rahmt in Sagenkreise von Wunderdingen des Außerordentlichen. Durch Vor— spiegelungen britischer Handelsmänner, durch gelehrte Hinweise auf Caesars Zeugnis für Britannien als Hauptquartier der Druiden, durch die Erinne⸗ rung an Procops Gespenster- und Totenschiffe, entstand der Mythus von England als der„heiligen Insel“. Aus ihm zogen ihre Bewohner jeden erreichbaren Nutzen in wirtschaftlicher, politischer und religiöser Hinsicht. In seinem Zeichen erhoben sie Herrschaftsansprüche auf die Ergebenheit aller anderen. Denn eine Großmacht unter den Völkern betrachtete sich selber als Erbe des irdischen Zion und Jerusalem, ließ sich auch feiern als ein Mekka oder Tibet des Abendlandes, als ein Agypten des Westens, Rom ebenbürtig und überlegen.
4.
Mit dem Anschein der Heiligkeit des Landes hängt zusammen der Traum von seiner Unangreifbarkeit. Noch werden die Vorteile der Insellage ins Feld geführt:„Du Bollwerk, das Natur für sich erbaut, der Ansteckung an Hand des Kriegs zu trotzen“, so hatte Shakespeare seinem England zu— gerufen. Es war einmal gesichert durch den Wassergraben rings um die Burg. Aber die Erzählung von ihrer Unerreichbarkeit klingt heute wie ein Märchen. Das wollen sie nicht Wort haben und es ankommen lassen auf eine letzte Probe. Während des Weltkrieges wurde ihnen zeitweise unbe— haglich zu Mute, aber die Seeherrschaft blieb aufrecht erhalten. Zeppeline wirkten wohl erschreckend, doch waren sie nicht lebensgefährlich. Auch deutsche U⸗Boote genügten damals nicht, sie aufzuscheuchen aus dem Gefühl der Sicherheit. Sie saßen auf der Insel und hatten Zufuhr. Ein entscheidender Wandel der Stimmung und des Daseinsgefühles setzte ein mit dem Aufbau der deutschen Luftwaffe, zunächst bei Angehörigen der britischen Wehrmacht und Flotte. Als Soldaten sind sie ehrlicher wie ihre Staatsmänner und verschleiern nicht gerne. Sie warnten vor Selbsttäuschung und gaben schwerer Sorge Ausdruck, auch in Denkschriften.
Man konnte Einsichtige antreffen, in schwermütige Betrachtungen ver⸗ sunken über die Ironie des Schicksals, das gewaltet hat bei der Bil⸗ dung ihres Weltreiches. Seine Außenglieder seien schwer angreifbar; denn wer gedächte mit Erfolg vorzugehen gegen Südafrika, Australien, Neuseeland, Kanada oder Indien! Das edelste Organ aber, Hirn oder Herz, in jedem Körper doppelt, ja dreifach gegen Verletzung gesichert, hier das wichtigste Glied, nämlich England selbst, sei am leichtesten verwundbar, Luftangriffen preisgegeben, ohne hinreichenden Schutz. Nur ein Schimmer jenes Vor⸗ zuges, Insel zu sein, bleibe übrig, solange die Heimatflotte unversehrt sei und imstande, dem Einfall feindlicher Heere zu wehren. Ihr wiederum ge— reiche zu schwerem Nachteil der Umstand, daß ihre Liege- und Versorgungs⸗ plätze neuen Kampfmitteln des Gegners ausgesetzt sind. Daß die Operations⸗ basen nahe am Feind zu liegen hätten, das sei ein strategischer Grundsatz, der in abgelebten Zeiten galt. Es folgten Vorschläge über Rückverlegung der englischen Kriegshäfen, heraus aus der Gefahrenzone an Orte, die günstiger sind, weil sie Bergung gewähren und als Versammlungsraum noch Unter⸗ nehmungen größeren Ausmaßes gestatten.


