausgcbrochen. Es werden bereits über hundert Erkrankungen verzeichnet.

Wieder ein englischer Dölkerrechtsbruch.

Nach verbürgter Meldung ans Kairo, die der Frks. Ztg. über Konstantinopel vermittelt wird, forderte am Montag der dortige englische Militärkommandant den beim Khediv: akkredierten deutschen und den österrcichisch-ungarisckten diplo­matischen Vertreter ans, binnen 24 Stunden Aegypten zu ver- lassen. Sämtliche postalische und telegraphische Verbindungen wurden den beiden diplomatischen Missionen abgeschnitten. Sie wandten sich an den derzeitigen Regenten des Landes, da der Khcdivc abwesend ist. Der Regent erklärte ihnen, daß der englische Militärkommandant ohne seine Zustimmung und sein Wissen vorgegangcn sei.