Nr. 22.
Gieszen, Trinitatis, 7. Juni 1914. 3. Jahrgang.
Hoffnung.
1. Brief der Petrus 1, 13. Begürtet die Lenden eures Gemütes, seid nüchtern und fetzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade.
Sch sitze hier am Schreibtisch und überlege, welcher von den beiden Gedanken des für heute vorgesehenen Textes der Busgangspunkt meiner Betrachtung werden soll, die Hoffnung oder die Heiligkeit. Da Klingt von irgendwoher durch den linden Bbend des Frühlings aus jugendfrischen Kehlen das Lied von der Hoffnung, die den Menschen durchs Leben führt. Sch weiß zwar nicht, ob die fröhlichen Sänger sich ganz bewußt sind, was frohe und starke Hoffnung für ein Menschenleben bedeutet, Bber das tut nichts. Der Kontakt zwischen mir und dem Texte ist da. So schreibe ich von der Hoffnung.
Hoffnungslosigkeit ist die schlimmste Krankheit der Menschheit. Sie zehrt am Marke eines Volkes, einer Gemeinschaft Und des Einzelnen schlimmer als irgend eine Seuche. Sie raubt uns den 5ltem und unser Schaffen wird gelähmt. Sie tötet, aber, was noch schlimmer ist, sie tötet langsam und die von ihr befallen sind, welken dahin und trocknen langsam aus, wie die Blume in heißen Sommertagen, in denen ihre Wurzeln vergebens im harten Boden nach Nahrung sich strecken. Völker und Einzelmenschen sterben dahin, willenlos und schwach, immer das Grab vor den Bugen. Hoffnungslosigkeit lähmt den Willen und vergällt die Freude. Sie macht alt und müde — oft vor der Zeit.
Darum preisen wir die Menschen mit einer edlen und starken Hoffnung; denn sie ist immer ein Zeichen von Sugend und frischer Kraft. Buch der hoffende sieht die Härten und Schwierigkeiten, die Zeit und Leben einmal mit sich führen. Bber sie lähmen nicht seinen Brm und haltloses Sichtreibenlassen ist ihm fremd. Nöte und Schicksalsschläge sind ihm keine Hemmnisse. Er sieht Bufgaben in ihnen, die sein Gott ihm stellt, nicht daß er unterliege, sondern daß er sie überwinde, und seine Kräfte sich stählen. Menschen mit solcher Hoffnung werden stark, wo andere unterliegen. Sie pflücken Bosen, wo andere nur Dornen sahen und sich vor ihren Stichen fürchteten. So glichen sie der Frühlingssonne droben am Himmel. Sie läßt sich nicht schrecken durch die grauen Wolken und mit jedem Tage wächst ihre Kraft. Wenn Eis und
Schnee sie einmal verdecken, so gibt sie den Kampf nicht auf. Sie arbeitet und vertraut auf den Sieg ihrer Sache.
Damit ist schon angedeutet, daß Hoffnung kein Träumen ist. Die Lenden des hoffenden sind umgürtet und nüchtern hell und scharf schauen seine Bugen in die Welt. Seine Hände legt er nicht müßig in den Schoß; denn er weiß: Nur mit dem ist Gott, der etwas wagt und schafft für das große Ziel, das wirklich werden soll. Er prüft die Wege und seine Mittel wählt er mit offenem Blick für das Leben. Dann geht er an die Brbeit, rastlos und mit starker Sehnsucht. Er weiß, daß die Menschen ihn oft einen Schwärmer oder einen Ehrgeizigen nennen. Dann lacht er und ringt fröhlich weiter. Die Zukunft aber legt er in die Hand Gottes. Er vertraut auf seine Gnade.
Solche Hoffnung mag oft schwere Proben zu bestehen haben; aber sie wird nicht zuschanden. Sie hat viele Gottesmänner und Glaubenshelden durchs Leben getragen und das jugendliche Ehristentum verdankte ihr den Sieg. Völker hat sie verjüngt und Menschen, die das Leben mürbe gemacht hatte, verdanken ihr die Genesung. (Oft erlebt der, den sie beseelte, ihre Verwirklichung nicht mehr. Das drückt ihn nicht nieder; denn er weiß: Noch nie ist eine starke, selbstlose Hoffnung vergebens gewesen. Irgendwo ging sie auf und trug ihre Frucht.
Was gerade wir Ehristen von heule nötig haben, dar ist solche zähe, tätige Hoffnung. Sie schafft ein starkes, jugendlicher Geschlecht. Der Jugend aber gehört die Zukunft.
E. Kr.
Griechische Reisen und bommerfrischen.
von Geh. (vberkonsistorialrat v. W. petersen in Darmstadt.
(Fortsetzung.)
Blles ist von großartigen Busmessungen, besonders der Zeus-Tempel, aber das Material enttäuscht einen. Marmor war da eine Seltenheit. Der Stylobat des 64 Meter langen und 271/2 Meter breiten Tempels besteht aus mächtigen porosquadern, einem in der Nähe gebrochenen Muschelkonglomerat. Bus demselben Material sind die 10,43 Meter hohen Säulen von 2,24 Meter Durchmesser, die mit einem feinen weißen Stuck überzogen waren. Bn der Südseite liegen noch einige Säulen, so wie sie das Erdbeben hingeworfen


