Organ für die Interessen des der Provinz Oberhcffcn und
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Nr. 193
Gießen, Sainstiili den 22. August 1914
9. Jahrgang
Bundesgenossen.
Man vergißt fast, daß sich die Oesterreicher drunten an der Drina mit den Serben schlagen, erwartet auf der See zunächst keine großen Entscheidungen und liest mit Befriedigung von dem Vordringen der deutschen und österreichischen Truppen in Polen. Tie stärkste Spannung richtet sich indes auf den Wafsengang in Belgien und an der clsässischen Grenze, alles andere empfindet man fast nur noch als Begleiterscheinungen des neuen deutsch-französischen Kriegs.
Es ist verständlich, daß der Krieg, der politisch als Krieg gegen Rußland begann, sich militärisch in erster Linie gegen Frankreich gewendet hat. Darin drückt sich zunächst die größte Achtung aus, die man für den Gegner im Westen hegt; er ist der gefährlichere, und wenn man gegen ihn gewinnt, ist zu Lande io gut wie alles gewonnen. In den Kulturzentren Europas, nicht aus den Steppen Halbasiens, fällt die eigentliche Entscheidung.
Als Bundesgenosse des Zaren ist Frankreich in den Krieg niit hineingerissen worden. An allem, was Frankreich droht, trägt Rußland einen großen Teil der Schuld. Das Bündnis mit der Despotie war für die Republik zu Friedenszeiten eine Schande, im Sinne der Machtpolitik könnte es nur nachträglich durch den Erfolg gerechtfertigt werden, sonst verfällt es dem Urteil der Geschichte, nicht nur unmoralisch, sondern auch unvolitisch gewesen zu sein. Einstivcilen spricht aber alles dafür, daß Frankreich mit seinem Bündnis einen schweren Rechenfehler begangen hat. Denn wo stehen die L e g io n e n des Nikolaus, die den Franzosen im Augenblick der Gefahr zu Hilfe eilen sollten?. Wenn wir recht unterrichtet sind, hinter Warschau, und dort werden sie wohl stehen können, solange sie wollen, oder wenigstens solange, bis der Krieg i ni W e st e n entschieden ist. Die Franzosen schlagen sich, wie es niemand anders erwartet hat. mit Bravour, denn auch sie haben, wie die Deutschen, ein Vaterland zu verteidigen. Von russischen Heldentaten hat man mittlerweile nichts gehört, und für was wollen diese brnien Russen auch kämpfen? Uns kann es ja recht sein, wenn sich die Soldaten des Zaren soweit wie möglich von der deutschen Grenze wegbcgcben, wir brauchen dann um den schlimmsten aller Schrecken, die russische Invasion, uicht besorgt zu sein. Die französischen Väter des Russenbündnisses hatten sich aber die Sache wohl ander s v o r g e st e l l t.
Die Pariser Regierungspresse hat »ns früher einmal von den ungeheuren M e n s ch e n m a s s e n erzählt, die Rußland im Fall eines Krieges gegen Deutschland werfen würde. Dadurch sollte die deutsche Streitmacht im O st e n f e st g e» halten, das Vorgehen Frankreichs im Westen wesentlich crlcirfitcrt werden. Man kann daraus schließen, daß eine starke russische Offensive gleich im Anfang des Krieges in den militärischen Abmachungen der Verbündeten vorgesehen war, sie wäre ja auch für die Franzosen das allein Zweckmäßige. Der Zar denkt aber, wie cs scheint, nicht im entferntesten daran, seine geheiligte Haut für die Republik zu Markte zu tragen. Er, der seine Bölkcr stets betrogen hat, wird sich erst recht nicht scheuen, seine Verbündete» zu betrügen.
Uns kann das, wie gesagt, nur reckt sein, nickt nur im augenblicklichen Interesse des deutschen Volkes, sondern auch von noch höheren Gesichtspunkten ans. Je deutlicher sich der militärische Unwert des russischen Kaiserreiches zeigt, desto gewisser geht cs mit dem Zarismus zu Ende und desto sicherer wird auch der Wiederkehr der alten unseligen Aündniskonstellationcn vorgebeugt. Dem Zaren verdankt Frankreich diesen Krieg, dem Zaren verdankt es die einmütige Stimmung der Abwehr, die das ganze deutsche Volk erfüllt, denn nur der Haß gegen den Zarismus hat diesen Krieg in Deutschland populär gemacht. Was verdankt es dem erhabenen Perbündcten sonst? Einstweilen nur die Steigerung der deutschen Siegeszuversicht, die durch ben glatten Vormarsch in Russisch-Polen hervorgernfen wird!
Je d e n t l i ch e r Frankreich und die ganze Welt erfährt, v>as eine russische Bundesoenossenichaft wert ist, desto bester!
Tas englisch-japanische Ucbereirikornmeir.
Ter Nieuwe Rottcrdamsche Courant veröffentlicht als amtliche englische Mitteilung folgendes:
Die englische und die japanische Negierung sind über die notwendigen Maßregeln zum Schutze ihrer Interessen im fernen Lstcn sowie auch betreffs der Integrität des chinesischen Reiches übcreingckommen. Japans Tätigkeit soll sich nicht über das Chinesische Meer hinaus erstrecken, aiißer wenn
'der Schutz der japaiiischcn Schiffahrt dies erfordert; auch nicht auf die asiatischen Gewässer westlich des Chinesischen Meeres und zu Lande auf kein anderes als das von Deutschland besetzte Gebiet in Ostasien.
Deutschland ,md Belgien.
lAintllch.l Die znm zweiten Mal an Belgien gerichtete Aufforderung, mit Deutschland ein Abkommen zn treffen, hat in unserem Bolle die Befürchtung erweckt, als sei Deutschland zu ZngcstänÄ- nissen geneigt. Diese Befürchtung ist unbegründet, Es handelte sich nach „»seren erste» Erfolgen nm einen legten Versuch, die irre geleitete Meinung Belgiens zu seinem eigenen Besten umzustiniwen. Da Bclgic» unser Entgegenkommen abwics, so hat es alle Folgen seines Handelns selbst zu tragen. Die eingclciicten Operationen sind durch das Schreiben an die belgische Regierung nicht einen Augenblick nusgehaltcn worden und werden mit rücksichtsloser Energie durchgeführt.
Der Gcneialguarticrmcistcr v. Stein.
Französisch afrikanische Hilfstruppen.
Aus Marseille wird dem Giornalc d'Jtalia vom 10. August gemeldet, daß die afrikanischen Truppen, vorzugsweise ein- geborene Schützcnregimentcr, die Ueberfahrt bereits beendet haben und in der Richtung noch Marseille abgcgangen seien.
Rußland verbannt doch deutsche Gefangene nach Sibirien.
Ter Deutsche Kurier schreibt: „Entgegen den Versicherungen der Petersburger Telcgrnphenagentur, kein Deutscher sei nach Sibirien verbannt worden, sind erst in den letzten Tagen über Kopenhagen russische Zeitungen hier cingegangen, die das Gegenteil berichten. So schreibt die Petersburger Wjcdomosti vom 25. Juli (7. August), daß zahlreiche in Rußland ausgegriffenc Deutsche nach Jckatcrinenburg und Ostrowskaja transportiert worden seien. Auch die Jsvcstia in Reval vom 24. Juli (6. August) meldet die Müssender baftiing von Deutschen und ihre Abschiebung nach Simbirsk über Moskau. Tic deutschen Reklamationen wegen der völkerrechtswidrigen Zwangsverschickungcn von Deutschen nach den sibirischen Ikralgcbietcn nehmen, wie wir erfahren, trotz der russischen Äbleugnungsvcrsuche ihren Fortgang, um zunächst zweifelsfrei den Ansciithnltsort der internierten Deutschen sestzustcllen."
Asien empor!
Berlin, 19. August.
Am -l, August wars in der Bilhelmstratze, Auf dem Bürgersteig vor der englischen Botschaft klirrte» die Scherben. Gruppe» bildete» sich, die vorübergehende Ausländer, Engländer, Russen, Franzose», mit Verwünschungen, Flüchen, selbst Schlägen bedrängten, Plötzlich zeig!« sich im Lichte der Straßenlaternen ein anderes Bild. Ein Menschenhaufen brachte in wildem Triumph ein dunkles Etwas getragen, das sich beim näheren Zusehen als ein junger Fapancr entpuppte. Mit lächelndem Stolz thronte der Sohn Nippons aus den Schultern der weihen Männer und nahm wie eine Selbstverständlichkeit die Huldigungen der aufgeregten Menge entgegen, die in unsinniger Frcn'de immer wieder schrie: „Hurra! Japan hat Rußland den Krieg erklärt!"
Ein paar Tage später bekam dieser jung« Herr jedoch eine vertrauliche Nachricht von seiner Rcgicrung, die ihn veranlaßt«, die Koffer zu packen und ohne Aussehen zu verschwinden. Sein jetziger Aufenthalt ist unbekannt. Vielleicht ist er über Dänemark nach London, wo er neuer Ovakieneil gewiß sein kann: „Hurra! Japan hat Deutschland ein Ultimatum gestellt!"
Diesmal aber ists leider richtig.
Die Japaner haben nicht umsonst in Europa ihre Studien gemacht. Sic haben von europäischen Staatsmännern geleritt, wie man Gelegenheiten benutzt. Tie Kunst der moralischen Taschenspieler, die mit sittlichen Grundsätzen jonglieren, um sic gelegentlich ganz in ihren weiten Acrmeln verschwinden zu laffcn, beherrschen sie mit Meisterschaft. Sic halten den Augenblick für günstig, um sich mit Zustimmung des englischen Bundesgenossen 'der Herrschaft über das aclbe Meer zu versichern, und richten an Deutschland ein Ultimatum, dessen Sinn und Zweck vollkommen klar ist: Stehe auf, damit ich mich setzen kann!
Man vermiht die ethische Begründung eines solchen Vorgehens. Aber Japan hat auch Journalisten, die von den Offiziösen Europas gelernt haben, und die werden um das Moralische, das sich von selbst versteht, nicht verlcacn sein, „Treue Erfüllung übernommener Bnndnispflichten", „nationale Lebens!ntcressen", ans ein paar Redensarten kommt es nicht an, wenn die Gunst 'der Stunde erlaubt, über einen augenblicklich ziemlich Wehrlosen hcrzufallen und ZI, n e h me », was man kriegen kann,
Japan hat gewählt und entschieden. Als Bundesgenosse wäre es beiden Partcicn willkommen gewesen, cs glaubt aber die Partie des Stärkeren zu spielen, wenn es sich aus die Seite Englands und seiner Verbündeten stellt. Ob cs recht hat, wird der Erfolg zeigen. Mit moralischen Lehren und im Augenblick kaum ausfnhr- daren Drohungen ist aar nickst erreicht: die m i l i tä r i s che n Taten werden entscheiden und nachher die Diplomatie, der bei der Entwirrung dieses weltumspanv.cndcn Krieg sknäncts ein schwer zu lösendes Problem harrt. Auch wenn cs Heer und Flotte gelingt, die europäischen Gegner z» besiegen, bleibt noch der Diplomatie die Aufgabe, den Krieg wirklich zu gewinnen, d, h. ihn zu einem Ende zu bringen, das zum Vorteil des Volkes und zur dauernden Befestigung des Friedens dient.
Jetzt stehe» sechs Staaten, darunter vier Großmächte, gegen zw ei! Drei von den fünf Weltteilen sind in den Weltkrieg hinein-
gezogen! ES ist der g r ö ß t e B ö l k c r k a m p f, den die Erde gesehen hat. Aber welche ungeheure Schauspiele uns auch noch er- warlen, so soll das kleine Bild ans der Wilhelmstraßc nicht vergessen werden, Tic Europäer schlagen sich unter einander und haben den Vertreter Asiens auf ihren Schultern. In einem nebensächlichen Ereignis kündet sich der große Zug der Weltgeschichte, Europa abwärts, Asien empor!
Lesfcntliche Nnterstützririg in der Kriegszeit ist keine Armeunikterstützung.
Das Reichsamt des Innern hat die Auffassung des sozialdemokratischen Partcivoritandcs und der Gewerkschaften, daß Unterstützungen an Arbeitslose, die in der gegenwärtigen Krirczspcrivdc gezahlt werden, nicht als Armenunterstützung anzuschen seien, als richtig anerkannt und wird einen Erlaß wn die Bundesregierungen richten, wonach die Unterstützungen, sie Arbeitslose jetzt ans öffentlichen Mitteln erhalten, nicht als Armenunterstützung anznschcn sind und deshalb die politischen Rechte nicht berühren.
Frankreich tu Amerika abgeblitzt?
Ter Mailänder Eorriere üella Sera gibt eine Meldung des Londoner Daily Telegraph aus Washington wieder, wo- nnch Frankreich Verhandlungen mit nordamerikanischen Bankiers angeknüpft hat, um in Newyork Werte zu hinter- lcgen als Zahlungsgarantie für Proviant, den Frankreich aus Nordanierika beziehen wollte. Präsident Wilson soll den Bankiers untersagt haben, den französischen Vorschlag anzu- nehnien, da Gefahr bestehe, daß durch die Ausfuhr not- wendiger Lebensmittel Mangel in Amerika eintrete.
England uird Deutschland vor dem Kriege.
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung übergibt der Ocffcittkch- kcit Aktensttickc, die sich ans den politischen Mei-mingsauLtmisch zwischen Deutschland und England unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges beziehen. Es ergibt sich aus diesen Mitteilungen, daß Deutschland bereit war, Frankreich zu schonen, falls England neutral bliebe und die Neutralität Frankreichs gewährleiste.
Die ersten Telegramme zeigen, daß Prinz Hainrlch von Preußen sich beim englischen König scheinbar erfolgreich um Friedensvermi«» lnng bemühte. Das bestätigen auch dann folgend« zwischen dem Kaiser und König Georg gewechselten weiteren Telegramme.
Dann folgt zunächst bas Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in London vom 1. August 1914:
„Soeben hat ncich Sir Edward Greg ans Telephon gerufen und mich gefragt, ob ich glaubte, erklären zu können, daß für den Fall, daß Frankreich neutral blieb« in einem dcntsch-russtschcu Kriege, wir die Franzosen nicht ang rissen. Ich erklärte ihm, ich glaubte die Verantwortung hierfür übernehmen zu können. Lichnowsky,"
Telegramm des Kaisers an den König von England am 1. August 1914:
„Ich habe soeben die Mitteilung Deiner Negierung erhalten, durch die sie die französische Neutralität unter der Garantie Großbritanniens anbictct, Diesem Anerbieten war die Frage ange- schlosien, ob unter diese» Bedingungen Deutschland darauf verzichten würde, Frankreich anzugrelscn. Aus technischen Gründen muß meine schon heute nachmittag nach zwei Fronten, nach Osten und Westen angeordnet? Mobilaiachnng vorbereitumgKgcmäß vor sich gehen, Gegcnbefchl kann nicht mehr gegeben werden, weil Tein Telegramm leider zn spät kam. Aber wenn m i r F r a n k- r e i ch s e i n c N c u t r a I i t ä t a n b i c t c t, die durch die englische Armee und Flotte garantiert werden muß, wcrde ich natür- lich von einen, Angriff auf Frankreich abschcn und meine Truppen anderweitig verwenden. Ich hoffe, Frankrciich wird nicht nervös wedren. Die Truppen an meiner Grenze werden gerade telegraphisch irnd telephonisch abgehaltcn, die französische Grenze zu überschreiten, W i l h e l m."
Telegramm des Reichskanzlers an den kaiserlichen Botschafter in London vom t, August:
„Dcnttschland ist bereit, auf den englische» Vorschlag ein zu gehen, falls sich England mit seiner Streitmacht für die lmbcdingte Neutralttät Frankreichs im deittsch- russischen Konflikt verbürgt. Die deutsche Ptvbilmachung ist heute aus Grund der russischen Herausforderung erfolgt, bevor die englischen Vorschläge hier eintrafcn: infolgedessen ist unser
Aufmarsch an der französischen Grenze nicht mehr zu ändern, — Wir verbürgen ii nsaberdafur, daß die französische Grenze bis Montag. 3. August, abends 7 Uhr durch unsere Truppen nicht übcrschrttten wird, falls bis dahin die Zusage Englands erfolgt ist, v, B c t h m a n n - H o l l w e g,"
Tclegramni des K ö n i g s v o n England an den Kaiser vom 1, August 1914:
„In der Beantworttmg Deines Telegramms, das soeben ein- gegangen ist, glaube ich, daß ein Mißverständnis bezüglich einer Anregung vorliegen muß. die in einer freundschaftlichen Unterhaltung zwischen drin Fürsten Lichnowskn und Sir Ednmrd Eren crfvlgt ist, als die Frage erörtert wurde, wie ein wirklicher Kamps zwischen der deutschen und französischen Arincc vermieden werde:! könne, solange noch die Möglichkeit besteht, daß ein Einverständnis zwischen Oesterreich und Rußland znstandekonunt. Sir Edward Grcp wird den Fürsten Lichnowskn morgen früh sehen, mn scstzn- stcllcn, ob ein Mißverständnis auf feiuer Seite vorlwgt, Georg."
Telegramm des Kaiserlichen Botschasters in London an den Reichskanzler vom 1!. August 1914:
„Die Anregung des Sir Edn-ard Grcn, die auf dem Wunsche beruht, die Möglichkeit dauernder Neutralität England? zn schaffen, ist ohne vorherige Sttllungnahme gegenüber Frankreich und ohne


