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Die Zahl der Todesfälle zeigt in den Jahren 1870—1936(mit Aus⸗ nahme des Weltkrieges) eine stetig abfallende Tendenz.
Wenn nun seit dem Jahre 1871 die Sterblichkeit nicht so gesunken wäre, so hätten bereits im Jahre 1910 unsere Geburten nicht mehr ausge—
reicht, um den Bestand unseres Volkes zu erhalten. Wir haben es also
nur dem starken Sinken der Todes hurve zu verdanken, daß wir trotz unserer beschämend geringen Geburtenzahl noch einen trügerischen kleinen Geburtenüberschuß ver- zeichnen konnten.
Der Tod hat in früheren Jahren eine frühzeitigere und reichere Ernte gehalten als heutzutage. So waren z. B. die Verluste an Menschenleben selbst in den blutigsten Jahren des Weltkrieges nicht höher als im Jahre 1885, ja sogar geringer als in den vorhergehenden Jahren. Die Menschen sind also früher in jüngeren Lebensjahren gestorben als heute, da die medi⸗ zinische Wissenschaft, die Fürsorge, die hygienischen Maßnahmen usw. damals noch nicht so ausgebaut und noch nicht so erfolgreich waren.
Untersuchen wir die Entwicklung der ehelichen Fruchtbar⸗ keit in Deutschland, so wird das ungeheure Ausmaß besonders deutlich, das der Geburtenrückgang genommen hat. Während noch im Jahre 1880 auf looo gebärfähige verheiratete Frauen rund 300 Geburten kommen, sinkt diese Ziffer innerhalb von 80 Jahren auf 100 Geburten.
Anders ausgedrückt kam im Jahre 1900 noch jede dritte Frau, im Jahre 1910 nur noch jede fünfte und im Jahre 1933 nur noch jede zehnte Frau im Durchschnitt ieder
In der Hauptstadt Berlin war das Sinken der Geburtenziffer ein noch katastrophaleres: Im Jahre 1880 kamen dort auf looo Ehefrauen im ge— bärfähigen Alter noch 230 eheliche Geburten(d. h. auf jede 4. Frau ein Kind), im Jahre 1932 kamen nur noch 4s eheliche Geburten auf 10oo Ehe— frauen(d. h. auf jede 20. Frau im gebärfähigen Alter ein Kind).
Praktisch war damals in Berlin das Einkind-System rest⸗ los eingeführt..
Die Zahl der Eheschließungen ist, abgesehen von einem kleinen und erklärlichen Anstieg nach dem Kriege, bis zur Machtübernahme im großen und ganzen gleich geblieben. Hieraus geht aber hervor, daß der Ge— burtenschwund durchaus nicht allein auf einen Mangel an Eheschlie— ßungen usw. zurückzuführen ist, sondern daß er in der Hauptsache durch die veränderte Lebensauffassung des deutschen Volkes erklärt werden muß. Es hatten in den Jahren 1928 bis 1933 im Durchschnitt
40 9% aller Ehen keine Kinder 330% 5 1 oder 2 Kinder e 3 Kinder E mehr als 3 Kinder
Wie immer, wenn Kulturstaaten zu Grunde zu gehen beginnen, stellt sich die Entvölkerung zuerst in den Großstädten ein. So war es auch bei uns in Deutschland.
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