Ausgabe 
14.11.1914
 
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WTB. Konstantinopel, 13. Nov. Amt­licher Bericht des Großen Hauptquartiers: In der vergangenen Nacht haben unsere Truppen nach einem überraschenden Angriff alle russischen Blockhäuser an der Grenze des Wilajets Trapezunt besetzt, sind drei Stunden in das Innere von Rußland in der Richtung auf Datum eingedruugen und haben die russische Ka­serne von Kurdoghlu eingenommen.

WTB. K o n st a n t i n o p e l, 13. Rov. (Telegr.) Nach einer Mitteilung aus dem Hauptquartier ist der türkischen Armee ihr Angriff, der gestern früh begann, vollkommen gelungen. Die Russen konnten sich in ihren Linien kaum Tage halten. Die eingclaufenen Nachrichten sagen wörtlich: Der Feind wurd'e mit Gottes Hilfe gezwungen, die Stellungen zu räumen. Er wich aus der ganzen Front zurück und wird von allen Seiten verfolgt.

Konstantinopel, 12. Noo. In El Arisch gingen bei der Einnahme des Ortes sämtliche ägyp­tische Gendarmen zu den türkischen Truppen über. Die Umsassuugskämpse an der kaukasischen Grenze dauern weiter in günstiger Weise für die türkischen Waf­fen fort. (ctr. fft.)

Der heilige Krieg.

Aüs K o n st a n 1 i n o p e l wird gemeldet r Der bereits angekündigte F e 1 w a an alle Mohammedaner bedeutet tatsächlich den Heiligen Krieg. Zahllose Kundgebungen in Indien, Persien, Afghanistan und Aegypten-und die Solidaritätserklärung der Genüssen und Schiiten beweisen das Erwachen der ge­samten islamitischen Welt gegen ihre Feinde, (ctr. bl.)

Der Sultan hat ein Jrade erlassen, durch das offiziell erklärt wird, dah die Türkei sich im Kriegs­zustand mit Rußland, Frankreich und Eng­land befinde.

Nach einer Meldung aus Konstantinopel hat der Scheich Ul Islam den Mohammedanern v e r° b o t e n, in den Armeen Englands, Frank­reichs und Rußlands zu dienen.

Allerlei Nriegsnachrichten.

DieTimes" veröffentlichen eine Depesche des Newyork Herald" aus Balpareiso, nach der es dem Admiral Grafen v. Spee gelang, dieDresden" und Leipzig", die zur Aufsuchung des englischen Kreuzers Otranto" abgesandt waren, wieder mit dem Geschwa­der zu vereinigen, um der aus acht Schiffen bestehenden japanischen Flotte entgegenzufahren. (Ctr. Bln.)

Aus Tokio wird gemeldet: Major Zimmermann und 5 andere Offiziere seien lautKokumin" vor der Kapitulation, unbekannt wie, aus Kiautschou entkom­men und befänden sich auf der deutschen Gesandtschaft in Peking in Sicherheit, (ctr. fft.)

Ein gemeiner russischer BölkerrcchtSbrnch.

WTB. K o n st a n t i n o p e l, 11. Nov. Die deutsche Kolonie von Täbris, die sich auf dem Wege nach Teheran befand, ist von russischen Streitkrästen an­gegriffen und mit Frauen und Kindern aufgehoben wor­den, um nach Rußland in die Gefangenschaft verschleppt

in stiller Menst».

Roman von Paul Blitz.

Nachdruck verboten.

Aufrecht IM Bett sitzend. mit gramvoller Miene sah der Vater ihn an: in seinen Augen schimmerten die Tränen.

Da sank Kurl an dem Bett nieder, ergriff des al- ten Mannes Hand, netzte sie mit heißen Küssen und weinte bittere Tränen der Neue.

Ruhig und zärtlich strich der Alte über das weiche Haar seines Kindes. Dann winkte er der Schwesterzu, daß sie hinausqehen möge. Still weinend ,g, sic es.

Als sie allein waren, sagte er mit milder Stimme- Sieb' ausnd setz Dich hierher."

Wortlos gehorchte Kurl

Ich weiß schon alles. Du brauchst nichts mehr zu beichten Rur sag' mir das eine: Warum bist Tu nicht gleich zu mir gekommen? War ich Dir nicht stets ein guter und milder Vater? Also warum erst setzt?"

Weil ich mich schämte, Papa," antwortete er still

Der Alte nickte. ..Gut. Und nun?"

Da warf sich Kurt noch einmal nieder, umklam­merte bebend des Paters Hand und unter Tränen er­bat er nun seine Verzeihung. Rur dies eine Mal noch! i 01 *«!' 1111 an sollte alles anders und besser werden, daß der Vater seine Freude an ihm haben würde. Er be- schworte es bei dem Andenken an seine tote Mutter.

Zärtlich strich der alle Mann über seines Lieblings Haar. Er glaubte ihm. Er zog ihn empor, küßte ihn und verzieh ihm.

5.

Am anderen Tage bekam Bruno vom Vater einen Brief, der lautete:

Mein lieber Sohn!

Zu meiner großen Freude kann ich Dir mittei- len daß die unangenehme Affäre nun glücklich vorbei und daß alles wieder ins alte Gleis gekommen ist. Und was mich am meisten sreut: ich habe nun auch die Ueberzeugung, daß sich derartiges nicht mehr wie­derholen wird. Und deshalb bitte ich^rjch.,brtz>ah«

zu werden. Versuche von deutscher Seile, die persische Regierung zur Befreiung der Gefangenen zu veranlas­sen, wurden durch die Furcht der Persen vor den Rüs­sen vereitelt. Hilfe, die von dem Emir von Sendjan erbeten wurde, traf zu spät ein. Bei der persischen Re­gierung und dem amerikanischen Gesandten in Teheran wurde energischer P r o t e st gegen den durch Verschlepp­ung der Frauen und Kinder begangenen erneuten Bruch des Völkerrechts eingelegt. Der deutsche Konsul wurde mit seinem Archiv durch das rechtzeitige Eingreifen der amerikanischen Gesandtschaft vor den Russen gerettet.

Rumänien und Bulgarien standhaft.

Nach gestern eingetroffenen. Meldungen hat, der Voss. Ztg." zufolge, Rumänien das Ansinnen RUh- lands, ihm den TruppendMchmarsch gegen die Türkei durch rumänisches Gebiet zu gewähren, bündig zu­rückgewiesen.

Aus Ragufa wird gemeldet: Frankreich bewilligte für Montenegro einen Vorschuß von 3 0 M i l l i o n en. Das Geld ist in Gold über Antivari eingelangt, (ctr. bln.)

China macht mobil!

China hat die allgemeine Mobilisation anqcordnet. Eine weitere Depesche desNew Port He­rald" besagt, daß in Peking ein chinesisches Ultimatum als bevorstehend erachtet.wird.

Wie dieNationalztg." berichtet, teilt einer Meldung aus Petersburg zufolge die dortigeNowoje Wremja" mit, daß sowohl Rußland, wie auch England mit Ja­pan in Verhandlungen getreten seien, die daraus abziel- ten, daß Japan die r u s s i s ch e n und e n g l i s ch en Interessen in China wahr-en möge, da die beiden Mächte infolge des Krieges in Europa nicht in der Lage wären, selbst eine Wahrung ihrer Interes­sen durchzuführen. Ob Japan diesen Auftrag übernom­men hat, steht noch nicht fest, allein wie in russischen diplomatischen Kreisen behauptet wird, dürste Japan den Wünschen Englands Und Rußlands Folge leisten.

Tewet ruft die freie Republik des Oranjefrcistaatcs aus.

R o m, 13. Nov. (Ctr. Bln.) Nach einer Meldung aus L o n d o n äußerte sich D e w e t in einer Ver - sammlung in Berede über die Gründe seiner Em­pörung gegen die Engländer, nachdem er einen her.bei- aerufenen englischen Richter zur Aufnahme eines steno­graphischen Protokolls aufgefordert hatte:

Ich unternehme die denkbar schwerste Revolte, denn ich will die britische Fahne in P r ä t o r i a nieder - holen und eine freie südafrikanische Re­publik proklamieren. Ich habe den Vertrag von Bereeniging 1962 unterzeichnet und England Treu« versprochen, aber wir sind durch das elende englische Geschmeiß bis aufs Blut gequält worden und können es nicht mehr aushalten. König Eduard versprach uns Schutz, er hat nicht Wort gehalten, und einen Tyran­nen über uns gesetzt, der eine Pest für das Land ist.

WTB. Berlin, 13. Nov. (Tel.) Die Kron­prinzessin empfing -gestern den schwedischen Forsch­ungsreisenden Sven Hedin nach seiner Rückkehr aus dem Hauptquartier des Kronprinzen zur -Abendtafel. Der Gelehrte überbrachte der Kronprinzessin Grüße ihres Gemabls und berichtete ihr fesselnde Einzelheiten über seine Erlebnisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen.

Uver das Vorkommnis Diskretion. Und wenn Du wieder mit Kurt zusammen kommst, laß die fatale Sttuation vergeffen sein und vergiß auch, daß wir Dir dadurch ein paar unfreundliche Stunden lcreitet haben.

Ich hege die Hoffnung, daß Du mir diese Bitte erfüllen wirst. Am liebsten hätte ich Dir dies per-

sönlich mitgeteilt. Ab^r da Du letzthin jedes gutge- meinte Wort so selbstsicher abgelehnt hast, möchte ich mich nicht zum -zweiten Mal in solche Situation brin­gen. Denn Du hast mir web getan, mein Sohn, mehr, als Du ahnst! Wohl gebe ich zu, daß ich viel an Dir wieder gut zu machen habe, gewiß, ich spreche mich durchaus nicht srei von Schuld! Aber ich gebe Dir auch zu bedenken, ob es richtig, und vor allem, ob es menschlich groß gedacht ist, wenn man die Hand eines Vaters, der um Verzeihung bitten möchte, der wieder gut machen möchte, lvas er einst gesündigt hat, wenn ma,' diese Hand so schroff zurückweist, wie Du das getan hast.

Ich bitte, überdenk das mal, mein Sohn! lind wie ich Dein Herz zu kennen glaube, hoffe ich. daß Du nach reiflicher Uebcrleguna nun zu mir kommen und mir die Hand reichen wirst!

Ich grübe Dich herzlichst

Dein alter Pater. Bruno las den Brief und las ihn noch einmal. Dann legte er ihn kort, stand sinnend da und sah zum Fenster hinaus. Es war etwas in ihm angeregt, das ihn nachdenklich stimmte. Es klang etwas in ihm, sein, ganz fern, aber es klang von seftnkuchtssüßer Ahnung, die ihm leise das Herz erwärm-e. Doch nur einen Au­genblick hielt das an. Im n-chstcn schon wurden die Blicke ernst und finster, die S:irn voller Falten, und seine Lippen murmelten:Rein, es kann nicht wieder gut werden, es ist unmöglich'" Dann verschloß er den Briei, obne ihn Zn beantworten.

An die Arbeit! Schnell! Um aus andere Gedan­ken zu kommen und nicht senti>"ental ZN werden.

Im Umsehen saß er aus keinem Braunen und ritt ins Feld hinaus.

Aber io lwoba» louff '-'n v'Nleilni'ttel auch war. he',"e w-rsggte es Senn wüh:c:-.d er n:tt besiem Willen

WTB. Berlin, 13. Nov. (Tel.) Zu der bevor­stehenden Reichstagstagung kann dieBoffi- sche Ztg." Mitteilen, daß Steuervorlagen nicht Angebracht werden. Nur eine zweite Kyeditvorlage wird erscheinen, die der ersten ähnlich sein soll. Die bewilligten fünf Milliarden hallen noch Monate vor. Für die Folge - zeit will die Regierung schon jetzt eine genügende Etats­deckung sichern. Außerdem ist die Denkschrift über die Kriegsverordnungen zu erwarten. Der Etat wird erst im Februar vorgelegt.

Hin Stadt und Land.

* Die Gr oh Herzogin hat am 11. Noqem- ber den Kreisarzt des Kreisgesundheitsamts Gießen, Geheimen Medizinalrat Dr. Julius Haberkorn auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste, mit Wirkung vom 1. Dezember 1914 in den Ruhestand versetzt und ihm das Ehrenkreuz des Verdienstordens Philipps des Groß - mütigen verliehen. Zu Nachfolger wurden der Kreis - arzt des Kreisgesundheitsamtes Erbach Medizinalrat Dr. Erifft W a l g e y zum Kreisarzt des Kreisgesundhcits- amtes Gießen und der Kreisaffistenzarzt bei dem Kreis- gesundheitsamt Offenbach Dr. Adolf I a u p zum Kreis­arzt des Kreisgesundheitsamtes Erbach ernannt.

* Gießen, 11. Nov. Die Zahl der bisher ein­geschriebenen Studierendenbeträgt einschließlich der im Eiamen stehenden Kandidaten 250; 83 von ihnen be­suchen zum erstenmal eine Hochschule. Für das wirk - schastiiche Leben der Stadt ergibt sich aus dem Rück - gang manch fühlbarer Ausfall.

! Frankfurt a. M., 12. Noo. Zahlreiche hier wohnende Engländer hatten, als ihnen ihreVer­schickung" nach Ruhleben angedrohl war, ihre Aufnahme in den preußischen Staatsverband nachqesucht. Die Po° zei nahm von dieser etwas späten Einsicht keine Notiz mehr, sondern verfügte heute die Ueberführung der Leute nach Ruhleben.

):( Kassel, 12. Nov. Das eiserne Kreuz I.Kl. wurde dem Flieger,offizier Karl Caspar aus Kassel verliehen, der mit einem Begleitosfizier über Calais nach Dover fliog und dort erfolgreich die Küstenwerke mit Bomben beworfen hatte.

* Weimar. Eine eremplarische Strafe erhielt der Arbeiter Willy Munck in Jena, der als Pofthilfs - bcte dort beim Leeren der Stadtbrieflaften in minde­stens 12 Fällen F e l d'p o st f e n d u n g « n mit Zigay- ren und Schokolade entwendete. Er wurde von der Strafkammer mit 1 Jahr 6 Monaten bestraft.

Stadttheater totesten.

Direktion: Hermann Stcingoetler.

Sonntag, 15. Nov., nachmittags 3^ Uhr:Die Rabenfteineri n". Schauspiel in 4 Akten voü Ernst von Wildenbruch.

Dienstag, 17. Nov., abends 8 Uhr:Zopf und Schwer t." Lustspiel in 5 Aufzügen von Karl Gutzkow.

Freitag, 20. Nov., abends 8 Uhr: Voiks-Vorstell - ung:Wie die Alten fungen." Lustspiel in 4 Akten von Karl Niemann.

_ _ _ -i. u

Verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Dr. Oetters ClJSfin

ir* unübertrefflich zur Herstellung von

Puddings, Mehlspeisen nnd Kuppen aller Art sowie

zum Verdicken von Suppen und Tunken.

nnv srönnen sich mich setzt feiner ihm so lieb geworde­nen Tätigkeit widnictc, immer versolate ihn der Bries des Vaters mit seinen mahnenden Worten.

Und aus einmal kam wieder die Bitterkeit in ihm

hoch----Diese Fürsorge um den verzärtelten

Liebling. Damit nur der R»s des jungen Herrn nicht einen Makel erlitt. Ammer er, 'tttmct dieser gute, liebe Junge war der Mittelpunkt. Ihn liebte der Vater, das zeigte dieser fürsorglich bittende Brief ja wieder ganz klar. Für ihn tat er alles Nichts war zu unerschwinglich für ihn.

Mit zusnmmcugeprehten Lippen stand er da nnd starrte vor sich hin. Das 5-erz ward ihm voll und schwer. Und plötzlich formte sich all dies sehnende Weh zu dem Gedanken- C, wie schön, wie herrlich mußte cs sein, so, so unaussprechlich nrl'-ht zu werden.

Er schloß die Augen. Und er biß die Zähne zu- saminen, um nicht weich zu werden Aber dennoch fühlte er, wie es in seinen Augen feucht wurde.

Sinnend, sich auälcnd mit Fra-cn stand er da.

Warum eigentlich grt-eite'e und schaffte er? War­um vom Morgen zum Abend diese Vlackerei? Für wen denn? Ja. für wen denn eigentlich?

Einsam stand er ja d», einsam »nd oerlaffen. Nie­mand fragte nach Um. Und wenn er heute die Augen für immer schloß, nicht einen gab eS. der um ihn wei­nen würde.

So jammervoll verlassen war sein Leben-

Er sann und sann.

.Zum ersten Male kam es vor. daß er ohne Aus- mcrksantkeit durch die Felder ritt und nicht sah, was seine Leute taten: zum ersten Mal, daß er seine Pflicht vernachlässigte, weil seine Gedanken anderswo waren.

Aber er machte nun die Entdeckung, daß ans die Dauer auch die mutigste Arbeit allein den Menschen nicht befriedigen, lein Dasein doch nicht s» ganz aus- füllen konnte. Das kernte er in diesem Augenblick bc- greifen.

Und weiter >ann und grübelte er.

Ach, diele Einsamkeit, diese quälende, bohrende Still-. Diese trostlose Verlassenheit der Seele.

Fortsetzung folgt.